Olympische Spiele
Harte Entscheidung im Schweizer Judo-Team: Darum wurde Evelyne Tschopp trotz zwei EM-Medaillen aussortiert

Viel Pech und diskutable Selektionskriterien: Die Muttenzer Judoka Evelyne Tschopp muss kurz vor dem Ziel ihre Olympia-Träume für die Spiele in Tokio begraben.

Alan Heckel
Drucken
Teilen
Evelyne Tschopp (weisser Anzug) ist am Boden. 2017 und 2018 gewann sie noch EM-Bronze, doch bei Olympia in Tokio ist die Muttenzerin nur Ersatz.

Evelyne Tschopp (weisser Anzug) ist am Boden. 2017 und 2018 gewann sie noch EM-Bronze, doch bei Olympia in Tokio ist die Muttenzerin nur Ersatz.

Bild: Keystone

Der Eintrag auf ihrer Facebook-Seite kommt ganz nüchtern daher: «Leider keine Olympischen Spiele in Tokio für mich», schreibt Evelyne Tschopp, «somit findet das Saisonhighlight für mich vor dem Fernseher statt…» Deutlichere Worte als die Baselbieter Judoka, der Fabienne Kocher aus Uster für die Olympia-Selektion vorgezogen wurde, findet dagegen Dominique Hischier, Chef Leistungssport beim Schweizerischen Judo und Ju-Jitsu Verband (SJV): «Für Evelyne muss es der Horror sein!» Im telefonischen Gespräch wirkt die Muttenzerin ziemlich gefasst, auch wenn sie zugibt: «Die Enttäuschung ist sehr gross, schliesslich habe ich drei Jahre darauf hingearbeitet – und sehr lange hat es ja auch gut ausgesehen.»

Vorwürfe macht sie niemandem, «schliesslich waren die Selektionskriterien allen bekannt». Dem pflichtet auch Hischier bei. Er war zusammen mit Nationaltrainer Aleksei Budolin und U21-Nationaltrainer Flavio Orlik Teil der SJV-Selektionskommission, die Kocher dem Selektionsausschuss von Swiss Olympic vorschlug, welcher der Empfehlung folgte.

Evelyne Tschopp

Evelyne Tschopp

Keystone

«Es war eine sehr, sehr schwierige Entscheidung, denn beide haben es verdient, nach Tokio zu fliegen», sagt Hischier und kritisiert das Selektionskonzept. «Als ich 2018 dazu gekommen bin, existierte das Konzept bereits. Ich hätte es nicht in dieser Art verfasst.»

Die Selektionskriterien gemäss Konzept sind das Potenzial für eine Medaille, das Potenzial für zukünftige Spiele, das Trainerurteil und die Gesundheit. Nach diesen Kriterien sind Tschopp und Kocher praktisch gleichauf, die 28-jährige Zürcherin liegt auf Rang 15 der Weltrangliste (3857 Punkte), einen Rang dahinter folgt die 30-jährige Baselbieterin und hat mickrige sieben Zähler weniger. «Als das Selektionskonzept geschrieben wurde, gab es noch keinen Zweikampf», erklärt Hischier. Damals war Evelyne Tschopp die unangefochtene Nummer 1 in der 52-Kilogramm-Kategorie, während Fabienne Kocher in der 57-Kilo-Kategorie kämpfte.

Fabienne Kocher

Fabienne Kocher

Keystone

Ein Kreuzbandriss Kochers hatte zur Folge, dass diese in die tiefere Gewichtsklasse rutschte, wo sie grosse Fortschritte machte. Und dennoch: Ohne die Pandemie und einer planmässigen Durchführung der Olympischen Spiele 2020 wäre die Wahl klar auf Tschopp gefallen. An der WM hatte Tschopp noch die Nase vorn. Die Verlängerung der Qualifikationszeit aufgrund der Verschiebung wurde Tschopp schliesslich zum Verhängnis.

Dominique Hischier

Dominique Hischier

Am hoch dotierten Masters in Doha im Januar musste die Muttenzerin im Verlauf des Turniers wegen einer Rippenverletzung aufgeben, dazu nahm die International Judo Federation willkürlich weitere Turniere in den Kalender auf und vergab dort aussergewöhnlich viele Punkte. Ein Umstand, der Kocher entgegen kam. Bei Gleichstand musste die Selektionskommission ein weiteres Kriterium berücksichtigen, das Abschneiden an WM und EM. An der EM hatte Tschopp (5.) gegenüber Kocher (7.) die Nase vorn gehabt, an der WM hingegen wurde Kocher Dritte, während Tschopp unglücklich den Viertelfinal verpasste. Deshalb fiel die Wahl letztlich auf die Athletin aus Uster.

«Für Evelyne war 2021 ein Horror-Jahr: Zuerst die Verletzung, dann musste sie während der Zwangspause ihr Gewicht halten und gleichzeitig standen mehrere Prüfungen im Rahmen ihres Medizinstudiums auf dem Programm – das war nicht einfach»,

bilanziert Hischier und lobt Kocher gleichzeitig: «Fabienne hat die Situation natürlich optimal ausgenutzt.» Der Genfer will dafür sorgen, dass sich die Selektionskriterien in Zukunft ändern. «Es darf nicht sein, dass sich die Entscheidung so lange hinzieht. Das ist schlecht für die Vorbereitung der Kandidatinnen.»

Ganz ausgeträumt ist der Traum der zweiten Olympia-Teilnahme nach Rio 2018 für die Muttenzerin noch nicht. Die Spitzenathletin reist am 15. Juli ins Pre-Camp nach Tsukuba. Sollte sich bis am 22. Juli eine qualifizierte Kämpferin verletzen oder mit Corona anstecken, wäre Evelyne Tschopp die erste Nachrückende.

Aktuelle Nachrichten