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Grenzgänger Pierre-Hugues Herbert: «Meine grösste Angst ist es, die Geburt meines Sohnes zu verpassen»

Sicherer Wert in Frankreichs Davis-Cup-Equipe: Pierre-Hugues Herbert.

Sicherer Wert in Frankreichs Davis-Cup-Equipe: Pierre-Hugues Herbert.

Der französische Tennis-Spieler Pierre-Hugues Herbert wuchs im Elsass in der Gemeinde Schiltigheim auf, ging in Deutschland zur Schule und lebt in der Schweiz. Mitte September wird er zum ersten Mal Vater. Auch deshalb überlegt sich Herbert, auf die Teilnahme bei den US Open zu verzichten.

Selbst wenn sich in seinem Leben und seinen Gedanken vieles, wenn nicht fast alles um die gelbe Filzkugel dreht – es gibt wichtigeres als Tennis, es gibt wichtigeres als den nächsten Ballwechsel, als den nächsten Sieg, das nächste Turnier, die nächste Reise und ja, weil es auch sein Beruf ist, den nächsten Preisgeldcheck. Seltener wurde das Pierre-Hugues Herbert so vor Augen geführt wie in den letzten Monaten. Seit einigen Jahren wohnt der Franzose mit seiner Verlobten Julia in Delémont im Schweizer Jura, aufgewachsen ist er in der Elsässer Gemeinde Schiltigheim, die Schule besuchte er in Deutschland in Kehl, wo er das Gymnasium absolvierte. Sein Bruder Gabriel wohnt in Bern, Schwester Marjolaine in Develier.

Herbert aber ist ein Grenzgänger geblieben, er sagt: «Ich bin Elsässer, mag die deutsche Mentalität, bin stolzer Franzose und fühle mich in der Schweiz Zuhause.» Seine Eltern Jean-Roch und Marie Laure leben inzwischen in Strassburg, und obwohl sie nur zwei Stunden Autofahrt trennen, hat Herbert sie während Monaten nicht mehr gesehen. «Für sie war es keine einfache Zeit, aber das war es für niemanden», sagt er. Vor allem auch deshalb, weil ihr Sohn Mitte September erstmals Vater wird. Herbert sagt deshalb, er habe die lange Zeit Zuhause auch genossen. «Ich durfte die Schwangerschaft von Anfang an miterleben, das war sehr schön.» Zudem hätten sie im Vergleich zu Frankreich Glück gehabt, speziell im Jura habe es wenige Coronafälle gegeben, und die Massnahmen blieben moderat.

Pierre-Hugues Herbert gehört sowohl im Einzel als auch im Doppel zur erweiterten Weltspitze.

Pierre-Hugues Herbert gehört sowohl im Einzel als auch im Doppel zur erweiterten Weltspitze.

An Delémont schätzt Herbert die Ruhe und Privatsphäre

An Delémont schätzt er die Ruhe, und dass die Menschen die Privatsphäre respektieren. Denn erkannt wird Herbert schon. Schliesslich ist er im Einzel die Nummer 71 der Welt. Noch erfolgreicher war Herbert im Doppel, wo er die Nummer 2 der Welt war und mit seinem Landsmann Nicolas Mahut alle vier Grand-Slam-Turniere gewinnen konnte. «In Delémont gibt es kein anonymes Leben. Jeder weiss alles über jeden, es ist eine kleine Stadt», sagt Herbert, der meist in Biel im nationalen Leistungszentrum von Swiss Tennis trainiert, im Sommer aber auch die Anlage des TC Delémont und des TC Courrendlin-La Croisée nutzt. Als Tennisspieler führe er ein aussergewöhnliches Leben, sei während zehn Monate im Jahr auf Reisen. Gerade deshalb schätzt er den entspannten Rhythmus im Jura.

