Paralympische Spiele
Ein sportliches Diplom in Tokio vor dem ökonomischen Master in Bern

Der Hölsteiner Tobias Fankhauser startet heute im Handcyclewettkampf mit dem Zeitfahren an den Paralympischen Spielen. Seine sportlichen und privaten Ziele sind ambitioniert.

Riccardo Ferraro
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Tobias Fankhauser startet an den Paralympischen Spielen in drei Disziplinen.

Tobias Fankhauser startet an den Paralympischen Spielen in drei Disziplinen.

Bild: Beat Bättler

Es ist Freitag, 17 Uhr, am Lake Kawaguchi, etwas ausserhalb des Grossstadttrubels nahe des Mount Fuji. Hier lassen die Schweizer Paracylcists den Tag ausklingen. Mit dabei ist Tobias Fankhauser. Der Strassenrenn- und Zeitfahrer geht für die Schweiz in der MH2-Wettkampfklasse an den Start.

Die Abkürzung beschreibt im Parasport die schwere der Behinderung und reicht von Eins bis Fünf. Je tiefer die Zahl, desto schwerer die Behinderung. Fankhausers Rennen finden heute Dienstag, am Mittwoch und am Donnerstag statt.

Die Vorbereitung auf die Wettkämpfe wurde durch Corona erschwert. Eine Einreise nach Japan war erst sechs Tage vor dem ersten Einsatz möglich. Aus diesem Grund verpasste Fankhauser die Eröffnungsfeier. Die Vorbereitung auf die klimatischen Bedingungen überliess Fankhauser aber nicht dem Zufall. Da diese schon vorher bekannt waren, hat er sich zehn Tage lang in einer Hitzekammer in Grenchen vorbereitet.

Neue Bekanntschaften gibt es in Tokio nicht

Im Cycling Village, das sich nicht im olympischen Dorf befindet, ist die Stimmung unter den Schweizer Athleten gut. Mit Athleten anderer Nationen kommt der Kontakt nicht oft zustande.

«Die Gegebenheiten mit Corona laden nicht gerade zu einem fröhlichen Zusammensein ein»,

erklärt Fankhauser. Ausserdem sind die Athleten dieselben wie an einer Weltmeisterschaft oder einem Weltcup-Anlass. Neue Gesichter oder andere Behinderungen lernt Fankhauser daher nicht kennen. «Das ist ein Wermutstropfen», gibt er offen zu, hebt aber einen Vorteil hervor: «Wir haben hier genau das Umfeld, wie wir das schon x-mal an den Rennen gehabt haben.» Die Abgeschiedenheit stört ihn nicht. «Ich habe das Leben im Village schon an den Spielen in Rio und London erlebt», sagt er.

Ein Vorteil der Abgeschiedenheit ist, dass seine Wettkämpfe aufgrund anderer Schutzmassnahmen vor Zuschauer stattfinden können. «Eine Medaille ist leider wohl nicht realistisch», ordnet Fankhauser seine Chancen ein. Wichtig ist ihm, am Renntag seine beste Leistung zu bringen und vielleicht ein paralympisches Diplom zu holen.

Dass Fankhauser überhaupt an den Paralympics teilnimmt, hat seinen Ursprung schon im Jahr 2003. Beim Velofahren in der Freizeit verunfallte Fankhauser unglücklich und wurde von einem Car überfahren. Seither hat er eine Tetraplegie.

Durch Zufall findet er zum Handcycling

Nach dem Unfall kam Fankhauser mit 13 Jahren nach Nottwil ins Paraplegiker-Zentrum. Dort war er einer der jüngsten und hatte damit zu kämpfen. Er wurde einer Sportgruppe zugeteilt, in der sein Physiotherapeut ihn einmal in ein Handbike setzte. Das gefiel Fankhauser und bald fuhr er sein erstes Rennen.

«Ich habe öfters trainiert, einfach um mehr Kontakt mit gleichaltrigen Menschen zu haben»,

erzählt Fankhauser. Gleichzeitig half ihm der Sport dabei, kräftiger zu werden. «Vorher hatte ich alles mit den Beinen gemacht – ich hatte Arme wie Zahnstocher», sagt Fankhauser. Das Training unterstützte ihn dabei, schneller und länger Rollstuhlfahren zu können. Dazu brachte ihn der Sport in der Zeit, in der er im Nationalkader war, an Orte, die er sonst wohl nicht gesehen hätte.

«Diese Erlebnisse und die entstandenen Freundschaften möchte ich nicht missen»,

hält Fankhauser fest. Er war schon früh von den Olympischen Spielen fasziniert und arbeitete intensiv auf eine mögliche Qualifikation für die Paralympischen Spiele hin. Nach der ersten WM-Qualifikation im Jahr 2010 wurde er 2012 überraschend für die Paralympics aufgeboten.

Noch überraschender war, dass er in London die Silbermedaille im Strassenrennen gewann. Es folgten weitere Bronzemedaillen an Weltmeisterschaften und an den Paralympischen Spielen in Rio.

Nach Tokio, welche Stand jetzt seine letzten Paralympics sein werden, braucht Fankhauser wieder etwas Futter für den Kopf. Er wird ein Ökonomie-Masterstudium beginnen. Zunächst gilt die Konzentration aber dem Sport, der aus einem Unglück eine Chance gemacht hat.

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