Kann das gut gehen? Was nur haben sich die GC-Bosse da gedacht? Das sind die Fragen, die einem an diesem Mittwoch durch den Kopf schiessen. Am Tag, an den die Grasshoppers Tomislav Stipic als neuen Trainer präsentieren.

Eines muss man den Grasshoppers ja lassen: Sie wählen eine Lösung, die man im besten Fall als mutig und kreativ bezeichnen kann. Und vielleicht ist es am Ende ja nicht einmal schlecht, wenn ein neuer, unbekannter Mann kaum Kredit geniesst und beweisen muss, was er kann.
Genau darauf hofft GC. Sowohl Präsident Stephan Anliker wie auch CEO Manuel Huber liessen durchblicken, dass sie nicht den scheinbar logischen Weg gehen und einen «grossen» Namen verpflichten wollten.

Aber – und das sollte jedem im Verein bewusst sein – die Ernennung von Stipic ist ein grosses Risiko. Eines, das GC auch in den Abgrund führen kann.

Stipic und seine Erfahrungen als Abstiegstrainer

Die Grasshoppers legen ihr Schicksal in die Hände eines Mannes, der kaum Erfolge als Trainer vorweisen kann. Der völlig unbekannt ist. Der den Schweizer Fussball überhaupt nicht kennt. Der aber dafür schon zweimal abgestiegen ist mit seinen Vereinen.

Zuerst 2015. Bei Erzgebirge Aue war das. Im letzten Spiel in Heidenheim köpfte der Torhüter das späte 2:2, aber der Punkt reichte nicht. Abstieg aus der 2. Bundesliga, wegen der Tordifferenz.

Dann 2016. Diesmal mit den Stuttgarter Kickers. Drei Punkte Vorsprung vor dem letzten Spieltag. Es reicht wieder nicht. Abstieg aus der 3. Bundesliga, wieder wegen der Tordifferenz, ein einziges Tor entscheidet.

Tomislav Stipic posiert am Tag seiner Vorstellung als GC-Trainer im Restaurant "Heugümper".

Der neue GC-Trainer

Tomislav Stipic posiert am Tag seiner Vorstellung als GC-Trainer im Restaurant "Heugümper".

Stipic ist sich bewusst, dass sein Vergangenheit als Trainer nicht gerade glorios ist. «Und trotzdem bin ich stolz auf meine Erfahrungen», sagt er. «Isoliert betrachtet, habe ich immer gute Arbeit geliefert. Ich wurde auch noch nie entlassen.» So kann man das sehen. Die Engagements liefen nach den Abstiegen einfach aus. Neue Gelegenheiten, seine Qualitäten zu beweisen, gab es indes auch nicht mehr wirklich.

Sein Weg führt nach China. Er ist Teil eines Projekts. Unter deutscher Führung sollte aus einem Zweitligisten «etwas ganz Grosses» (Zitat Stipic) entstehen. Innert fünf Jahren. Nach sechs Monaten wird das Projekt wieder abgebrochen. «Die kulturellen Unterschiede waren einfach zu gross.» Im April 2017 ist das. 15 Monate später kommt Stipic bei Eintracht Frankfurt unter. Er darf dort die zweite Mannschaft trainieren. Ehe er nun zum plötzlichen Retter von GC avancieren soll.

Wer seiner Vorstellung in einem Saal des Restaurants «Heugümper» beiwohnt, fühlt sich irgendwann in mitten einer Esotherik-Veranstaltung. Stipic spricht mit klarer Stimme, überzeugt von sich und seiner Welt. Gerade so, als wäre jede andere Trainer-Wahl undenkbar gewesen. Alsbald versteigt er sich gar zur Aussage: «Ich sehe mich als Sinnstifter von GC.» Ein paar Minuten später wiederum spricht er über sich als «never ending Baustelle». Ja, er sagt es genau so.

Stipic und sein zerschlagener Traum

Vielleicht ist Stipics eigene Biografie das, was GC so überzeugt hat. Er ist gebürtiger Kroate. Als 10-jähriger kommt er mit seiner Familie nach Deutschland. Stipic hat zwei Brüder und fünf Schwestern. Der Alltag ist nicht einfach. Später will er Fussballprofi werden. Mit 19 zerschlägt sich der Traum. Auch wegen Verletzungen, näher mag er nicht darauf eingehen. Er sagt: «Ich musste in meinem Leben immer wieder Sachen ertragen, die nicht so liefen, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Ich musste immer wieder kämpfen, kämpfen, kämpfen.»

Und genau das will er von seinem neuen Team im Abstiegskampf sehen. Kampf, Arbeitsmoral, Glaube an sich selbst. Es sind Dinge, die jeder Trainer sagt, wenn er eine neue Stelle antritt.
Grosse Versprechen will er nicht schon abgeben. «Es ist nicht der Moment für grosses Posaunen. Was ich versprechen kann, ist dies: Wir werden jederzeit alles geben.» Es ist die nächste Floskel.

Wie er denn Trainer geworden sei, ist die nächste Frage. «Einfach so passiert», die Antwort. «Eine Folge davon vielleicht, dass ich sämtliche Wut und Energie nach meinem geplatzten Traum in dieses Tätigkeit gesteckt habe.» Oder in die Familie. Er ist vierfacher Familienvater. 15, 14, 9 und 4 Jahre alt sind die Buben.

Präsident Anliker: «Intensive und interessante Tage»

Präsident Anliker und CEO Huber sind die Verantwortlichen, die den Entscheid für Stipic nun verantworten. «Intensive und interessante Tage», hat Anliker erlebt. Ob er ein Gambler sei, wird er gefragt. «Nein, eher ein erfolgreicher Unternehmer!», gibt er zurück. Helfen würde ihm, wenn er zusammen mit Huber auch einmal in fussballerischer Hinsicht eine Entscheidung träfe, die sitzt. Huber haben die vergangenen Wochen, die stetig negativen Schlagzeilen ziemlich beschäftigt. «Ich würde lügen, wenn ich etwas anderes behaupten würde.»

Sie alle verbindet die Hoffnung, dass es endlich, endlich, endlich aufwärts geht beim krisengeschüttelten GC. Am Samstag ist das erste Spiel von Stipic. Meister YB ist der Gegner. Eine Woche später wartet Sion. Nach der Nati-Pause Lugano. Es gäbe auch einfachere Aufgaben gleich zu Beginn für einen neuen Trainer.

Stipic erhält bei GC einen Vertrag bis zum Ende der nächsten Saison (2019/20). Sollten die Grasshoppers im kommenden Mai in die Challenge League absteigen, haben Klub und Trainer die Möglichkeit, den Vertrag aufzulösen.