Beachvolleyball
Joana Heidrich und Anouk Vergé-Dépré gewinnen Olympia-Bronze: «Wir sagten uns: ‹Aufstehen und Krone richten›»

Anouk Vergé-Dépré und Joana Heidrich setzen sich mit 21:19, 21:16 gegen das lettische Duo Graudina/Kravcenoka durch und sorgen für die 13. Schweizer Medaille bei den Olympischen Spielen in Tokio. Der gemeinsame Erfolg ist Zeugnis ausserordentlicher Widerstandskraft.

Simon Häring, Tokio
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Die Sonne brannte gnadenlos vom Himmel, die letzten Reserven längst aufgebraucht, als sich Joana Heidrich und Anouk Vergé-Dépré in den Sand sanken und sich in die Arme fielen. Ihr Traum von der Olympia-Medaille ging in Erfüllung, nach einem 21:19, 21:16 gegen das lettische Duo Tina Graudina und Anastasia Kravcenova. Es ist erst die zweite Medaille eines Schweizer Beachvolleyball-Teams, nachdem Patrick Heuscher und Stefan Kobel 2004 in Athen ebenfalls Bronze gewonnen hatten. Doch Heidrich und Vergé-Dépré sind das erste Schweizer Frauen-Duo, dem das gelingt.

Bronze für Joana Heidrich (l.) und Anouk Vergé-Dépré.

Bronze für Joana Heidrich (l.) und Anouk Vergé-Dépré.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Ihr Erfolg ist auch die Geschichte zweier Sportlerinnen, die am Widerstand gewachsen sind. Joana Heidrich war im Frühling an Covid-19 erkrankt, es gab Komplikationen, die 29-jährige lag länger flach, hatte Schüttelfrost, Fieber, Gliederschmerzen, der Magen und der Kopf schmerzten. Selbst Monate später geriet sie schnell ausser Atem. Das Duo bestritt deswegen deutlich weniger Turniere als geplant und lag in der Weltrangliste nur im 12. Rang. 2018 hatte Joana Heidrich einen Bandscheibenvorfall erlitten, musste sich einer Rückenoperation unterziehen und fiel monatelang aus.

Seit den Olympischen Spielen 2016 ein Duo

Joana Heidrich und Anouk Vergé-Dépré bilden seit 2017 ein Duo, nachdem ihre früheren Partnerinnen nach den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro ihren Rücktritt gegeben hatten. Vergé-Dépré wurde mit Isabelle Forrer Neunte, während Heidrich mit Nadine Zumkehr in den Viertelfinals gegen die favorisierten Brasilianerinnen Larissa/Talita drei Matchbälle vergeben hatten, ehe sie sich an der Copacapana mit 23:21, 25:27, 13:15 geschlagen geben mussten und sich im fünften Rang klassierten. Heidrich weinte danach im TV-Interview bittere Tränen, liess sich unter der Brust die Olympischen Ringe als Tattoo stechen und schwor sich auf Tokio ein.

In Rio de Janeiro erlebte Joana Heidrich eine ihrer brutalsten Niederlagen. Ein Tattoo erinnert sie an die Olympischen Spiele 2016.

In Rio de Janeiro erlebte Joana Heidrich eine ihrer brutalsten Niederlagen. Ein Tattoo erinnert sie an die Olympischen Spiele 2016.

Petros Giannakouris / AP

In Tokio setzten sie sich in den Achtelfinals gegen das nominell stärkere Schweizer Duo Nina Betschart/Tanja Hüberli nach drei Sätzen durch, danach gegen das brasilianisch Duo Rebeca/Ana Patricia, ebenfalls nach drei Sätzen. In den Halbfinals blieben sie gegen die USA chancenlos. Im Spiel um Bronze trafen mit Heidrich/Vergé-Dépré, die 2020 in Lettland Europameisterinnen geworden waren, auf ihre Vorgängerinnen. Nur ganz zu Beginn des ersten Satzes lagen die Schweizerinnen hinten, im zweiten zogen sie früh davon und führten zwischenzeitlich mit neun Punkten Vorsprung. Nach 44 Minuten verwandelten sie ihren vierten Matchball.

Die beiden Beachvolleyballerinnen mit der verdienten Bronze-Medaille.

Die beiden Beachvolleyballerinnen mit der verdienten Bronze-Medaille.

Bild: Wu Hong / EPA

Die Niederlage im Halbfinal sei sehr einfach zu verdauen gewesen, sagte Heidrich – leichter als eine knappe Niederlage. Sie sagte: «Es war nicht mehr viel Energie im Körper, trotzdem haben wir daran geglaubt. Wir haben uns gesagt: ‹Aufstehen, Krone richten und Vollgas geben›. Wir haben noch einmal die letzten Kräfte mobilisiert.» Der Medaillengewinn sei Belohnung für harte Arbeit und die Entbehrungen der letzten Jahre.

Zum Anbeissen, die Medaille.

Zum Anbeissen, die Medaille.

Bild: Laurent Gillieron / EPA

Vergé-Dépré, Gewerkschafterin und Botschafterin

Beachvolleyball ist erst seit 1996 im olympischen Programm, gehört dort aber jeweils zu den grossen Attraktionen. Danach verschwindet der noch junge Sport wieder von der Bildfläche. Anouk Vergé-Dépré bemängelt die fehlenden Strukturen. Zwar hätten die Sportlerinnen einen Vertrag mit dem Weltverband, doch weder die Anzahl Turniere noch ein Einkommen seien garantiert. Zudem bemängelt die Bernerin die geringe Beteiligung der Athletinnen an den Einnahmen und fehlendes Mitspracherecht. Sie hat deshalb vor vier Jahren eine Gewerkschaft gegründet, der inzwischen 140 Spielerinnen und Spieler angehören und als Dialogpartner akzeptiert sei.

Anouk Vergé-Dépré, die für das Olympiajahr ihr Studium in Medien und Kommunikation unterbrochen hat und sich als Perfektionistin bezeichnet, versteht sich als Botschafter ihrer Sportart. Im Magazin «Sportlerin» sagte sie: «Ich fühle mich verpflichtet, Ungerechtigkeiten zu beseitigen.» Und noch etwas ist der 29-Jährigen wichtig: «Ich hoffe, dass wir damit viele Kinder in der Schweiz inspirieren, Beachvolleyball zu spielen.» Nichts ist dafür geeigneter als Medaillen bei Olympischen Spielen. Unmittelbar nach dem Gewinn der Bronzemedaille liessen Vergé-Dépre und Heidrich zwar offen, ob sie in drei Jahren in Paris erneut antreten. Doch wer sie in Tokio mitverfolgt hat, kann sich ein anderes Szenario nur schwer vorstellen.

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