Ironman-WM Hawaii

«Ich will das Gefühl des Fliegens»: Daniela Ryf auf dem Weg zur Legende

Bei ihrem dritten Hawaii-Sieg 2017 hängte Daniela Ryf die Konkurrenz um fast neun Minuten und mehr ab.

Bei ihrem dritten Hawaii-Sieg 2017 hängte Daniela Ryf die Konkurrenz um fast neun Minuten und mehr ab.

Daniela Ryf strebt beim Ironman Hawaii ihren vierten Sieg in Folge an. Was sie antreibt, was ihr während des Rennens durch den Kopf geht und weshalb sie sich an Männern misst.

Daniela Ryf, 3,86 km Schwimmen, 180,2 km auf dem Rad, 42,195 km Laufen. Hand aufs Herz: Der Ironman ist ein Sport für Spinner, oder?

Daniela Ryf: Ein wenig verrückt ist es schon. Früher habe ich gedacht, dass es nicht möglich ist, so etwas über eine solche Distanz zu machen. Aber ich finde, der Triathlon bringt das Beste in uns hervor. Der Körper ist zu so viel fähig, und viele merken das nicht. Wir unterschätzen unseren Körper extrem.

Was fasziniert Sie persönlich daran?

Es ist ein Sport mit drei Disziplinen. Es ist extrem, aber es gibt Ungesünderes. Triathlon ist ein familiärer Sport: Man ist zwar Konkurrent, aber immer auch Familie, das ist einzigartig. Auch, weil Profis mit Hobby-Sportlern an einem Anlass teilnehmen. Im Tennis oder in der Formel 1 kann man sich das nicht vorstellen. Wer kommt, ist angefressen. Wer das noch nie erlebt hat, versteht das nicht. Triathlon hat etwas, das einfach süchtig macht.

Sie sind bereits seit vier Wochen auf Hawaii, wie erleben Sie die Insel?

Es ist nicht einfach, die Ruhe zu bewahren. Es ist eine WM, ein Festival, das zelebriert wird. Bei Rennen bleibe ich normalerweise unerkannt, aber auf Hawaii geht das nicht. Auswärts essen geht nicht mehr, weil du belagert wirst. Gehe ich einkaufen, wollen die Leute mit mir reden und ein Foto machen. Das darf man nicht unterschätzen.

Sie sehen täglich die Konkurrenz. Wie gehen Sie damit um?

Ruhig ist es nirgendwo. Du siehst nur noch Athleten. Alle sind giggerig auf das Rennen und sehen enorm fit aus. Du denkst dir: Scheisse, die sind so durchtrainiert, dass du jeden Muskelstrang siehst. Ich habe aber auch gemerkt, dass das Aussehen nicht alles ist. Wichtig ist, was du in Herz und Lunge hast, nicht nur in den Muskeln.

Auf Big Island ist es heiss, feucht und windig, die Strecke langweilig. Nervt Sie der Ironman manchmal?

Die Bedingungen sind extrem, am Anfang stirbst du fast, weil es so feucht ist. Wind, Hitze, Feuchtigkeit – das sind die Herausforderungen, die es so speziell machen. Und die Geschichte. Auf Hawaii werden Legenden geboren. Natascha Badmann zum Beispiel. Diese Insel hat auch mein Leben verändert. Nein, der Ironman nervt mich nicht.

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Sie sagen, die Herausforderung sei nicht der Wettkampf, sondern was dabei im Kopf vorgeht. Beim Ironman haben Sie viel Zeit, nachzudenken. Was geht da in Ihnen vor?

Das Geheimnis ist es, nicht zu viel nachzudenken und im Moment zu bleiben: Wenn du auf dem Velo sitzt, darfst du nicht denken: «Ohoh, nachher muss ich noch einen Marathon rennen.» Das macht dich kaputt. Es geht darum, aus jeder Situation das Beste zu machen. Wenn du ein Problem hast, suchst du nach einer Lösung. Aber erst dann.

Und wenn Sie im Tief sind?

Manchmal gibt es keine Alternative: Du musst einfach auf die Zähne beissen, bis es wieder besser wird. Manchmal denke ich dann an die Familie: dass sie am Strassenrand steht. Dass ich sie nicht im Stich lassen will. Ein Beispiel: Im letzten Jahr habe ich in Mooloolaba nicht gewonnen. Da hat mir jemand erzählt, sein Sohn habe den ganzen Tag grännet. Da sage ich mir: «Du darfst es nicht vermasseln.»

Wie gehen Sie mit diesem Wellenbad der Gefühle um?

