Sportevents

«Kein Anlass zu Optimismus»

Die Podiumsteilnehmer (v.l.): Fifa-Kenner Mark Pieth (feierte gestern seinen 63. Geburtstag), Swiss-Olympic-Präsident Jörg Schild, Moderatorin Marianne Meier von Terre des Hommes und die deutsche Filmemacherin Andrea Kuhn.

Die Podiumsteilnehmer (v.l.): Fifa-Kenner Mark Pieth (feierte gestern seinen 63. Geburtstag), Swiss-Olympic-Präsident Jörg Schild, Moderatorin Marianne Meier von Terre des Hommes und die deutsche Filmemacherin Andrea Kuhn.

Eine Podiumsdiskussion von Terre des Hommes Schweiz in Basel zeichnet ein düsteres Bild vom Zustand der grossen Sportorganisationen Fifa und IOC.

Ein Film mit Happy End? In einer Dokumentation über grosse Sportanlässe wie Olympische Spiele oder Fussball-Weltmeisterschaften? Nein, das könne sie sich derzeit nicht vorstellen, sagte die deutsche Filmemacherin Andrea Kuhn zum Abschluss einer Podiumsdiskussion in Basel. Zusammen mit Swiss-Olympic-Präsident Jörg Schild und Fifa-Reformvorreiter Mark Pieth diskutierte Kuhn zum Thema «Mega-Sportevents und Menschenrechte: Wer verliert, wer gewinnt wirklich.»

Die Gewinner waren schnell gefunden. In erster Linie die beiden grössten Sportorganisationen IOC und Fifa. Beide in der Schweiz beheimatet, beide dank gemeinnützigem Zweck grosszügig von Steuern befreit. «Dabei sind es nichts anderes als äusserst gewinnorientierte Unternehmen mit vollkommen intransparenten Strukturen und korrupten Eventvergaben», sagte Kuhn. Ebenfalls auf der Gewinnerseite stehen die Austragungsländer oder zumindest deren Repräsentanten, in jüngster Zeit primär autokratisch geführte und korrupte Staaten.
Dass die heimische Bevölkerung und bisweilen auch die Menschenrechte auf der Verliererseite stehen, zeigte im Vorfeld der Podiumsdiskussion die Schweizer Premiere des Kurzfilms «Die Kämpferin». Die zwölfjährige Naomy wehrt sich mit und für die Bewohner einer brasilianischen Favela gegen die Zwangsumsiedlung wegen des Baus der Olympischen Anlagen in Rio de Janeiro. Bisher trotz vieler Einschüchterungsversuche erfolgreich, doch an ein Happy End will auch hier am Ende der eindrücklichen und preisgekrönten Dokumentation niemand so richtig glauben.

Mark Pieth: «Wenn die Fifa in Katar bestimmen kann, welches Bier dort an der WM getrunken wird, dann wird sie wohl auch bestimmen können, unter welchen Bedingungen die Stadien gebaut werden.»

Mark Pieth: «Wenn die Fifa in Katar bestimmen kann, welches Bier dort an der WM getrunken wird, dann wird sie wohl auch bestimmen können, unter welchen Bedingungen die Stadien gebaut werden.»

Terre des Hommes setzt sich zusammen mit weiteren Organisationen mit der Kampagne «Children Win» für eine Änderung der Spielregeln bei der Durchführung von Mega-Sportereignissen ein. Man strebe einen Wandel im Sport, durch den Sport und um den Sport an, erklärte Podiumsleiterin Marianne Meier, welche die Kampagne leitet. Die Podiumsteilnehmer sparten diesbezüglich nicht mit Kritik an den grossen Verbänden und geizten auch nicht mit markigen Worten. So betitelte der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth den neuen Schweizer Fifa-Präsidenten als «Windfahne und nicht als Reformer» und fügte ernüchtert an, «aber vielleicht ist eine Windfahne weniger problematisch als ein Menschenverächter».

Menschenrechte kein Thema

Jörg Schild kritisierte die Zusammensetzung des IOC und die Vergabekriterien von Olympischen Spielen. Er sei an sechs Olympischen Spielen gewesen und viermal davon mit gemischten Gefühlen an den Austragungsort gereist, sagte der im Herbst abtretende Swiss-Olympic-Präsident. «Der Sport steckt derzeit in einer Krise», stellte Schild mit Blick auf den Zustand von IOC und Fifa fest. So schlug die Schweiz bei einem IOC-Kongress vor, die Menschenrechtssituation in die Vergabekriterien für Olympische Spiele zu integrieren. «Der Punkt wurde am Kongress weder traktandiert, noch haben wir bis heute eine Antwort auf unser Ansinnen erhalten.» Er glaube zwar, dass die IOC-Spitze die Zeichen der Zeit erkannt habe, «aber das Problem sind die Delegierten, da lässt sich die Mentalität nicht einfach so ändern». Auch die Fifa könne nicht einfach nur den Präsidenten auswechseln. «Da hätte man die Hälfte der Leute ersetzen sollen», findet Schild.

«Der neue Fifa-Präsident ist eine Windfahne und kein Reformer. Aber vielleicht ist eine Windfahne weniger problematisch als ein Menschenverächter.»

Mark Pieth

«Der neue Fifa-Präsident ist eine Windfahne und kein Reformer. Aber vielleicht ist eine Windfahne weniger problematisch als ein Menschenverächter.»

Pieth fragte sich, ob eigentlich nur noch Diktaturen solche Mega-Sportevents durchführen können. Doch die Kette der Verantwortlichkeit sei sehr lange. «Wenn die Fifa in Katar bestimmen kann, welches Bier dort an der WM getrunken wird, dann wird sie wohl auch bestimmen können, unter welchen Bedingungen die Stadien gebaut werden.»
Andrea Kuhn ärgerte sich über die von Sportführern oft gehörte Floskel, es gehe ja nur um Sport, und das habe nichts mit Politik zu tun. «Doch mit der Vergabe von Olympischen Spielen wird vom IOC ja gerade Politik betrieben. Deshalb sind solche Aussagen in sich Unsinn. Sport und Politik sind heute nicht mehr zu trennen», stellte die Direktorin des «Nurnberg International Human Rights Film Festival» fest und stiess bei ihren Gesprächspartnern auf uneingeschränkte Zustimmung.

Sportler sollen Stellung beziehen

Korruption funktioniere nur, wenn sie gefüttert werde. «Das Problem ist im System dieser Sportorganisationen drin». Deshalb wünschte sich Kuhn endlich Sportlerinnen und Sportler, die sich politisch äussern. «Es braucht starke Vorbilder, die sich trauen, etwas zu sagen. Das Schweigen im Sport ist unerträglich». Doch an ein Happy End für IOC, Fifa und die Macht im Sport glaubt die Menschenrechtsaktivistin nicht: «Es gibt keinen Anlass zu Optimismus».

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1