Sport

Jetzt wird über Verhütung und Menstruation geredet: Der Schweizer Sport entdeckt endlich die Frauen

Nicht überall in der Sportwelt wird Frauen so viel Beachtung geschenkt wie etwa beim Basler Frauenlauf im vergangenen Jahr.

Nicht überall in der Sportwelt wird Frauen so viel Beachtung geschenkt wie etwa beim Basler Frauenlauf im vergangenen Jahr.

Die erste Fachtagung «Frau und Spitzensport» mit 250 Teilnehmenden fand wegen Corona digital statt. Sie offenbarte, wie wenig sich die Trainingslehre bisher um die spezifischen Bedürfnisse von Sportlerinnen kümmerte.

Wo stehen Frauen im Spitzensport im Jahr 2020? Nimmt man die Olympischen Spiele zur Hand, stimmt die Rechnung. Das IOC meldet für die Sommerspiele in Tokio nahezu Gleichstellung der Geschlechter. Die Anzahl Sportlerinnen und Sportler ist praktisch identisch, zu gewinnen gibt es für beide gleich viele Goldmedaillen.

Der Blick hinter die Hauptprotagonistinnen des Sports offenbart nach wie vor eklatante Mängel. Die Mehrzahl von Athletinnen wird von Männern trainiert, die allermeisten Sportverbände werden von älteren Männern geführt und selbst die oft innovative Sportwissenschaft muss eingestehen, dass sich lediglich vier Prozent aller Studien um frauenspezifische Themen drehen.

Bundesrätin Viola Amherd hat sich die Frauenförderung im Sport auf die Fahne geschrieben und vor einigen Monaten ist auch Swiss Olympic in dieser Hinsicht erwacht. Seit November 2019 nimmt sich eine Arbeitsgruppe Frauenthemen im Spitzensport an. Geleitet wird die Gruppe von Marathonläuferin Maja Neuenschwander. Auch sie ist der Meinung, dass ein solches Projekt reichlich lange auf sich warten liess. «Es widerspiegelt die gesellschaftliche Situation. Die Schweiz ist in dieser Frage nicht gerade progressiv – etwa im Vergleich zu den nordischen Ländern. Deshalb ist es wichtig, dass die Frauen im Sport nun erwachen.»

Von Verhütung bis zum zyklusgesteuerten Training

Als bisheriger Höhepunkt fand vor wenigen Tagen in Bern eine Fachtagung «Frau und Spitzensport» statt – wegen Corona auf digitalem Weg. Der Anlass richtete sich an Personen im Umfeld von Athletinnen. Rund drei Viertel der 250 Teilnehmenden waren Frauen. Sie erfuhren in einer Podiumsdiskussion, in verschiedenen Referaten und in Expertentalks Neues zu Themen wie sinnvollem Training während der Schwangerschaft, das Potenzial von zyklusgesteuertem Training, geeignete Verhütungsmethoden für Spitzensportlerinnen, Kommunikationskultur im Umgang mit Frauen oder die Gefahren des relativen Energiemangel-Syndroms (RED-S), bei welchem ausbleibende Menstruation oder Untergewicht für gesundheitliche Risiken sorgen.

Das Publikum erfuhr aber auch, wie viel Wissen noch immer fehlt. Dass sich Athletinnen «oft ein wenig verloren fühlten» (Triathletin Nicola Spirig), dass sie «ausschliesslich männliche Trainer hatten» (Schwimmerin Martina van Berkel), dass «das eigene Gefühl vielfach etwas anderes sagte als die Trainingslehre» (Maja Neuenschwander) oder man Frauen zuerst trainiert hat, «als wären sie kleine Männer» (Kambundji-Trainer Adrian Rothenbühler). Wie gross der Graben zwischen dem Ist-Zustand und den Bedürfnissen nach wie vor ist, unterstrich die englische Sportwissenschaftlerin Emma Ross in ihrem Referat. 88 Prozent der Frauen einer Befragung unter britischen Olympiasportlerinnen sagten, dass der Menstruationszyklus ihre Leistung beeinflusst. Und 82 Prozent hatten zu diesem Thema nie eine Schulung.

Für Maja Neuenschwander und ihre Mitstreiter war diese Fachtagung deshalb nur ein erster Schritt. Eine Umfrage unter Sportlerinnen soll weitere Bedürfnisse aufzeigen. Eine Podcast-Serie mit verschiedenen Themen und eine Blogstory mit Skifahrerin Michelle Gisin richtet sich direkt an Frauen im Spitzensport. Auch die Module in der Trainerbildung werden mit frauenspezifischen Kapiteln ergänzt. Es besteht Nachholbedarf. Schliesslich sind Frauen und Mütter im Spitzensport mehr als eine populäre Modeerscheinung.

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