«Gibts noch Tickets für die Tribüne?», fragt ein Besucher beim Stand am Ende der Quaibrücke. Ja, es gibt noch. «Ab 1250 Franken», sagt der Mann im weissen Poloshirt mit einem entschuldigenden Lächeln. Die billigeren Plätze, jene, für die man zwischen 100 und 150 Franken bezahlte, waren innert weniger Stunden nach Eröffnung des Online-Vorverkaufs weg.

Es scheint, als möchte das halbe Land zum ersten Autorennen seit 64 Jahren auf Schweizer Boden, dem E-Prix Zürich. «Wir rechneten anfänglich mit maximal 30 000 Besuchern», sagt Stephan Oehen, Sprecher des Veranstalters. Man musste nach oben korrigieren. Bis zu 150 000 erwarteten Polizei und Veranstalter, mehr als 100 000 sollen gekommen sein. Die Schweiz unter Strom.

Ein Volksfest im brennenden Sonnenschein

Ein paar hundert Meter weiter, am Ende des Bürkliplatzes, die Schleuse, durch die sich alle hindurchzwängen müssen, ob VIP oder Fussvolk. Sollten zu viele Menschen im Gebiet um den Mythenquai sein, wird hier der Riegel geschoben. Am Himmel das Brummen des Helikopters der Kantonspolizei, der die Massen von oben beobachtet.

Unten der Duft von Essen. Street-Food-Festival-Feeling, Clowns, die Luftballons zu Hunden verdrehen, die Stände der Autoindustrie, in denen sich Audi, BMW, Jaguar & Co. von ihrer saubersten – das heisst – elektronischsten Seite präsentieren. Volksfest im brennenden Sonnenschein. Gleich nebenan im Arboretum zieht es die Menschen in den Schatten der Bäume wie die Mücken ins Licht. Im Seebad Enge liegen sie in Badehosen dicht an dicht, während das VIP-Seetaxi eine Handvoll Zahlungskräftige ausspuckt.

Formel E-Party in Zürich

Formel E-Party in Zürich

Lucas di Grassi ist der grosse Sieger des Formel E-Rennens in Zürich. Der Brasilianer schlägt den Briten Sam Bird und den Belgier Jérôme d'Ambrosio. Die Rennfahrer lassen sich bei der Siegerehrung ordentlich feiern.

Das Fussvolk und die geladenen Gäste

Ein Anlass für Jedermann. Oder wie der extravagante Formel-E-CEO Alejandro Agag sagt: «Haben Sie gesehen, wie viele Kinder hier an den Zäunen hängen? Das gibt es in der Formel 1 nicht.» Dem kann man nicht widersprechen, aber Ungleichheit wird einem selten so bewusst wie an einem Anlass für alle, einem Anlass, wo man gratis zuschauen kann.

Durch das Doppelgitter sind die Rennwagen am Abend kurz nach 18 Uhr maximal für ein paar Sekundenbruchteile zu sehen, wenn sie mit bis zu 225 km/h vorbeisurren. Schweisstropfend drängt sich das Fussvolk an die Abschrankungen, während die geladenen Gäste sich mit Champagner zuprosten und Lachs kredenzen.

Überall Prominenz

Aber letztlich ist das alles egal. Die Menschen kommen in Scharen, zu Tausenden säumen sie die Rennstrecke. In der Boxengasse tummelt sich die Prominenz. Die Formel-1-Legenden Alain Prost, Emerson Fittipaldi, Mark Webber sind genauso da, wie Supermodel Naomi Campbell. Daneben Schweizer Sportgrössen wie Peter Sauber, Fabian Cancellara, Lara Gut und Freund Valon Behrami, der fotografierende Iouri Podladtchikov oder Didier Cuche.

Der frühere Kitzbühel-Dominator stimmt ein Loblied auf die E-Mobilität an. Er, der auch schon wegen Geschwindigkeitsvergehen mit dem Gesetz in Konflikt kam, habe sein Fahrverhalten verändert, seit er ein Elektro-Auto fahre. Nicht mehr einfach Tempo, Tempo, Tempo, sondern Reichweite. Das sei jetzt seine Priorität. Cuche: «Ich fahre heute viel entspannter.» Ein besserer Mensch dank E-Mobilität, das tönt verrückt, aber wenn es stimmt, was soll man sich beklagen?

Buemi vergeigt das Podest

Was dann aber kurz nach 18 Uhr auf der Strecke am nördlichen Ende des Zürichsees abgeht, hat mit Vernunft nur insofern etwas zu tun, als dass man sich bestmöglich um Nachhaltigkeit bemüht. Mit einer Boxengasse aus Holz, die aus Elementen gebaut ist, die man bis zum nächsten Rennen in der Schweiz 2019 einlagert. Mit Generatoren für die Rennställe, die mit Glycerin angetrieben und CO2-neutral sind.

Mit dem ganzen Spirit, den man in die Wirtschaftsmetropole trägt. Es ist ein packendes Rennen, das sich der Schweizer Sébastien Buemi und seine Kontrahenten liefern. Schon in der ersten Runde fliegt der Heckflügel des Deutschen Daniel Abt durch die Luft. Während Jean-Eric Vergne, der führende Formel-E-Serie, zu einer packenden Aufholjagd ansetzt. Nach einem verpatzten Qualifying startet er zur Aufholjagd, überholt einen nach dem anderen. Auch Buemi verbessert sich von Platz 7 bis auf Position 4.

