Flavio: Letzthin bin ich beim Surfen im Netz auf ein Video gestossen. Da läuft ein junger Inder barfuss auf einer asphaltierten Strasse. 100 Meter, wird behauptet. In der Reportage wird eine Uhr eingeblendet. Als der junge Inder ins Ziel kommt, stoppt die Uhr bei 0:11.

Tobias: Schneller als wir, aber langsamer als die Weltelite.

Flavio: Schon. Aber barfuss und auf der Strasse, dafür ist die Zeit schon ziemlich bemerkenswert.

David: Ich habe das Video auch gesehen. Und mich dann ein bisschen über die Geschichte dieses Sprinters informiert. Der Junge soll ein erst 19-jähriger Kuhhirte sein.

Pius: Bislang wusste ich, dass die Kühe in Indien heilig sind. Dass sie aber auch schnell sind, ist mir neu.

David: Dummes Zeug. In indischen Zeitungen steht, dass der Junge erst vor sechs Monaten mit dem Sprinttraining begonnen hat. In dieser kurzen Zeit hat er sich von zwölf auf elf Sekunden verbessert. Das ist doch aller Ehren wert.

Flavio: Absolut. Aber nicht mehr. Trotzdem sind sie in Indien wegen dieses Jungen ziemlich durch den Wind. TV-Stationen im ganzen Land sollen immer wieder das Video des 11-Sekunden-Laufs zeigen. Und selbst ehemalige Politiker meldeten sich zu Wort und fordern, der rasend schnelle Kuhhirte müsse nun sofort und mithilfe öffentlicher Gelder professionell gefördert werden.

François: Und was sagt der junge Sprinter dazu? David: Wenn er nicht mehr Hunger leiden müsse, ein Paar Schuhe und professionelles Training bekäme, sei er zuversichtlich, den Fabelrekord von Usain Bolt zu unterbieten.

Pius: Puh! Alles Bollywood oder was? Was ist denn das für einen Mist, den der junge Inder verzapft? Zur Erinnerung: Bolt ist vor zehn Jahren 9,58 Sekunden gelaufen. Ein FABELWELTREKORD. Unerreichbar. Jedenfalls glaube ich nicht, dass wir in diesem Leben jemals einen Menschen sehen werden, der schneller läuft als Usain Bolt.

Tobias: Da wirst du wohl recht behalten. Aber ganz aussichtslos scheint mir die Situation des jungen indischen Kuhhirten nicht zu sein. Denn wenn es mit der Leichtathletik nicht klappt, kann er immer noch zum Fussball wechseln. Und vielleicht sehen wir ihn bald beim FC Basel kicken.

Pius: Du meinst, wegen der Kooperation mit dem indischen Klub? Dann sollte sich der Kuhhirte aber beeilen. Allzu lange gebe ich diesem Projekt nicht mehr.

Tobias: Beeilung sollte für einen Sprinter eigentlich kein Problem sein. Was mich interessiert: Hat die Geschichte mit dem jungen Inder bereits eine Fortsetzung?

David: Ja, aber eine eher traurige.

Tobias: Erzähl!

David: Vor wenigen Tagen ist er zu einem Rennen auf der Bahn angetreten. Nicht mehr barfuss, sondern mit neuen Laufschuhen.
Tobias: Los, machs nicht so spannend. Wie ist es dem indischen Usain Bolt ergangen?

David: Er wurde Siebter von sieben.

Tobias: In welcher Zeit?

David: 12,90 Sekunden.

Tobias: Oh je, da kann er ja gleich morgen mit dem Training beim indischen FCB-Partnerklub beginnen.

David: Natürlich ist die Euphorie der Ernüchterung gewichen. Aber aufgeben wollen sie den Traum vom 100-Meter-Weltrekord noch nicht. Erstmals mit Schuhen und vor Publikum gelaufen – es gibt Gründe, warum es nicht lief.

François: Hat der Inder auch einen Namen?

David: Rameshwar Gurjar.