Und doch zieht es Pierre-Hugues Herbert wieder hinaus in die Welt, Tennis ist seine Berufung, aber eben auch: sein Beruf. Bereits seit Mitte März ruht der Spielbetrieb, Anfang August soll es weitergehen, unter strengen Sicherheitsmassnahmen. Ob Herbert dann dabei sein wird, ist noch nicht klar. Er sagt: «Es gibt drei Gründe, die dafür sprechen: Erstens: Das Geld. Zweitens: Vielleicht mache ich den Menschen, die Tennis am Fernsehen verfolgen, damit eine Freude. Drittens: Es ist mein Beruf.» Doch da ist auch die Angst vor dem Coronavirus. In der Schweiz fühle er sich sicherer als in den USA. «Meine grösste Angst ist aber, die Geburt meines Sohnes zu verpassen. Wenn er früher zur Welt kommt, und ich auch noch mit dem Coronavirus zurückkomme, habe ich alles verloren», sagt Herbert.

Novak Djokovic habe viele Ideen und wende viel Zeit für das Tennis und die Spieler auf, sagt Pierre-Hugues Herbert über den Serben.

Novak Djokovic habe viele Ideen und wende viel Zeit für das Tennis und die Spieler auf, sagt Pierre-Hugues Herbert über den Serben.

Herbert nimmt Novak Djokovic in Schutz

Am 16. September soll sein Sohn zur Welt kommen, drei Tage nach dem Final der US Open. Auf die Turniere in Madrid und Rom verzichtet Herbert, im Doppel wird er kaum antreten, obwohl er dort durchaus Chancen auf den Turniersieg hätte. Doch Herbert sagt auch, heute sei es unmöglich, sowohl im Einzel als auch im Doppel erfolgreich zu sein. Herbert ist einer der wenigen Männer, denen dieser Spagat gelingt, er ist auch hier ein Grenzgänger. Er sagt: «Tennis ohne Doppel kann ich mir nicht vorstellen, das ist historisch.» Einzel sei die Hauptdisziplin, aber in den Clubs würden mehr als die Hälfte der Menschen Doppel spielen, denn es mache Spass und sei spektakulär. «Was mich frustriert, ist der mangelnde Respekt gegenüber Doppel-Spielern, vor allem in meiner Heimat Frankreich.»

Pierre-Hugues Herbert ist ein Spieler, der immer schon für seine Meinung eingetreten ist, so kritisierte er 2018 die Davis-Cup-Reform. In Schutz nimmt er hingegen Novak Djokovic, der wegen der von ihm initiierten Adria-Tour, bei der sich mehrere Personen mit dem Coronavirus infiziert haben, darunter der Serbe selber, unter Beschuss geraten ist. «Ich habe mich gefreut, dass wieder Tennis gespielt wurde. Es sollte eine grosse Fiesta werden. Am Ende wurde es leider zum Albtraum. Es war nicht die beste Idee und einfach zu früh», sagt Herbert. Djokovic setze sich als Präsident des Spielerrats für alle ein, die Kritik an ihm sei unfair. «Novak hat viele Ideen. Es ist klar, dass diese nicht allen gefallen. Aber er wendet viel Zeit für das Tennis und uns Spieler auf. Deshalb verteidige ich ihn.»

2016 gewann Pierre-Hugues Herbert mit Nicolas Mahut in Wimbledon.

2016 gewann Pierre-Hugues Herbert mit Nicolas Mahut in Wimbledon.

Wie Herbert hatte auch Djokovic mit dem Gedanken gespielt, auf seine Teilnahme bei den US Open zu verzichten. Herbert sagt, es werde nicht dasselbe sein. «Du fliegst nach New York, um vor leeren Rängen Tennis zu spielen, statt mit den Zuschauern die Emotionen zu teilen. Du verbringst die Zeit im Hotel, trägst Masken und darfst nicht nach Manhattan.» Dabei sei es immer sein Traum gewesen, vor vielen Zuschauern zu spielen, auf dem Centre Court in Roland Garros. Ein Traum, der wieder in Erfüllung gehen könnte. Denn in Paris sollen Zuschauer wieder zugelassen sein. Und vielleicht sitzen dann seine Eltern, sein Bruder, seine Schwester und seine Verlobte im Publikum. Mit dem gemeinsamen Sohn. Es wäre ein traumhafter Moment in einem Jahr, das zum Albtraum geworden ist.

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