Er selbst schien über den Ausgang nicht erstaunt. Doch für die meisten ist es wohl der eindrücklichste – weil am einfachsten zu verstehende – Beweis dafür, dass Magnus Carlsen aussergewöhnlich ist. Hier zehn Abgänger der Harvard-Universität, Juristen, die Elite also, dort Carlsen mit verbundenen Augen.

Der Norweger spielt gleichzeitig Schach gegen alle. Zehn Partien – ohne etwas zu sehen, nur mithilfe seines Gedächtnisses. Zug für Zug. Bis alle seine Gegner besiegt sind. Er selbst erklärte es einst so: «Ich speichere Fotos ab.» So kann er jedes Brett sehen, obwohl er nichts sieht. Und locker gleichzeitig zehn begabte Schach-Spieler besiegen.

Magnus Carlsen gewinnt blind gegen zehn Gegner gleichzeitig

Magnus Carlsen gewinnt blind gegen zehn Gegner gleichzeitig

Das ungleiche Duell fand 2013 statt. Im Jahr, als er mit 22 erstmals Schach-Weltmeister wurde. Heute ist Carlsen 25 und verteidigt in New York seinen Titel zum zweiten Mal.
Doch Magnus Carlsen ist nicht nur aufgrund seines aussergewöhnlichen Talents wichtig für das Schach. Carlsen soll den Sport hip machen. Als Popstar in etwas, das so gar nicht poppig scheint. Eher verstaubt und altmodisch. Im nächsten Jahr hat er eine Gastrolle in der beliebten und weltweit bekannten TV-Comic-Serie «Die Simpsons». In seiner Heimat Norwegen ist er zweimal in einer Ausgabe von «Donald Duck» erschienen. Nebenbei modelte er als erster Schachspieler überhaupt für eine Mode-Firma.

Ein Wunderkind

Sein Manager vermarktet ihn gut. Carlsen selbst hingegen erinnert an einen Künstler. Irgendwie gefangen. Wie ein Musiker, der erst durch sein Management zum Popstar wird. Es ist eine Rolle. Carlsen selbst denkt und spielt Schach.

Der Grat zwischen Genie und Wahn ist schmal, sagt man. Bei Künstlern zeigt sich das oft besonders deutlich. Carlsen nennen sie den «Mozart des Schachs». Vielleicht auch deswegen, Carlsen sagte in einem Interview: «Einige meiner Dämonen behalte ich lieber für mich.»
In der Schule war Carlsen ein Aussenseiter und wurde gemobbt. Ein aktueller Kinofilm mit zahlreichen alten Aufnahmen zeigt, wie verletzlich er war. Mit fünf soll er alle 400 Kommunen Norwegens mit Fläche, Einwohnerzahl und Flagge auswendig gekannt haben, sagte der Regisseur Benjamin Ree der «Zeit.» Im gleichen Alter lernte er von seinem Vater das Schachspiel, entdeckte den Ehrgeiz dafür aber erst, als seine Schwester besser spielte. Sein Talent: einmalig.

Carlsen und Karjakin kämpfen um die Krone.

Carlsen und Karjakin kämpfen um die Krone.

Mit 13 Jahren spielte er an einem Turnier gegen den ehemaligen Weltmeister Garri Kasparow. Dieser rettete sich nur mit Not in ein Remis. Wenig später, noch immer 13-jährig, wurde Carlsen Grossmeister. Mit 19 führte er als bisher jüngster Spieler die Weltrangliste an. Seit Juli 2011 wurde er nie mehr als Nummer eins abgelöst. Seine Elo-Zahl, eine Punktewertung zur Einstufung der Spielstärke, ist – Sie ahnen es – Weltrekord.

Der Ausbruchsversuch

Im aktuellen WM-Duell läuft es Carlsen allerdings nicht nach Wunsch. Sein ein Jahr älterer Gegner, der Russe Sergej Karjakin, verteidigt so gut, dass der Norweger bisher keine Lösung findet. Sieben Partien endeten remis. Bis Carlsen im achten Duell den Sieg erzwingen wollte – und prompt verlor. Maximal werden in New York 12 Partien gespielt. Für einen Sieg gibt es einen Punkt. Für ein Remis 0,5 pro Spieler. Karjakin führt nun mit 4,5 zu 3,5. Wer zuerst 6,5 erreicht, ist Weltmeister.

Was tut Carlsen nun? Für den Norweger ist nur etwas vorgesehen: der erneute Titel. Die Hauptrolle für den Star. Dieser Druck unterdrückt nun irgendwie sein Spiel. Der verzweifelte erste Ausbruchsversuch ging schief. Magnus Carlsen reagiert wütend. Das ist neu.