Leichtathletik

Leutnant Kendricks, der Unschlagbare – auch bei Weltklasse Zürich?

Stabhochsprung-Weltmeister Sam Kendricks in seinem Element.

Stabhochsprung-Weltmeister Sam Kendricks in seinem Element.

Der US-Stabhochspringer hat diese Saison bei jeder seiner Teilnahmen gewonnen. In bisher elf Wettkämpfen ist er ungeschlagen. Daneben ist er ein Patriot, der sich letzten Winter in der Army gar den Leutnant abverdiente.

Gerade für einen Amerikaner tönt das ziemlich demütig. «Er ist der Beste», sagt Weltmeister Sam Kendricks und zielt mit dieser Feststellung auf seinen französischen Stabhochsprung-Konkurrenten Renaud Lavillenie. Wie gross die Hochachtung füreinander ist, dokumentiert eine Szene an den Weltmeisterschaften in London.

Der 24-jährige US-Newcomer hat als einziger Athlet 5,95 m übersprungen. Nur Weltrekordhalter Lavillenie kann den Sieg von Kendricks noch verhindern. Dafür muss er in seinem letzten Versuch 6,01 m meistern. Der Weltleichtathlet von 2014 nimmt Anlauf und im Hintergrund feuert Kendricks seinen Gegner leidenschaftlich an. Dabei wäre er vielleicht seinen ersten WM-Titel los, würde Lavillenie reüssieren.

Im Wettkampf die ärgsten Konkurrenten, daneben Freunde: Sam Kendricks (rechts) und Renaud Lavillenie.

Im Wettkampf die ärgsten Konkurrenten, daneben Freunde: Sam Kendricks (rechts) und Renaud Lavillenie.

Sam Kendricks, wieso haben Sie das getan? «Das war eine Frage des Respekts. Renaud hätte den Sieg verdient gehabt. Und schliesslich hatte ich ja noch alles selbst in der Hand. Hätte er die 6,01 m übersprungen, wäre ich wieder an der Reihe gewesen», sagt der Sonnyboy aus der Kleinstadt Oxford in Mississippi.

Ja, sie mögen sich, der aufstrebende Kendricks und sein Lehrmeister Lavillenie. Nur einmal wurde der Sportsgeist unter den weltbesten Stabhochspringern auf eine harte Probe gestellt. Als das Publikum an den Olympischen Spielen von Rio den Support des eigenen Hoffnungsträgers Thiago Braz da Silva auf dem Weg zu Olympiagold dahingehend äusserte, die Konkurrenten gnadenlos auszupfeifen. Ungewohnte Töne in der Leichtathletik, wo höchstens frühere Dopingsünder oder ungeliebte Politiker bei Siegerehrungen mit Pfiffen rechnen müssen.

Die US-Hymne geht vor

Am Schluss gewannen Lavillenie und Kendricks hinter da Silva Silber und Bronze. Der Amerikaner zeigt Verständnis für die brasilianischen Zuschauer. «Man muss die Sportkultur im Land begreifen. Dort dreht sich alles um Fussball. Und im Fussball bist du für dein Team und gegen das andere. Klar, mit dem olympischen Geist hatte dies wenig zu tun. Aber für uns Athleten war es okay.»

Und Kratzer am gegenseitigen Respekt haben die Pfiffe nicht hinterlassen. «Nach meinem WM-Titel erhielt ich eine SMS von Thiago. Er schrieb mir: ‹Gratulation von einem Champion an einen Champion!›», sagt Kendricks.

Sam Kendricks verfügt über eine ausserordentliche Technik.

Sam Kendricks verfügt über eine ausserordentliche Technik.

Eine andere Szene von Rio bescherte Sam Kendricks in den USA nationale Aufmerksamkeit. Während der Stabhochsprung-Qualifikation fand im Stadion eine Siegerehrung statt. Die amerikanische Nationalhymne wurde just dann gespielt, als Kendricks an der Reihe war. Mitten im Anlauf brach er ab, stand still und sang mit. «Im Militär lernt man, bei der Hymne stramm zu stehen», kommentiert der Offizier einer Reserveeinheit von Maschinisten sein ungewöhnliches Verhalten. Patriotismus, wie ihn die Amerikaner lieben.

Kendricks blickt auf ein aufregendes Jahr zurück. Ganz Oxford habe seinen Auftritt bei Olympia gemeinsam im Stadtsaal verfolgt, sagt er mit Stolz, «sogar die Strassen waren mit Fahnen geschmückt. In meiner Heimatstadt könnte ich nicht berühmter sein.» Im Winterhalbjahr leistete er fünf Monate Militärdienst am Stück, verdiente sich den Leutnant ab.

Sam Kendricks 6.00m PB Sacramento 2017

Sam Kendricks Sprung über 6 Meter.

Am 1. März wurde Kendricks militärisch befördert, am 24. Juni sportlich. Mit dem ersten und bisher einzigen 6-Meter-Sprung in seiner Karriere. «Willkommen im Club, Bruder!», schrieb ihm Freund Lavillenie dazu.

Von Mädchen bezwungen

Sam Kendricks Weg in die Leichtathletik war vorgezeichnet. Sein Vater Scott trainierte das örtliche High-School-Team. Er sei aber weder besonders schnell noch kräftig gewesen. «Aber ich war bereit, rasch und beharrlich zu lernen. Deshalb wählte ich eine Disziplin mit einer grossen technischen Komponente aus», sagt Kendricks. Auch wenn an seiner Schule vorwiegend Mädchen mit dem Stab trainierten und sie ihn am Anfang reihenweise schlugen. Doch Kendricks ging seinen Weg, stets begleitet von seinem Vater.

Der Leutnant, der rund eine Woche pro Monat für sein Land dient, zeichnet sich beim Wettkampf durch eine Eigenheit aus. Im Vergleich zu Lavillenie oder da Silva benutzt er einen rund 35 Zentimeter kürzeren Stab. Dies macht er mit einem technisch besseren Absprung wett.

Sam Kendricks mit seiner Goldmedaille von London 2017.

Sam Kendricks mit seiner Goldmedaille von London 2017.

Dafür sagt Sam Kendricks auch ehrlich: «Ich glaube nicht, dass ich fähig bin, Weltrekord zu springen.» Das ist auch nicht sein Ziel. Er möchte Geschichte schreiben als Athlet, der stets bereit ist, wenn es um die wichtigen Medaillen geht. «Ich will von allen Grossanlässen mit Edelmetall nach Hause zurückkehren. Es gibt ganz wenige Sportler, die so etwas über eine ganze Karriere hinweg durchgezogen haben.»

Geschichte schreiben kann Kendricks bereits in diesem Jahr. In bisher elf Wettkämpfen ist er ungeschlagen. Eine komplette Saison ohne Niederlage gelang noch keinem Stabhochspringer, nicht einmal dem grossen Sergej Bubka. In der WM-Revanche im Letzigrund folgt die nächste Prüfung. Und wieder wird Renaud Lavillenie versuchen, seinen angestammten Platz zuoberst auf dem Podest zurückzuerobern. Und wieder wird Sam Kendricks bereit sein, seinen Freund und Lehrmeister im direkten Duell abzufangen.

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