Negative Gedanken muss man ausblenden. Zu denken: «es tut so weh, ich kann nicht mehr» bringt dich nie weiter. Ich will das Gefühl des Fliegens haben. Wenn du das Gefühl hast: «Der Körper macht mit. Heute habe ich endlos Energie. Heute fliege ich über die Strecke.» Wenn alles mühelos, schwerelos und leichtfüssig ist. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich diese Party rocke. Wenn ich merke: «Mein Körper ist eine Maschine.» Im Ironman ist das schwer zu erreichen, aber es ist mein Ziel. In meiner eigenen Welt sein.

Sie haben in diesem Jahr jedes Rennen gewonnen, an dem Sie teilgenommen haben. 2017 hatten Sie fast neun Minuten Vorsprung auf die Zweite. Sind Sie unschlagbar?

Ich habe mich gut vorbereitet und möchte ein tolles Rennen zeigen. Es wird sicher spannend. Die Konkurrenz ist stärker geworden. Früher konnte ich die ersten 40 Kilometer lockerer angehen. Nun wird es von Anfang an sehr schnell sein.

Jetzt stapeln Sie tief: Sie haben bei der Ironman-EM in Frankfurt die Frauen-Wertung mit 26 Minuten Vorsprung gewonnen. Nur sechs Männer waren schneller als Sie.

Sicher gab es Rennen, die ich klar gewonnen habe. Aber ich sehe auch, dass Junge nachkommen. Mein Ziel ist es, ein besseres Rennen als letztes Jahr zu zeigen. Wie oft ich gewinne, ist mir weniger wichtig als die Art und Weise, wie ich mich dieser Herausforderung stelle. Eine Unsicherheit bleibt immer.

Sie messen sich auch an den Männern. Worin liegt für Sie der Reiz?

Es hilft, meine Grenzen zu finden, ans absolute Limit zu gehen. Die Frage, wie nahe ich an die Männer herankomme, ist gleichzeitig die Frage, wozu ich noch fähig bin. Das treibt mich an. Im Ironman ist der Unterschied zwischen Mann und Frau nicht so gross wie anderswo. Frauen können sehr lange Belastungen aushalten. Je länger ein Rennen, desto geringer der Unterschied.

Sie feilen an jedem Detail. Im Windkanal testeten Sie zum Beispiel, wo Sie die Flasche am besten anbringen. Dazu studieren Sie Ernährungswissenschaften. Daniela Ryf, sind Sie eine Selbstoptimiererin?

Definitiv. Perfektionismus und Effektivitätbeschreiben mich ziemlich treffend. Ich finde immer etwas, mit dem ich nicht zufrieden bin, auch wenn es eigentlich ein perfektes Rennen war. Das zermürbt mich vielleicht manchmal. Vielleicht wäre es besser, wenn ich einmal zufrieden wäre. Andererseits ist das auch ein Grund, wieso ich mich nicht ausruhe. Weil ich mich selber ständig frage: Wo kann ich mich noch verbessern?

Was ist härter: Training oder Rennen?

Das Rennen ist hart, aber das Training härter, weil ich sehr oft müde bin. Das ist ein wenig wie bei einem Artisten, der sich auf eine Show vorbereitet. Das Rennen ist wie der Auftritt auf der Bühne: der schönere Teil. Man wird angefeuert, ist voller Adrenalin. Es ist die Belohnung für die Arbeit eines ganzen Jahres. Im Rennen bin ich nicht dauernd über dem Limit, im Training oft.

Weshalb?

In diesen Momenten wirst du besser. Es motiviert mich, im Training zu sagen: «Wenn ich diese zehn Minuten jetzt noch durchhalte, dann macht mich das besser.» Die Momente, in denen man über die Grenzen geht, sind die Momente, in denen man diese verschiebt. Das ist nicht immer leicht.

Wie verbringen Sie die letzten Tage vor dem Rennen?

Ich schlafe viel. Die drei letzten Tage vor dem Rennen trainiere ich gar nicht mehr. Ich vermeide alles, was mich ablenken kann, und schotte mich etwas ab. Ich will mir meine gute Laune nicht verderben lassen und muss nicht mehr alles mitbekommen.

Sie trainieren 30 Stunden in der Woche und sind oft im Ausland. Wie ist das für Ihr Privatleben?

Das ist nicht immer einfach. Vor allem, wenn ich weiss, dass meine Freundinnen feiern oder gemütlich zusammensitzen und ich gerade das dritte Mal am Tag laufen gehen sollte und der Körper von den ersten beiden Malen schmerzt. Bin ich zu Hause, ist es mir sehr wichtig, Freunde und Familie so oft wie möglich zu treffen. Weihnachten zum Beispiel ist mir heilig.

Lucy Charles

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Mirinda Carfrae

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Sarah Crowley

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