Unter Journalisten, so viel sei verraten, gibt es viele sonderbare Gestalten. Bei Grand-Slam-Turnieren gleicht das Medienzentrum zuweilen einem Kuriositätenkabinett.

Da ist der Japaner, der Spieler um Selfies bittet. Der Italiener, der in der Fragerunde mit Rafael Nadal friedlich schlummert, oder der Ire, der im australischen Sommer eine Lederjacke trägt. Man kann sich einen Spass daraus machen, sich Geschichten dazu auszudenken. Zu welcher Kategorie der Autor dieser Zeilen gehört, überlasse ich Ihrer Vorstellungskraft.

Bisher unverdächtig verhielt sich meine Sitznachbarin. Das war sie schon im Vorjahr. Darum weiss ich, dass sie Österreicherin ist, seit fünf Jahren in Melbourne lebt und für einen australischen Sender arbeitet, während der Australian Open aber einen ehemaligen Arbeitgeber in Wien mit Informationen von Hoffnungsträger Dominic Thiem füttert. So weit, so gut, so unaufgeregt.

Novak Djokovic hat in den vergangenen Jahren viele Leute um sich geschart. Kaum einer ist so wichtig für seine Renaissance wie Craig O’Shannessy. Der Australier hat sich als Analyst und Stratege einen Namen gemacht. Seit einem Jahr gehört er zum Team Djokovic. Daneben steht er aber auch bei der ATP in Lohn und Sold, für die er Statistiken auswertet und Beiträge für die Homepage erstellt.

Darum hat O’Shannessy auch einen Arbeitsplatz im Medienzentrum. Minuten vor Djokovics erstem Spiel steht er plötzlich neben der Österreicherin, die sich gerade als Rechercheassistentin für den Kollegen von der «Bild»-Zeitung verdingt, um zu ermitteln, wie teuer das Kleid von Serena Williams war.

Wortlos schliesst sie die Schublade unter ihrem Tisch auf und reicht O’Shannessy zwei Tabletten. Logisch, dass ich mir wieder eine dieser Geschichten ausdenke und mich frage, ob sie so etwas wie die Drogenkurierin Djokovics ist. Dass auf der Packung «Dafalgan» steht, kann man ja für einmal ausblenden.