Gnade für Russland in der Doping-Krise? Viel deutet darauf hin. Beim IOC-Gipfel in Lima bröckelt die Anti-Russland-Front. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) rückt immer weiter von ihrem Anti-Kurs ab und wettert stattdessen gegen die Nationalen Anti-Doping-Agenturen (Nados), die einen Ausschluss Russlands von den Winterspielen 2018 in Pyeongchang gefordert hatten. Gleichzeitig beschloss das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Einführung einer Geldstrafe für Athleten und Teams, die gegen Doping-Richtlinien verstossen.

Der Beschluss, der Bussen zulässt, wurde in der olympischen Charta verankert und ist brisant. Im Vorfeld des Gipfels von Lima gab es Berichte, wonach Russland mit einer hohen Geldstrafe von 100 Millionen Dollar davonkommen solle und von einem Olympia-Ausschluss verschont bliebe.

Es scheint, als habe die IOC-Spitze um Präsident Thomas Bach die Wada rechtzeitig auf ihre Linie gebracht. Schon vor Rio hatte das IOC auf einen Kollektiv-Ausschluss Russlands verzichtet. Das grösste Flächenland der Erde soll bei den Winterspielen 2014 in Sotschi im grossen Stil gedopt haben, der kanadische Sonderermittler Richard McLaren hatte dem Gastgeber zudem ein systematisches Doping über Jahre hinweg attestiert.

Wada-Chef Craig Reedie lobte am Freitag auffallend die Reformen in Russland im Anti-Doping-Kampf. Noch vor gut einem Jahr hatte seine Agentur den Ausschluss von Rio gefordert. «Es gibt einen grossen Fortschritt in Russland. Es ist wichtig, dass die Russische Nationale Anti-Doping-Agentur wieder ihre Arbeit aufnimmt», sagte Reedie. Der Schotte betonte, dass es wichtig sei, dass die Nados unabhängig seien, aber das bringe auch Verantwortung mit sich. Die Nados würden den Fortschritt in Russland aber in keiner Weise anerkennen, das sei ein Fehler. «Die Arbeit der Nados ist nicht hilfreich», betonte Reedie.

Zuvor hatte das Schweizer IOC-Mitglied Dennis Oswald die Ergebnisse seiner Kommission vorgestellt, die die Dopingvergehen der russischen Sportler bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi untersucht. Der Schweizer betonte, dass man noch mehr Zeit brauche und die Resultate einer forensischen Untersuchung abwarten müsse.

Derzeit werden 50 Flaschen mit Doping-Proben russischer Sportler geprüft. «Wenn wir die Resultate haben, werden wir die Athleten zur Anhörung einladen», erklärte Oswald. Er hoffe, dass man die Untersuchungen Ende des Jahres abgeschlossen habe. Er wisse auch, dass die Zeit wegen der Winterspiele im Februar dränge.

Auch die Resultate einer Untersuchungs-Kommission von Alt-Bundesrat Samuel Schmid wurden vorgestellt. Diese befasst sich mit dem Verdacht einer institutionellen Verschwörung in Russland und der Rolle der russischen Regierung. Bislang stünden «keine detaillierten Informationen zur Verfügung», hiess es in dem Bericht. Auch die Schmid-Kommission hoffe auf Ergebnisse in den nächsten Wochen.