Der Hahnenkamm in Kitzbühel: ein Schicksalsberg für die Skifahrer Albrecht und Cuche

Für die Schweizer Daniel Albrecht und Didier Cuche war der Hahnenkamm in Kitzbühel der Berg, der ihr Leben veränderte – in unterschiedlicher Weise.

Martin Probst, Kitzbühel
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Blick auf Hausbergkante, Traverse und Zielschuss: Die legendäre Abfahrt auf der Streif verlangt von den Athleten alles ab. (Bild: Peter Hartenfelser/Imago (Kitzbühel, 23. Januar 2019))

Blick auf Hausbergkante, Traverse und Zielschuss: Die legendäre Abfahrt auf der Streif verlangt von den Athleten alles ab. (Bild: Peter Hartenfelser/Imago (Kitzbühel, 23. Januar 2019))

«Ich kam nach Kitzbühel. Ich sagte mir, das gewinne ich jetzt. Scheissegal wie. Es war ein Gedanke, den ich so zuvor nie hatte.» Und dann ist nichts mehr, wie es war. Daniel Albrecht (35) stürzte vor zehn Jahren im Training beim Zielsprung. Aufprall. Stille. Neustart ins Leben.

«Ich schlief hinterher wie ein Baby. Das passierte mir sonst nur noch einmal – nach meinem WM-Gold in Val d’Isère.» Didier Cuche (44) ist Mister Kitzbühel. Fünfmal gewann er die Abfahrt – das ist Rekord. Seine Siegfahrt von 2011 bezeichnet er als zu 99 Prozent perfekt. Die Befriedigung begleitete ihn ins Bett.

Der Hahnenkamm in Kitzbühel verändert Leben. Er ist Schicksalsberg für viele.

Das Limit finden

Zehn Jahre nach seinem Unfall ist Albrecht zurück in Kitzbühel. «Die erste Zeit war eigentlich angenehm. Ich wusste ja nichts, ich machte mir keine Gedanken.» Albrecht lag mit einem Schädel-Hirn-Trauma drei Wochen im künstlichen Koma. Als er aufwachte, konnte er sich an nichts erinnern. Er erkannte seine Eltern und seine Freundin nicht. Er wusste nicht, dass er einer der besten Skifahrer war.

Didier Cuche kennt in Kitzbühel jeder. Auch sieben Jahre nach seinem letzten Sieg 2012. Heute bietet er Führungen an. Er begleitet Sponsoren auf die Piste, zeigt ihnen sein Kitzbühel. Und jeder will etwas von ihm. Wer hier die Abfahrt gewinnt, ist König. Der Rekordsieger ist Kaiser. Cuche sagte einst: «Es gibt auf der Streif kaum Spielraum zwischen Erfolg oder Misserfolg. Spital oder Gesundheit. Darum ist man immer am Kämpfen. Mit dem Körper, skifahrerisch, aber auch im Kopf. Man muss sein Limit finden. Um keinen Preis darf man diese Grenze überschreiten.»

«Scheissegal wie», sagte Albrecht. War das der Fehler? «Ich kann nicht böse sein auf mich, ich habe keinen grossen Fehler gemacht. Ich kann aber auch nicht auf Kitzbühel böse sein», sagt er. «Vielleicht musste es sein.» Albrechts Weg zurück ins Leben war lang, führte ihn aber zurück in den Weltcup. «Trotzdem: Meine Karriere endete im Rückblick mit dem Unfall. Das Danach – ich habe es probiert. Ich wusste, ich habe es gerne gemacht. Es war mein Leben. Und tatsächlich: Alles, was mit Skifahren zu tun hatte, lernte ich sehr schnell. Es war für mich die beste Therapie.»

Die Abfahrt auf der Streif beendet Karrieren. Der Österreicher Patrick Ortlieb siegte 1994 und war König. 1999 stürzte er, ein Trümmerbruch im Oberschenkel und andere Verletzungen zwangen den Österreicher zum Rücktritt. 2011 erlitt Hans Grugger bei einem Sturz im Training ein Schädel-Hirn-Trauma. Wie Albrecht lag er im Koma. Er versuchte zwar, zurückzukehren, schaffte es aber nie. «Ich habe nach meinem Sturz an ein Comeback geglaubt, obwohl das völlig unrealistisch war», sagte der Österreicher vor ein paar Tagen.

Albrecht gelang das Unmögliche. Er gab 682 Tage nach seinem Unfall sein Comeback im Weltcup. Im Riesenslalom in Bea­ver Creek fuhr er auf Rang 21. «Ich habe bewiesen, dass es möglich ist», sagt er. «Doch die Trainer sagten mir, das war Zufall. Ich sei noch nicht so weit. Sie machten es kaputt. Und ich glaubte ihnen. Das ist das Einzige, was ich im Rückblick bereue. Ich habe zuvor und danach immer nur auf mich gehört.»

Aus dem Kader gestrichen

Auch Cuche ist stur. Und vor allem ist er ein Perfektionist. Nichts überliess er je dem Zufall. Ski, Schuhe, Anzug, Vorbereitung: Alles musste ideal sein. Die Streif verzeiht nichts. Ein Vorteil, wer vorbereitet ist. Und keiner war es besser als Cuche. «Ich war immer der Meinung: Hundert Prozent soll man nehmen, mehr nicht. Hundertundein Prozent bedeuten bereits Sturz.» Er stürzte nie. 2012, wenige Tage nachdem er sein Rücktritt per Ende Saison erklärte, siegte er zum letzten Mal auf der Streif.

Albrecht träumte schon als Kind davon, Weltmeister zu werden. 2007 gelang es ihm in der Kombination. Als er sich im Dezember 2012 im Abfahrtstraining in Lake Louise eine Knieverletzung zuzog, wurde sein Comeback gestoppt. Er selbst wollte es noch einmal probieren. Doch die Trainer und der Verband strichen ihn aus dem Kader. «Das war eine brutale Ohrfeige», sagt Albrecht. Im Oktober 2013 gab er seinen Rücktritt bekannt. Zehn Jahre nach seinem Sturz sagt er: «Ich habe heute eine Familie, ein Kind, zwei Hunde und ein Haus. Ich habe ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut und konnte das jetzt verkaufen.» Seine Kleiderlinie «Albright» erwarb sein einstiger Kopfsponsor. Heute verkauft Albrecht Häuser aus Holz, das während der richtigen Mondphase geschlagen wurde. «Das passt irgendwie zu mir. Man fragt sich, ist er ganz normal?», sagt Albrecht. Und die Antwort liefert er gleich selbst: «Ich bin es nicht und war es nie. Aber wenn ich an etwas glaube, mache ich es mit ganzem Herzen.»

Für Albrecht und Cuche war der Hahnenkamm der Berg, der ihr Leben veränderte. So unterschiedlich ihre Wege sind. Sie beide würden nichts verändern. Albrecht sagt: «Ich will, dass meine Tochter auch mal macht, was sie will, was sie mag. Dass sie ihrer Leidenschaft folgt. Bei mir war das immer das Skifahren.»

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