Mit diesem überraschend harten Urteil hatten im Vorfeld nur wenige Beobachter gerechnet. Zwar ist die Strafe gegen Russland keine kollektive Verbannung. Aber die Hintertür eines Starts unter olympischer Flagge, die für russische Athletinnen und Athleten offen steht, dürften nicht all zu viele russische Sportler nehmen. Denn dazu müssen sie nachweisen können, dass sie unbelastet sind und sich einem unabhängigen Testprogramm unterworfen haben. Der Internationale Leichtathletik-Verband wendet dieses System bereits an. Die IAAF schloss Russland schon vor den Sommerspielen 2016 in Rio aus und lässt seither vereinzelte Athleten unter neutraler Flagge starten.

"Es handelt sich um einen nie dagewesenen Angriff auf die Integrität der Olympischen Spiele und des Sports. Dieser Entscheid soll einen Strich ziehen unter die verheerende Episode", sagte Bach an der Pressekonferenz in Lausanne. Das IOC bestrafte damit das seiner Ansicht nach staatlich orchestrierte Dopingsystem in Russland, das bei den Winterspielen in Sotschi vor vier Jahren seinen Höhepunkt erfahren hatte. Mithilfe des Geheimdienstes wurden zahlreiche Dopingproben von russischen Sportlern ausgetauscht.

Zu den russischen Athletinnen und Athleten, die unter neutraler Flagge starten wollen, sagte Bach: "Alle sauberen Athleten werden unter streng definierten Bedingungen teilnehmen dürfen. Sie können in Pyeongchang eine Brücke bauen", ergänzte Bach.

Beeindruckendes Signal

"Das ist ein beeindruckendes Signal zugunsten des sauberen Sports", sagte Corinne Schmidhauser, die Präsidentin von Antidoping Schweiz.

Den mit Spannung erwarteten Entscheid fällte die 14-köpfige Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) unter Vorsitz von Präsident Thomas Bach am Dienstagabend in Lausanne. Die weiteren Beschlüsse: Der frühere russische Sportminister Witali Mutko, der aktuell Chef des russischen Fussball-Verbandes und WM-Organisationschef ist, wird als eine Schlüsselfigur im Doping-Skandal von allen zukünftigen Olympischen Spielen ausgeschlossen. Der ROC-Präsident Alexander Schukow ist als IOC-Mitglied suspendiert.

Die staatlichen Fernsehsender in Russland werden die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang wegen der Strafen des IOC nicht übertragen. Das teilte die Pressestelle der TV-Holding WGTRK nach dem Entschied des IOC mit.

Putin hatte für diesen Fall vor einigen Wochen von einer Demütigung gesprochen und mit einem Boykott gedroht, in den letzten Tagen waren diesbezüglich aber moderatere Töne aus Moskau zu vernehmen. "Wir sind gegen eine Einschränkung der Rechte unserer Sportler", hatte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Montag noch betont. Ein staatlich gelenktes Dopingsystem wurde in Russland aber weiter vehement geleugnet.

Das Nationale Olympische Komitee Russlands wird voraussichtlich am 12. Dezember über eine Reaktion auf die IOC-Entscheidung beraten. Möglich wäre ein Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof, um die Entscheidung anzufechten. In Sachen Paralympics will unterdessen das IPC bis zum 22. Dezember eine Entscheidung treffen.

Auslöser des Skandals war der Dopingbetrug der Russen bei den Heim-Winterspielen 2014 in Sotschi. Der ehemalige Leiter des Moskauer Anti-Dopinglabors, Grigori Rodtschenkow, hatte als Kronzeuge über den systematischen Austausch von Dopingproben russischer Athleten berichtet. Die Pläne dafür seien bis in höchste politische Kreise bekannt gewesen. So sollen Manipulationen bei 15 von 33 russischen Medaillengewinnern vertuscht worden sein. Viele Athleten sollen indes vor den Wettkämpfen einen leistungssteigernden Cocktail mit Steroiden und Alkohol erhalten haben.

Der kanadische Rechtsprofessor Richard McLaren hatte im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA in zwei Berichten umfangreiches Material gesammelt, die staatlich gesteuerte Manipulationen im russischen Sport belegen. Mehr als 1000 Athleten sollen zwischen 2011 und 2015 davon profitiert haben.

Die Kommission unter Leitung alt Bundesrat Samuel Schmid hatte die Aufgabe herauszufinden, wer in dem von McLaren beschriebenen System welche Verantwortung trug. Diese Erkenntnisse dienten auch als Grundlage des IOC-Entscheids über die Sanktionen gegen Russland dienen. "Wir haben eine solche Form des Betrugssystems vorher noch nie gesehen", sagte Schmid.