Seitenblick
Federer und die Zeit: So alt sind wir geworden...

Man gähnt, wenn man vom Rücktritt Roger Federers liest. Ein 41-Jähriger hört auf, Spitzensport zu treiben? Nun wirklich: Das ist kein Ding. Denkt man. Bis....

Ralf Streule
Ralf Streule
Drucken
Als wir die Spiele noch im Fernsehen in der Studenten-WG schauten: Federer gewinnt 2003 in Wimbledon im Final gegen Mark Philippoussis.

Als wir die Spiele noch im Fernsehen in der Studenten-WG schauten: Federer gewinnt 2003 in Wimbledon im Final gegen Mark Philippoussis.

Anja Niedringhaus / AP

Man gähnt, wenn man vom Rücktritt Roger Federers liest. All die Rückblenden, all die zum hundertsten Mal aufgelegten Geschichten. Ein 41-Jähriger hört auf, Spitzensport zu treiben? Nun wirklich: Das ist kein Ding. Denkt man. Bis sich in den Stunden nach dem Rücktritt doch ein seltsames Gefühl einstellt. Federers erste Siege hatte man sich als Student in der WG angeschaut, auf dem kleinen Occasion-Fernseher, nur gestört vom Pizzakurier, der mitten im Satzball aufkreuzte, oder vom Klingeln des orangen Nokia-Handys, dem Anruf der Freundin, von der man gerade nicht wusste, ob sie jetzt noch die Freundin ist.

Federers grosses Comeback gegen Nadal (Melbourne 2017!) hingegen sah man, 15 Jahre später, in weit gesetzteren Verhältnissen, auf dem Smartphone im Bergrestaurant, während die Kinder in der Skischule waren. Welche Wendungen das eigene Leben auch nahm, wie sehr sich das Lebensgefühl veränderte: Federer war eine Konstante, wie die Lieblings-CD aus der Jugendzeit, die man immer verfügbar weiss, auch wenn sie langsam zum Staubfänger geworden ist.

Nun fühlt es sich so an, als sei die CD der Lieblingsband im Abfall gelandet. Vorbei ist vorbei. Neue Musik? Kann nicht besser werden. Ein 41-Jähriger hört auf? Beim Gähnen bildet sich, ohne dass man es will, Gänsehaut.