Langlauf

Gesperrt, weil sie eine Grenze überschritten haben

Da war die Welt noch in Ordnung: Frida Karlsson, Therese Johaug und Ingvild Flugstad Östberg (v. l.) bei ihrem Medaillengewinn über 10 km an der WM.

Da war die Welt noch in Ordnung: Frida Karlsson, Therese Johaug und Ingvild Flugstad Östberg (v. l.) bei ihrem Medaillengewinn über 10 km an der WM.

Zwei der weltbesten Langläuferinnen durften beim Weltcup in Davos nicht starten. Ihre Verbände sperrten sie intern, weil sie den Gesundheitstest nicht bestanden haben. Offensichtlich hat dies mit ihrem Gewicht zu tun.

Fast alles war wie immer. Therese Johaug deklassierte beim Weltcuprennen in Davos ihre Konkurrentinnen, wie sie es Woche für Woche zu tun pflegt. Wo die Norwegerin am Start steht, bleiben für den Rest des Feldes nur Brosamen. Eine Nuance aber gab es auf der Flüela-Loipe: Die zwei ersten Herausforderinnen der zehnfachen Weltmeisterin fehlten. Nicht freiwillig.

Johaugs Landsfrau Ingvild Flugstad Östberg und die schwedische WM-Entdeckung Frida Karlsson dürfen derzeit aufgrund von internen Schutzsperren keine Wettkämpfe bestreiten. Bei Flugstad Östberg besteht dieser Bann seit dem Sommer, bei Karlsson seit einer Woche. Die Begründung für diese Massnahme lautet: Sie haben nicht alle Anforderungen des Gesundheitstests erfüllt.

Genaueres geben die beiden Verbände mit Rücksicht auf den Persönlichkeitsschutz der Athletinnen nicht bekannt. Da in der Vergangenheit Fälle von Übertraining oder Infekten konkret benannt wurden, geht man aber davon aus, dass die Ursache ihres Startverbots beim Hauptgrund für die Einführung des Gesundheitstests in den zwei Ländern liegt: Anzeichen von «Female Athlete Triad» – Probleme beim Essverhalten.

Ärzte setzen sich gegen die Trainer durch

Flugstad Östberg und Karlsson haben offensichtlich beim Ziel, den Abstand zu Überfliegerin Johaug zu verringern, eine Grenze überschritten. Während die zierliche Johaug stets ein Fliegengewicht war, konnte man den Gewichtsverlust der früheren Sprinterin Flugstad Östberg in den letzten Jahren mitverfolgen. Auch die 1.72 m grosse Karlsson bringt andere körperliche Voraussetzungen mit als die zehn Zentimeter kleinere Johaug.

Schlankheitswahn bis hin zur Magersucht ist im Ausdauersport keine Seltenheit. Als sich das Problem vor zehn Jahren im norwegischen Frauenlanglauf ausweitete und auch im Nachwuchs akut wurde, handelte der Olympiaverband und führte den Gesundheitscheck für eine Reihe von Ausdauersportarten wie Langlauf, Leichtathletik oder OL ein.

Neben unbestechlichen Werten im Bereich der «Female Athlete Triad» – den Symptomen Gewichtsverlust durch eine Essstörung, ausbleibende Menstruation und Osteoporose –, die zu einem Startverbot führen, gehört zum Programm die Aufklärungskampagne in Sportschulen und Trainingscentern. Schliesslich können Essstörungen Stressfrakturen, den Verlust von Resistenzen und psychische Krankheiten auslösen.

Während im norwegischen Langlauf bereits mehrere Juniorinnen vorübergehend aus dem Wettkampfsport genommen wurden, ist WM-Shootingstar Frida Karlsson (drei Medaillen) nach drei Jahren Testpraxis in Schweden der erste Fall. Dieses ärztliche Stoppsignal führte in der Vergangenheit auch zu Auseinandersetzungen mit Trainern, wie ein norwegischer Sportwissenschafter betont.

Bald auch in der Schweizer Leichtathletik?

In der Schweiz kennt man einen ähnlichen Test im Rahmen sportärztlicher Untersuchungen bisher nur beim OL. Das Konzept entstand 2010 nach Fällen von Essstörungen im Juniorinnenkader. Ein Startverbot ist auch hier die letzte Konsequenz, wurde aber noch nie ausgesprochen. «Wir setzen auf den Dialog mit den Betroffenen. Mit einer Sperre läuft man Gefahr, dass die Athletin den Arzt als Feind ansieht und sich verschliesst», sagt OL-Verbandsarzt Peter Züst. Derzeit prüft eine Arbeitsgruppe, ob ein spezifischer Gesundheitstest auch in der Schweizer Leichtathletik eingeführt werden soll.

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