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Schweizer verpassen eine Olympia-Medaille – Steve Guerdat kritisiert: «Dieses Format ist eine Schande»

Auch im Mannschaftsspringen enttäuschen die Schweizer Reiter um Martin Fuchs, Steve Guerdat und Bryan Balsiger und verpassen die angestrebte Medaille bei den Olympischen Spielen klar. Neben der Enttäuschung sorgte bei den Schweizer auch das Format für Unmut.

Simon Häring, Tokio
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Steve Guerdat kritisiert das Format des Mannschaftsspringens deutlich.

Steve Guerdat kritisiert das Format des Mannschaftsspringens deutlich.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Die erste Woche war mit 12 Schweizer Medaillen die Woche der Sieger, die zweite die Woche der Verlierer. Die grössten unter ihnen sind die Reiter, mit Steve Guerdat und Martin Fuchs stellen sie die Nummern 2 und 3 der Weltrangliste, doch weder im Einzel noch mit der Mannschaft erfüllten sie bei den Olympischen Spielen in Tokio die Zielvorgabe: eine Medaille.

Auch im Mannschaftsspringen vom Sonntag gelangen weder Fuchs auf Clooney noch Guerdat auf Venard de Cerisy eine fehlerlose Runde. Schwer wog auch die Hypothek der 16 Strafpunkte von Olympia-Debütant Bryan Balsiger auf Twentytwo des Biches. Am Ende belegte die Schweiz Rang 5.

Damit verpassten die Schweizer Springreiter nach Rio de Janeiro 2016 zum zweiten Mal in Folge die Medaillen, zuvor hatte es seit den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta vier Mal Edelmetall gegeben - 1996 Silber durch Willi Melliger, 2000 in Sydney Silber und 2008 in Peking Bronze durch die Mannschaft und vier Jahre später in London Gold im Einzelspringen durch Steve Guerdat. Equipenchef Michel Sorg nahm in der ersten Analyse kein Blatt vor den Mund. «Wir wollten eine Medaille, wir haben keine. Wir haben unser Ziel verpasst.» Weshalb? «Wir waren nicht gut genug.»

Equipenchef MIchel Sorg spricht Klartext

Unter die Selbstkritik mischt sich auch der Frust über das Format mit nur drei Reitern und ohne Streichresultat, das es erstmals und ausschliesslich bei den Olympischen Spielen gibt. Im Nationenpreis, bei Europa- und bei Weltmeisterschaften treten jeweils vier Reiterinnen und Reiter an, und es gibt ein Streichresultat.

Sorg sagt: «Dieses Format passt nicht zu unserem Sport. Wir sind weit davon entfernt, das als sportlich zu bezeichnen.» Er liess dabei nicht unerwähnt, dass die Bedingungen für alle gleich gewesen seien und die Sieger ihre Medaillen verdienten. Gold ging im Stechen an Schweden, vor den USA dank besserer Zeit, Bronze gewann Belgien.

Equipenchef Michel Sorg fordert die Rückkehr zum alten Format.

Equipenchef Michel Sorg fordert die Rückkehr zum alten Format.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Zu den härtesten Kritikern des Formats gehört Steve Guerdat, der Einzel-Olympiasieger von 2012, der in Tokio im Einzel schon die Qualifikation verpasst hatte. Er sagte schon vor drei Jahren vor dem Weltverband FEI, dass er das Format für falsch halte. Nun erneuerte er die Kritik, als er sagte: «Ich sagte damals, dass es eine Schande sei, vor allen Reitern, vor dem Präsidenten, dass wir, die Sportler, dieses Format nicht wollen.»

Spätestens nach dem zweiten Umgang rückten die Medaillen für die Schweizer Equipe in weite Ferne, nachdem der Olympia-Debütant Bryan Balsiger auf Twentytwo des Biches 16 Strafpunkte zu verzeichnen hatte. In der Qualifikation war der 24-Jährige fehlerlos geblieben. Dennoch verteidigte Equipenchef Sorg die Entscheidung, dem Neuenburger gegenüber Beat Mändli den Vorzug gegeben zu haben:

«Es war zu hundert Prozent richtig, auf Bryan zu setzen.»

Die 16 Strafpunkte würden die gezeigte Leistung nicht richtig abbilden. Martin Fuchs hatte zuvor einen Abwurf zu verzeichnen und machte auch am Wassergraben einen Fehler. Nach den Trainings hatte Fuchs ein so gutes Gefühl und mit einer Medaille gerechnet, dass er kaum mehr Schlaf gefunden hatte und psychologische Hilfe in Anspruch nahm.

Die Schweizer Equipe der Springreiter erfüllt die Erwartungen nicht.

Die Schweizer Equipe der Springreiter erfüllt die Erwartungen nicht.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

In drei Wochen die Chance auf Rehabilitation

Bereits in drei Wochen stehen die Europameisterschaften in Riesenbeck, Deutschland, auf dem Programm. Equipenchef Sorg sagte: «Wir verdauen nun die Olympischen Spiele schlagen an den Europameisterschaften zurück. » Im Mannschaftsspringen treten dort wieder vier Reiter und Reiterinnen an, bei einem Streichresultat. Ob dieses Format auch bei den nächsten Olympischen Spielen 2024 in Paris wieder zur Anwendung kommt, ist offen. Denn ein Mitspracherecht hat nicht nur der Weltverband FEI, sondern auch das Internationale Olympische Komitee.

Steve Guerdat sagte: «Das waren nicht unsere Olympischen Spiele, das ist schmerzhaft. Als Sportler bin ich enttäuscht, als Mensch bin ich froh, dass ich hier war. Wir sollten immer die Relationen bewahren, bei allem, was auf der Welt passiert, bin ich dankbar, dass ich hier sein konnte. Ich gebe nicht auf und ich bin überzeugt, dass wir in drei Jahren bereit sein werden.» Und Equipenchef Michel Sorg sagte: «Das hier war nicht unser letztes Wort.»

Fehlerfrei blieben alle drei Schweizer am letzten Hindernis: Es ist den nächsten Olympischen Spielen in Paris gewidmet. Dort wollen sich die Schweizer für die enttäuschende Darbietung in Tokio rehabilitieren.

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