Olympia-Delegation
Corona macht den Schweizer Weg nach Tokio zu einem veritablen Hindernislauf

Die strikten Regeln der japanischen Gastgeber bringen grosse Herausforderungen für die Schweizer Mannschaft mit. Es wird die schwierigste Olympia-Mission aller Zeiten.

Rainer Sommerhalder
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Bis zum Einmarsch an der Eröffnungsfeier hat die Schweizer Olympia-Delegation noch manche Hürde zu überwinden.

Bis zum Einmarsch an der Eröffnungsfeier hat die Schweizer Olympia-Delegation noch manche Hürde zu überwinden.

Keystone

Olympiamedaillen werden vor allem während der Vorbereitung geschmiedet. Das gilt einerseits für den Athleten selbst, der Tausende von Trainingsstunden investiert, um am Tag X seine beste Leistung abzurufen. Das gilt andererseits auch für das sportliche Umfeld. Die Delegationsleitung von Swiss Olympic und der einzelnen Fachverbände bietet dank geschickter Planung einen möglichst optimalen Rahmen, welcher dem Sportler den uneingeschränkten Fokus auf seine Aufgabe erlaubt.

Die Schweiz ist in dieser Hinsicht weltmeisterlich. Generalstabsmässig und mit grossem Effort werden die olympischen Missionen vorbereitet. Die Bedingungen vor Ort, die äusseren Einflüsse, die Eventualitäten rund um den grossen Auftritt werden mit wissenschaftlicher Unterstützung lange vor dem Anlass erkundet, untersucht und bewertet. Als Konsequenz werden Projekte gestartet und Massnahmen umgesetzt, die bei früheren Olympischen Spielen immer wieder für einen kleinen Wettbewerbsvorteil sorgten.

Schweizer Vorteile lösen sich in Schall und Rauch auf

Auch für Tokio gab und gibt es grosse Anstrengungen des Schweizer Sports. Die erwartete Hitze mit hoher Luftfeuchtigkeit, die grossen Distanzen zu den Arenen in einer pulsierenden und dicht besiedelten Region, die generelle Hektik des Tummelplatzes Tokio waren Themen, die nach Lösungen schreien. Als Konsequenzen wurden beispielsweise frühe Anreisen für die Akklimatisation in ausdauerlastigen Disziplinen geplant oder Unterkünfte ausserhalb der drei olympischen Dörfer in nächster Nähe der Wettkampfstätten gebucht.

Doch Corona und die daraus entstandenen Vorgaben aus Japan machen vieles zu einem Spiessrutenlauf. Der Schweizer Missionschef Ralph Stöckli und sein Team sind gefordert wie noch nie vor Olympia. Denn die bislang zwei Versionen der sogenannten Playbooks für alle Athletinnen und Athleten sowie deren Betreuer schränken die Möglichkeiten der Delegationen teilweise massiv ein. Swiss Olympic musste sich mehrfach neu orientieren.

Der «Club of 6» spricht schon über Paris

Seit rund 15 Jahren zählt Swiss Olympic bei der Vorbereitung seiner Olympia-Missionen auf eine informelle internationale Zusammenarbeit – den «Club of 6». Zusammen mit Holland, Belgien, Norwegen, Schweden und Brasilien versucht man Herausforderungen gemeinsam zu lösen. In diesem Zusammenhang finden ein regelmässiger Wissenstransfer und das Ausloten von spezifischen Synergien statt. Jeweils im Oktober gibt es ein Meeting aller Chefs de Mission und der Sportchefs, wo man die aktuellen Themen in der Vorbereitung der anstehenden Olympischen Spielen bestimmt, bei denen ein gemeinsames Vorgehen sinnvoll ist. «Derzeit drehen sich die Diskussionen bereits um die Winterspiele in Peking und die nächsten Sommerspiele in drei Jahren in Paris», sagt Ralph Stöckli. Für den Anlass in Tokio sei man vor allem im medizinischen Bereich im intensiven Austausch. 

Ralph Stöckli nennt verschiedene Beispiele. Mehrere von der Schweiz spezifisch gebuchte Hotels in Wettkampfnähe dürfen nicht benutzt werden. Den betroffenen Sportlerinnen und Sportler wurden stattdessen Unterkünfte zugewiesen. Eine grosse Herausforderung ist auch, den Fokus so zu steuern, damit der Athlet am Tag X bereit ist. Der sogenannte «Olympiablues» wird bereits im Normalzustand immer wieder zu einem Thema.

Einsame Stunden in der Unterkunft anstatt Olympia-Erlebnis

In Tokio werden die Sportlerinnen und Sportler grösstenteils in der Bubble interniert. Ihre Bewegungsfreiheit ist massiv eingeschränkt. Das weitgehende Fehlen des üblichen Olympiaerlebnisses bedarf neuer Strategien. «Das war in der Zusammenarbeit mit den Teamchefs und Trainern ein grosses Thema», sagt Stöckli.

Dass die Schweizer Olympiateilnehmer grundsätzlich erst sechs Tage vor dem Wettkampf ins Olympische Village einziehen dürfen, hat Einfluss auf die Reiseplanung. In einigen Sportarten ist die Ankunft in Japan nun deutlich kurzfristiger als geplant und die Akklimatisation muss deshalb auch eine andere Art stattfinden – zum Beispiel mit Trainings in einer Hitzekammer wie zum Beispiel in Grenchen.

Und welche Erwartungen hat Ralph Stöckli an das dritte und finale Playbook der Organisatoren, das heute veröffentlicht wird? Eine riesige Herausforderung bleibe die vorgesehenen täglichen Coronatests von rund 80 000 Personen in der Olympischen Bubble. «Es darf am Schluss nicht sein, dass ein Athlet dafür täglich drei Stunden investieren muss», fordert Stöckli.

Keine U-Bahn oder Taxis sind erlaubt

Auch punkto Transport gibt es weiterhin ungelöste Fragen. Weil die Benützung von ÖV und Taxis untersagt ist, muss der Zugang zum Olympischen Transportsystem auch für jene Teilnehmenden ermöglicht werden, die weiterhin in selbst gebuchten Unterkünften wohnen. Und zu guter Letzt wird es in dieser Woche Klarheit geben, ob auch japanische Zuschauer von den Wettkämpfen verbannt werden oder nicht. Doch die vielleicht ersten Olympischen Geisterspiele der Geschichte werden für die Schweizer Sportlerinnen und Sportler das kleinste Problem sein. Die Akklimatisation an solche Zustände hat längst stattgefunden.

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