Zur Strafe einmal durch die Box

Dann, rund 20 Minuten nach Rennstart drückt der eifrige Vergne Konkurrent Felix Rosenqvist in die Mauer, überall liegen Trümmerteile rum. Gelbe Flagge. Erst nur auf diesem Rennabschnitt, dann auf der gesamten Strecke.

Nach 60 Jahren wieder im Formel E-Fieber

Nach 60 Jahren wieder im Formel E-Fieber

Massenhaft Zuschauer fanden sich in Zürich ein, um die Premiere mitzuverfolgen. Seit 60 Jahren gab es kein E-Boliden-Rennen mehr in der Schweiz.

In dieser Phase vergibt Buemi wohl das Podest. Eigentlich dürfte er in diesem Moment nur 50 km/h fahren. Er und vier weitere Kontrahenten sind zu schnell unterwegs und müssen zur Strafe einmal durch die Box. Weil er erst mit Verspätung durch die Boxengasse schleicht – auf dem Kopfsteinpflaster vor den Rennställen dürfen die Fahrer maximal 30 fahren – verbessert er sich zwar vorübergehend auf Platz 2, fällt dann aber auf die fünfte Position zurück.

«Aber letztlich war es einfach nur grossartig»

Daran ändert sich bis zum Schluss nichts. Buemi: «Ich bin sehr enttäuscht, denn heute wäre sicher der zweite Platz möglich gewesen, wenn ich nicht zu früh die Speed-Begrenzung rausgenommen hätte. Ich habe sofort reagiert und sie wieder reingetan, aber das war dem Renndirektor nicht genug.»

Und so sind es wenig später andere, die auf der Wiese neben der Bürkli-Statue auf dem Arboretum den Massen zujubeln. Allen voran der Brasilianer Lucas di Grassi, der bei der Premiere in Zürich seinen neunten Sieg feiert und bis auf 23 Punkte an Leader Jean-Eric Vergne heranrückt. «Ich wusste, dass es hart wird, weil es so heiss war heute. Aber letztlich war das einfach nur grossartig», schwärmt Di Grassi.

Zürich, das Monaco der Formel E

Der E-Prix hat – ausser dem Röhren der Verbrennungsmotoren – alles geboten, was Motor-Rennsport bieten kann. Knackige Kurven, riskante Überholmanöver und Crashs. Passiert ist zum Glück nichts. Das erstaunt einen überhaupt nicht, Formel-E-Boss Agag: «Sorgen wegen eines Unfalls? Das mache ich mir nie, es kann schlicht nichts passieren. Schauen Sie sich die Zäune an. Wir haben das alles berechnet. Bei unseren ersten Rennen in China prallte Nick Heidfeld frontal in eine Absperrung. Kein einziges Teil flog raus. Die Zuschauer sind stets sicher. Und Unfälle sind gut für die Show.» Und fürs Geschäft. Genau darum geht es Agag, dem extrovertierten Formel-E-Boss. «Ich bin eher ein praktischer Umweltaktivist», sagt er, «ich will Business machen, aber möglichst nachhaltig.»

Reportage: Ein Tag im Leben von Sebastien Buemi

Reportage: Ein Tag im Leben von Sebastien Buemi

Video DE - Zuerich 9. Juni 2018 - Am Sonntag ist ein grosser Tag für Sebastien Buemi. Der Schweizer Rennfahrer fährt sein erstes Formel-E Rennen in Zürich. Den Moment will er geniessen. Bislang waren es nämlich stets seine Rennfahrerkollegen, die ein Heimspiel hatten. (PPR/Pascal Bloch/Commercial Video im Auftrag von Renault)

Ökologischer Fussabdruck hin oder her

Man kann das beanstanden, den ökologischen Fussabdruck beklagen, den die Formel E noch immer hat. Denn Boxenmaterial und Rennwagen werden mit Lastwagen oder per Flugzeug um den Globus gefugt. Man kann sich beklagen über Lärm und Menschenmassen, die der Anlass mit sich bringt und anzieht. Man kann jammern über Verkehrsbehinderungen, die der E-Prix seit Anfang Mai, als die ersten Arbeiten in Angriff genommen wurden, mit sich brachte. Oder sich am Widerspruch stören, wenn man ein Formel-E-Auto mit einem Helikopter in die Arktis fliegt, um mit einer PR-Aktion auf den Klimawandel aufmerksam zu machen.

Aber man kann nicht in Abrede schlagen, dass dieser E-Prix etwas bewegt. Nicht nur die Massen an Menschen, die gestern zum Rennen strömten. Nein, es kam auch Bewegung in die Köpfe, in das Denken vieler Entscheidungsträger, weil auch Agag gezeigt hat, dass man mit E-Mobilität Business machen kann. «Ich denke, Zürich kann unser Monaco sein», sagt er. Ein Verkäufer durch und durch.

Mit 120 km/h durch die 50er-Zone: Mit dem E-Smart über die Formel-E-Rennstrecke

Mit 120 km/h durch die 50er-Zone: Mit dem E-Smart über die Formel-E-Rennstrecke

Mit bis zu 220 km/h bretterten die Formel-E-Boliden am Sonntag durch Zürich. Vor den Augen Tausender Besucher. Gewagt hat das rasante Abenteuer auch TeleZüri-Reporter Nico Nabholz - mit einem nicht ganz so schnellen E-Smart.