Ski-WM St. Moritz

Nach Medaille im Slalom: Das sind Wendy Holdeners Silber-Macher

Nach dem Sieg in der Kombination holt Wendy Holdener Silber im Slalom.

Nach dem Sieg in der Kombination holt Wendy Holdener Silber im Slalom.

Nach 20-jähriger Durststrecke holt erstmals wieder eine Schweizerin WM-Edelmetall im Slalom. Wer hat Holdener den Weg bereitet?

Draussen im Fan-Dorf neben dem Zielgelände in Salastrains wummern die Bässe. Drinnen im House of Switzerland riecht es nach Käse. In einem der hinteren Zimmer, etwas abgeschottet vom ganzen Trubel, sitzen sie: Trainer, Serviceleute, Physiotherapeuten – die Leute im Hintergrund, die Silber-Macher quasi. Hier stossen sie an, auf Wendy Holdener, auf die Wiedergeburt der Slalom-Nation Schweiz.

20 Jahre sind vergangen, seit Karin Roten an der WM in Sestriere Bronze im Slalom gewann, 26 Jahre seit Vreni Schneider in Saalbach-Hinterglemm Gold abräumte. Im Weltcup hielten Roten und später Sonja Nef die Schweizer Fahne noch eine Weile aufrecht, doch dann verschwand die einstige Slalom-Nation in der Versenkung.

Wie überhaupt das ganze Frauen-Team in eine historische Krise rutschte. Der Tiefpunkt nach der Saison 2004/05: Die Schweizerinnen belegten unter Cheftrainerin Marie-Theres Nadig den 10. Rang im Nationenranking.

Osi Inglin folgte, schaffte die Wende, schmiss aber nach nur einem Jahr überraschend den Bettel hin. Hugues Ansermoz übernahm 2006, musste aber 2010 den Hut nehmen, weil die Frauen zwar im Speed wieder Podestplätze rausfuhren, im Slalom und Riesenslalom aber kaum Fortschritte erkenntlich waren. Es folgte Mauro Pini, einst persönlicher Trainer der Spanierin Maria Rienda Contreras (sechs Weltcupsiege im Riesenslalom).

«Willst du aufs Podest, brauchst du Fachleute, die an den richtigen Schrauben drehen.»

Hans Flatscher, Cheftrainer

«Willst du aufs Podest, brauchst du Fachleute, die an den richtigen Schrauben drehen.»

Doch statt Erfolge mit den Technikerinnen zu feiern, überwarf sich Pini erst mit Lara Gut und schliesslich mit dem damaligen Speedchef Stefan Abplanalp. Ende Saison 2012 war Schluss, offiziell ging Pini aus freien Stücken. Doch er war schlicht nicht mehr haltbar, nachdem sich die Abfahrerinnen öffentlich gegen ihn gestellt hatten.

Die Wende kam mit Flatscher

Seither ist der Österreicher Hans Flatscher (48) am Ruder. Und mit ihm kam der Erfolg in den technischen Disziplinen zurück. Und das, obwohl unter Pini eine ganze Generation von Slalom-Fahrerinnen rund um Aline Bonjour und Aita Camastral zurücktrat.

2013 fuhr Wendy Holdener nach fast zehnjähriger Durststrecke und erstmals seit Sonja Nef wieder auf ein Slalom-Podest. Es folgten weitere – und nun diese Silber-Medaille.

Wie hat er das bloss gemacht? «Das grösste Verdienst von Hans ist es, dass er ein Trainer-Team zusammengestellt hat, das funktioniert», sagt Swiss-Ski-Boss Urs Lehmann. In Bezug auf den Aufschwung im Slalom hat Flatscher einen sehr zentralen Entscheid getroffen: Er beendete die Zusammenarbeit mit Lionel Finance und holte Alois Prenn als neuen Technikchef. «Hans wollte ihn unbedingt, da hat er sich durchgesetzt», sagt Lehmann.

«Wendy hatte niemanden, der vor ihr war, der sie geschützt hätte.»

Alois Prenn, Technik-Trainer

«Wendy hatte niemanden, der vor ihr war, der sie geschützt hätte.»

Seit der Südtiroler 2012 übernommen hat, ist Ruhe eingekehrt im Slalom-Team. Aber was heisst schon Team? Am Anfang war da eigentlich nur Wendy Holdener. «Sie hatte niemanden, der vor ihr war, der sie geschützt hätte. Wenn sie ausfiel, dann war Sendeschluss», erinnert sich Prenn. Eben noch sass er am Tisch im House of Switzerland mit Cheftrainer Hans Flatscher und all den Leuten, die mit Wendy für diese Silber-Medaille geschuftet haben.

«Flatscher und Prenn geben uns viel Vertrauen. Wenn man das spürt als Athlet, lässt man sich nicht so schnell verrückt machen», sagt Denise Feierabend (27), die den WM-Slalom auf Platz 9 beendete. Erst mit ihnen sei Kontinuität in das Team gekommen, die vielen Wechsel vorher hätten es schlicht verunmöglicht, dieses so wichtige Vertrauensverhältnis zu den Trainern aufzubauen.

Als Prenn kam, da war Feierabend verletzt. Kreuzbandriss. Wendy war allein. Doch mit Prenn kam nicht nur Ruhe ins Team, sondern auch eine gewisse Gelassenheit. «Man merkt, dass er italienisches Blut hat. Wenn er etwas als organisiert anschaut, ist es das für mich vielleicht noch nicht», sagt sie und lacht.

Die Dynamik ist zurück im Team der Technikerinnen. «Wendy hat viel vorgebahnt», sagt Michelle Gisin (23). Sie schielte aufs Podest. Dann rutschte sie im 2. Lauf eingangs Steilhang weg – und fiel vom 6. auf den 21. Rang zurück.

Seit Prenn gekommen ist, hat sich viel getan: Wendy ist zur regelmässigen Podestfahrerin geworden, Gisin hat sich in den Top 15 etabliert, Feierabend in den Top 25. Gisin: «Die Jungen konnten kommen und attackieren, weil wir vorne Resultate lieferten.» Die Jungen, das sind Mélanie Meillard (18) sowie die derzeit verletzten Charlotte Chable (22) und Aline Danioth (18).

Nun also haben die Schweizer Slalom-Frauen wieder Zukunft. Die gestrige Silber-Medaille ist ein erster Meilenstein auf dem Weg in eine vielleicht goldige Zukunft. Überrascht hat sie kaum jemanden, zu regelmässig fuhr Wendy aufs Podest. Aber: «Um diesen letzten Schritt zu machen, braucht es Fachleute, die an den richtigen Schrauben drehen», sagt Hans Flatscher.

Alois Prenn ist einer dieser Fachmänner, die Trainer Werner Zurbuchen und Denis Wicki zwei weitere. Zusammen sitzen sie am Tisch im House of Switzerland. Sie stossen an und es riecht nach Käse. Die Welt ist wieder in Ordnung, die Schweiz wieder eine Slalom-Nation.

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