Streif
Kein Sieg vor Kitzbühel: Steckt Beat Feuz in einer Krise – oder ist alles nur heisse Luft?

Viermal war Beat Feuz in der Abfahrt von Kitzbühel schon Zweiter. Gewonnen hat er noch nie. Am Freitag und Samstag erhält er gleich zwei Chancen dazu. Allerdings war Feuz zuletzt in Bormio so schlecht wie seit drei Jahren nicht mehr. Müssen wir uns Sorgen um ihn machen?

Martin Probst
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Beat Feuz im zweiten Abfahrtstraining auf der Streif in Kitzbühel.

Beat Feuz im zweiten Abfahrtstraining auf der Streif in Kitzbühel.

Expa/Johann Groder / APA/APA

Was ist mit Beat Feuz los? Es ist eine Frage, die nach der Abfahrt von Bormio Ende 2020 ein paar Mal gestellt wurde. Nur Rang zehn für den Mann, der zuvor in 28 Abfahrten 21-mal auf dem Podest stand, davon sechsmal als Sieger. Bahnt sich da etwa eine Krise an, Beat Feuz?

Der 33-Jährige braucht ein paar Sekunden, bis er antwortet. Er hat es sich allerdings selbst eingebrockt, dass überhaupt solche Fragen aufkommen. Zu verwöhnt wurde der Schweizer Skifan von ihm. 28-mal in Folge beendete er eine Abfahrt unter den besten acht Athleten der Welt, dreimal in Folge wurde er am Ende der Saison als bester Abfahrer ausgezeichnet.

Und jetzt? Noch kein Sieg in diesem Winter, nur einmal auf dem Podest. Zwischenrang fünf in der Abfahrtswertung. Ja, es wäre einfach, eine Polemik loszutreten, bevor er am Freitag und am Samstag versucht, nach bisher vier zweiten Plätzen erstmals die Abfahrt in Kitzbühel zu gewinnen. Feuz sagt – nach der kurzen Bedenkpause: «Man darf alles denken.» Ob es stimmt, ist ein anderes Thema.

Die Parallelen zum Winter 2016/17

Also schauen wir etwas genauer hin. Ein wichtiger Punkt bei der Analyse ist die Coronapandemie, oder vielmehr die Folgen davon. Weil der Speedauftakt in Nordamerika dem Virus zum Opfer fiel, fehlt Feuz die von ihm geschätzte intensive Trainingseinheit in Übersee. Feuz sagt:

In dieser Woche kann ich sonst in vielen Abfahrtsläufen vieles aufbauen und steuern.

Nun starteten die Abfahrer in Val d’Isère in die Saison, das als Ersatzort eingesprungen war für Beaver Creek. Im Nobelressort im US-Bundesstaat Colorado hat Feuz bei seinen vergangenen vier Teilnahmen zweimal gewonnen und er wurde zweimal Zweiter. In Frankreich startete Feuz erst zweimal, 2016 belegte er den 13. Rang. In dieser Saison fuhr der 33-Jährige auf Rang sechs. Während Feuz in Nordamerika also immer gleich zu Saisonbeginn grosses Selbstvertrauen aufbauen konnte, wurde er der Chance in diesem Winter beraubt.

Allerdings lohnt sich der Blick in die Vergangenheit, um dieses Handicap zu relativieren. Als im Winter 2016/17 die Nordamerika-Rennen aufgrund von Schneemangel abgesagt werden mussten und die Abfahrtssaison ebenfalls in Val d’Isère startete, fuhr Feuz in Kitzbühel nahezu perfekt. Nur leider nicht bis ins Ziel. 72 Hundertstelsekunden betrug sein Vorsprung an der Hausbergkante, der Sieg schien Formsache, ehe er in der Ziel­traverse zu viel Risiko nahm und abflog.

Fangnetz statt Sieg: Beat Feuz stürzt 2017 auf dem Weg zum Sieg in der Traverse.

Fangnetz statt Sieg: Beat Feuz stürzt 2017 auf dem Weg zum Sieg in der Traverse.

Expa/Johann Groder / APA/APA

«Das ist das eine Mal, das ich den Respekt vor dieser Piste verloren habe», sagt Feuz. Es hätte das Risiko wohl gar nicht gebraucht. Feuz sagt: «Seither habe ich wieder Respekt.»

Es zeigt aber trotzdem, auch nach einem ungewohnten Start kann Feuz in Kitzbühel in Topform sein. Zumal der Winter 2016/17 eine weitere Parallele zu dieser Saison bietet. Auch damals fand die Abfahrt in Wengen nicht statt. Kein Virus, aber schlechtes Wetter verhinderte die Durchführung. Das ist insofern von Bedeutung, da Feuz dank Topleistungen sehr oft Schwung aus Wengen mit nach Österreich nehmen konnte. Auch das fehlt nun. Feuz, der die Abfahrt am Lauberhorn dreimal gewonnen hat und zweimal Zweiter wurde, sagt:

Klar wäre ich in Wengen sehr gerne gefahren. Um richtig rein zu kommen, um zu zeigen, wie gut ich drauf bin.

Trotzdem: Den Sturz kurz vor dem Ziel ausgeschlossen und als etwas deklariert, das Feuz nicht mehr passieren sollte, gibt es viele gute Parallelen zu jener Saison, die diesem Winter ähnelt.

Und damit nicht genug. Feuz hat in Kitzbühel noch ein weiteres Mal bewiesen, dass er auf der Streif sehr schnell sein kann, ohne grosse Vorbereitung zuvor. Als der Berner im Januar 2016 in Wengen sein Comeback nach einer Achillessehnenverletzung gab, fuhr er am Lauberhorn auf Rang elf. Nur eine Woche später, einzig mit den wenigen Fahrten von Wengen und dem Kitzbüheltraining in den Beinen, belegte Feuz in der Abfahrt sensationell Rang zwei.

Die trügerischen Resultate in diesem Winter

Es war der Anfang einer beeindruckenden Serie. Nach dem Abflug 2017 fuhr Feuz auch in den vergangenen drei Saisons in der berüchtigtsten Abfahrt der Saison auf Rang zwei. Dies allerdings immer nach einem planmässigen Start. Feuz sagt: «Es ist gut, wenn man mit Vertrauen nach Kitzbühel reist. Aber Vertrauen lässt sich auch anders aufbauen.» Zum Beispiel, indem er weiss, dass er die Streif beherrscht. Dass all seine Fähigkeiten zu dieser so schwierigen Strecke passen.

Zurück zur Frage, ob Feuz in einer Minikrise steckt. Er sagt: «Man muss die bisherigen Abfahrten vielleicht einmal etwas genauer anschauen und sieht dann vielleicht, dass es gar nicht so schlimm ist.» Und siehe da: In Val d’Isère verbesserte sich das Wetter nach der Fahrt von Feuz mit der Nummer neun. Urs Kryenbühl, der mit Nummer 14 Dritter wurde, hatte bereits mehr Bodensicht. Sieger Martin Cater (Nr. 41) und Otmar Striedinger (Nr. 26) auf Rang zwei hatten dann klar bessere Verhältnisse. Ohne Wetterumschwung wäre Feuz Zweiter statt Sechster geworden.

In Val Gardena belegte Feuz den dritten Rang. In Bormio verlor er als Zehnter trotz Fehler (Feuz: «Das darf mir nach drei Jahren ja auch Mal passieren.») nur 59 Hundertstelsekunden auf Sieger Matthias Mayer.

Krise? Von wegen: Beat Feuz ist bereit, zum ersten Mal in Kitzbühel zu gewinnen.