Michael Suter

Handball-Nationaltrainer nach EM-Aus: «Wir haben viel Arbeit vor uns»

Nati-Trainer Michael Suter (Mitte): Schritt um Schritt vorwärts.

Nati-Trainer Michael Suter (Mitte): Schritt um Schritt vorwärts.

Nationaltrainer Michael Suter spricht nach dem EM-Aus der Schweizer Handballer über die Ambition, EM-Stammkunde zu werden.

Er müsse noch schnell einen Lachs besorgen. Seine Frau hätte darum gebeten, erzählt Handball-Nationaltrainer Michael Suter kurz vor dem Heimflug nach Zürich. Wenig später flachst er: «Zwei Punkte, zwei Lachse. Aber vier Punkte und kein Lachs wäre mir lieber gewesen.»

Sie scheinen trotz EM-Aus gut drauf zu sein.

Michael Suter: Nein, natürlich bin ich enttäuscht. Denn wir hatten uns vorgenommen, die Hauptrunde zu erreichen. Wir setzen uns immer hohe Ziele. Aber wir haben gegen zwei Gegner verloren, die ein paar Schritte weiter sind als wir. Trotzdem bin ich sehr zufrieden, wie sich die Mannschaft präsentiert hat. Aber auch, wie sie wahrgenommen worden ist. Und mich freut, wie sie immer zusammengestanden ist. Sei es, nach der ­klaren Startniederlage gegen Schweden. Oder nach dem Sechstorerückstand zur Pause gegen Slowenien. Und der Sieg gegen Polen tut so unheimlich gut. Er allein entschädigt mich für zwölf Jahre harte Arbeit.

Welche Lehren ziehen Sie?

Wir haben viel Arbeit vor uns. Ich habe eben am Flughafen nochmals den Spielerrat zusammengerufen.

Was haben Sie dabei ­besprochen?

Wir sind uns in fast allen Punkten einig. In den wenigen Tagen in der Nationalmannschaft kann man nicht viel verbessern. Jeder Spieler ist selber dafür verantwortlich, im Verein, aber auch im individuellen Training sich ständig zu verbessern. Das erwarte ich. Denn jetzt haben die Spieler gesehen, was es braucht, um auf diesem Niveau bestehen zu können. Die Realität ist, dass wir in vielen Bereichen noch ein gutes Stück von der Weltklasse entfernt sind. Mein Job als Trainer ist es auch, die Differenz ein Stück weit zu kompensieren.

Beispielsweise mit ­taktischen Innovationen wie dem 7:6-Überzahlspiel.

Genau.

Was bis auf eine Phase gegen Schweden gut funktioniert hat.

Das sehe ich auch so. Wir wollen die taktische Variabilität beibehalten. Im Wissen, dass wir gegen Topnationen weder im 6:6 noch im 7:6 jeden Angriff erfolgreich abschliessen werden.

Sie haben nach dem EM-Aus von grossen Plänen gesprochen. Können Sie diese Aussage konkretisieren?

Das Problem ist, dass die Öffentlichkeit nun eine EM-Qualifikation als selbstverständlich betrachtet. Aber glauben Sie mir: Da gibt es etliche Nationen, die unglaublich Gas geben wie beispielsweise die Portugiesen. Holland kommt, die Ungarn gewinnen beinahe gegen Weltmeister Dänemark – und das mit zwei Spielern, die ich noch nie gesehen habe. Handball entwickelt sich zu einer Weltsportart. Die grossen Pläne sind, dass wir unseren Weg mit grösstmöglicher Intensität und Intelligenz weitergehen, um uns der Spitze weiter anzunähern.

Also Stammgast an Europameisterschaften?

Eigentlich schon. Und trotzdem bringt es nichts, jetzt schon zu weit vorauszublicken, wenn man noch nicht mal die Gegner in der Qualifikation kennt. Wir haben konstatiert, wie anspruchsvoll so eine EM ist, insbesondere für unsere stark belasteten Stammkräfte. Deshalb will ich mehr Breite im Kader, auch ein Aspekte meiner grossen Pläne. Zu diesem Zweck werde ich noch mehr mit den jungen Spielern arbeiten, noch mehr Stützpunkttrainings für die 18- bis 20-Jährigen organisieren.

Eine dieser stark belasteten Stammkräfte ist Andy Schmid, der in drei Spielen 27 Tore warf. Fürchten Sie sich vor dem Tag, an dem er zurücktritt?

Andy ist ein fantastischer Typ und ein fantastischer Spieler. Er hat wieder richtig Spass daran, Teil dieser Nationalmannschaft zu sein. Das ist erst mal die Basis. Er hat sich jahrelang schwergetan und irgendwann auch die Lust verloren. Er ist wieder richtig gerne dabei und wird es auch so lange wie möglich bleiben. Was für uns natürlich extrem wichtig ist.

Aber er ist halt schon 36. Und es ist wahrscheinlich, dass er 2022, wenn sein Vertrag bei den Rhein-Neckar Löwen ausläuft, mit Handball aufhört.

Klar, der Tag wird irgendwann kommen. Aber er fühlt sich unglaublich gut. Und an der EM hat man Spieler gesehen, die auch mit 40 noch Topleistungen bringen. Für Andy ist wichtig, dass er sich mit unserem Projekt vollumfänglich identifizieren kann. Er hat die EM sehr genossen. Egal, wann der Umbruch kommen wird. Wir werden Andy nicht 1:1 ersetzen können. Aber ich arbeite daran, dass zwei, drei Spieler dieses Vakuum werden füllen können.

Für den nächsten Schritt braucht es eine Entwicklung von Spielern wie Küttel, Maros, Meister und Rubin.

Einverstanden. Vor drei Jahren waren wir vielleicht zwölf Schritte von der Weltspitze entfernt. Bis jetzt haben wir schon mal sieben, acht Schritte aufgeholt. Aber die letzten Schritte zu den Topnationen wie Slowenien, die sind noch viel schwieriger. Das heisst für jeden Spieler, dass er noch mehr investieren muss.

Sind sie bereit dazu?

Ich traue es ihnen zu.

Und haben Sie die Qualität dafür?

Qualität ist die eine Seite. Auf der anderen Seite steht die Bereitschaft, alles auszureizen. Ich glaube an jeden der 17 Spieler, die ich an der EM dabei hatte. Die aktuelle Mannschaft ist nicht mehr vergleichbar mit jener vor vier, fünf Jahren, als man eher aus Plausch mit der Nati auf Reisen ging.

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