Magglingen-Skandale
Nach erschreckendem Bericht ruft der Turnverband einen Neustart aus, die Worte des Bedauerns sind aber leise

Der Bericht zum Turnskandal in Magglingen belastet den Schweizerischen Turnverband schwer: Ein Viertel aller Kaderathletinnen in der Rhythmischen Gymnastik erlitt Schmerzen. Die neue Führung entschuldigt sich kurz, gelobt aber vor allem theoretisch Besserung.

Raphael Gutzwiller
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Hartes Training gibt Durst bei den Rhythmischen Gymnastikerinnen.

Hartes Training gibt Durst bei den Rhythmischen Gymnastikerinnen.

Bild: Urs Lindt

Schmerzen, Schreie und Wettkämpfe trotz Verletzungen: Bei den Turnerinnen des Nationalkaders Rhythmische Gymnastik in Magglingen herrschten über Jahre schreckliche Zustände. Zu diesem Schluss kommt eine vom Schweizerischen Turnverband (STV) angeordnete Untersuchung der Anwaltskanzlei Pachmann Rechtsanwälte. Besonders erschreckend sind diese Zahlen: 90 Prozent der Athletinnen aus dem nationalen Kader gaben an, regelmässig angeschrien zu werden, und ein Viertel bilanzierte, dass ihnen Schmerzen zugefügt wurden.

Ein Beispiel aus dem Bericht: Eine Athletin verletzte sich bei einem Spagat, weil sie von ihrer Trainerin in Richtung Boden gedrückt wurde. Daraufhin beklagte sich die Turnerin bei ihren Eltern, welche die Trainerin zur Rede stellten. Im ersten Training nach der Verletzung drückte die Trainerin die Athletin erneut in Richtung Boden und sagte: «Wenn du nochmals bei deinen Eltern jammerst, fliegst du aus dem Kader.» Rechtsanwalt Thilo Pachmann spricht von einem kranken System, das viele Beteiligte akzeptiert hätten: «Viel wurde damit erklärt, dass es im Spitzensport nun mal hart sei. Zum einen handelte es sich hier um Kinder und Jugendliche, zum anderen ist auch ethisch vertretbarer Spitzensport möglich.» Eine Situation, die in den Medien kursierte, entschärft der Report aber. So soll eine Turnerin von der Cheftrainerin als «dicke Kuh» bezeichnet worden sein. Nach zahlreichen Befragungen wurde der Vorwurf nicht erhärtet.

Neue Führung möchte alles ändern

Der unabhängige Bericht stützt einen Grossteil der verheerenden Schlagzeilen in den letzten Monaten. Im Juni hatten der «Blick» und die «NZZ» schwere Verfehlungen sowie physische und verbale Übergriffe in der Rhythmischen Gymnastik publik gemacht. Im Oktober schilderten in den «Magglingen-Protokolle» des «Magazins» ehemalige Athletinnen der Rhythmischen Gymnastik und des Kunstturnens, wie systematisch die Probleme sind. Seither blieb beim STV kein Stein auf dem anderen. Felix Stingelin, Chef Spitzensport, wurde im Sommer suspendiert. Geschäftsführer Ruedi Hediger trat im November zurück. Unabhängig von den Skandalen trat auch Präsident Erwin Grossenbacher Ende Jahr ab.

Und so sitzen zum neuen Jahr neue Gesichter an der Spitze des STV: Fabio Corti als Präsident, Béatrice Wertli als Geschäftsführerin. Wertli sagte in der virtuellen Medienkonferenz:

«Wir können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber wir können die Zukunft gestalten.»

Die Zukunft gestalten, das bedeutet zunächst einmal, einen grossen Kulturwandel voranzutreiben. Es geht in erster Linie darum, die Empfehlungen der externen Untersuchung umzusetzen. In der Rhythmischen Gymnastik werden beispielsweise die Ziele angepasst. «Unter diesen Voraussetzungen eine Olympiaqualifikation anstreben zu wollen, ist unrealistisch und schürt Druck», so Corti. Des Weiteren sollen Wertli und der noch zu bestimmende Chef Spitzensport ein neues Spitzensportkonzept ausarbeiten. Darin soll auch die Empfehlung des Reports berücksichtigt werden, wonach ein zentrales Leistungszentrum für unter 16-Jährige nicht zielfördernd sei. Zudem müssten auch die überholten, russisch geprägten Trainingsmethoden und die Infrastruktur angepasst werden. Notabene, weil in den Trainingshallen für die Rhythmische Gymnastik ein angemessener Bodenbelag fehlt. Dadurch verletzen sich die jungen Turnerinnen viel zu oft und riskieren Gesundheitsschäden.

Die Personen, welche für die unterschiedlich weit zurückliegenden Vorgänge in der Verantwortung standen, sind zu einem Grossteil ihrer Funktionen enthoben. Und doch bleibt ein Gefühl zurück, dass weder der Verband noch die Dachorganisation Swiss Olympic wirklich geradestehen müssen für die Fehler der vergangenen Jahre. Immerhin ist an der Medienkonferenz eine kurze Entschuldigung zu hören. Zentralpräsident Fabio Corti liest ab:

«Wir möchten im Namen des Verbandes ehrlich und direkt sorry sagen.»

Die Ethikkommission und der Fall des Kunstturn-Trainers

Und wie geht es im Kunstturnen weiter? (Symbolbild)

Und wie geht es im Kunstturnen weiter? (Symbolbild)

Bild: Francois Nel/Getty

Der Pachmann-Report untersuchte lediglich die Vorgänge in der Rhythmischen Gymnastik, doch auch Vorfälle im Kunstturnkader gerieten in die Schlagzeilen. So liessen sich die erst wenige Monate zuvor zurückgetretenen Lynn Genhart und Fabienne Studer zitieren und kritisierten Frauen-Nationaltrainer Fabien Martin. Mit diesem Fall wurde die neu geschaffene Ethikkommission des STV betraut.

Die Frage nach der Unabhängigkeit wurde aber schnell gestellt, nachdem eines der sechs gewählten Mitglieder, der Ostschweizer Dominik Meli, schon vor Amtsantritt zurücktreten musste, weil Vorwürfe im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als St.Galler Kantonalturnpräsident laut wurden. Daniel Mägerle, Präsident der Ethikkommission, versichert im Gespräch aber, dass die Kommission völlig unabhängig vom STV agieren könne. Mit Ergebnissen der laufenden Untersuchung zum Frauen-Nationaltrainer Fabien Martin rechnet er bis im Frühling.

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