Die Super League ist um eine Attraktion reicher. Kurz vor Saisonbeginn gaben die Regelhüter des Fussballs grünes Licht für den Videobeweis in der Schweiz. Kaum ist der VAR da, greift er schon spielentscheidend ein. Und sogleich entflammen die Debatten. Hat der Videoschiedsrichter zu Recht eingegriffen? War der Entscheid richtig? Hätte der Ref nicht einen Blick auf den Bildschirm werfen sollen?

Schon beim Auftakt am Freitag im Wallis zwischen Sion und dem FCB hat der VAR seinen ersten grossen Auftritt. Kurz vor der Pause pfeift Schiedsrichter Sandro Schärer nach einer Boxabwehr von Basel-Keeper Jonas Omlin Penalty. Die Videorefs in Volketswil schalten sich ein, Schärer eilt zur Seitenlinie, beugt sich über den Bildschirm und annulliert den Strafstoss. Weil Omlin den Ball trifft. Sion hätte hier 2:1 in Führung gehen können. Stattdessen kassieren die Walliser kurz nach Seitenwechsel das 1:2. Letztlich tauchen sie mit 1:4.

Reif ereifert sich, während Hüppi auf eine einheitliche Linie hofft

Aber selbst Sion-Trainer Stéphane Henchoz findet danach: «Voila, jetzt haben wir also den Videobeweis. Er wird Schiedsrichterfehler reduzieren, und das ist gut so.» FCB-Trainer Marcel Koller blieb dank dem VAR stets ruhig: «Ich habe gesehen, dass Jonas den Ball trifft. Das hat sich anscheinend bestätigt.» Er findet aber, der Schiedsrichter müsste noch klarer signalisieren, wenn er mit den Videoassistenten kommuniziert.

Am Samstag wurde die Debatte hitziger. St. Gallen wurde ein Penalty gegen Luzern aberkannt nach VAR- Intervention, während in Thun eine fast identische Szene zu einem Strafstoss führte, ohne Eingreifen des VAR. Teleclub-Experte Marcel Reif enervierte sich über das Vorgehen in der Ostschweiz: «War das eine klare Fehlentscheidung? Nein. Also hat der VAR hier nichts verloren.» Der Schiedsrichter bewerte eine Situation. «Es gibt eine Berührung, und der Verteidiger nimmt das Risiko.» So einfach.

Graubereiche wird der VAR nicht ausradieren

Die Ostschweizer verloren nach dem annullierten Penalty 0:2. Präsident Matthias Hüppi diplomatisch: «Natürlich muss man weiterhin am VAR arbeiten. Wichtig wird sein, dass eine gemeinsame Linie gefunden wird. Sonst gibt es jedes Wochenende solche Diskussionen.»

Allerdings: So ähnlich die Szenen sind, sie sind beide im Graubereich. Doch das eine Mal eilt der Ref an die Seitenlinie und schaut sich die Szene an (St. Gallen), das andere Mal bleibt er bei seiner Entscheidung ohne Videokonsultation (Thun). Es würde die Glaubwürdigkeit erhöhen, wenn sich die Schiedsrichter bei ähnlicher Szene wenigstens identisch verhalten würden, wenn sie schon nicht identisch entscheiden.

«Dreissig Jahre habe ich ohne Videobeweis gespielt. Aber ich habe mich gefreut, das als alter Spieler noch erleben zu dürfen. Die grossen Ligen, die wir im Fernsehen verfolgen, haben alle Videoschiedsrichter. Ich bin zwar noch kein Fan, aber ich akzeptiere, dass sich der Fussball verändert», sagt Xamax-Routinier Raphaël Nuzzolo. Mit Sicherheit wird das Spiel ein bisschen gerechter. Aber den Graubereich wird der VAR nicht ausradieren. Vieles bleibt Interpretationssache.

Der Sonntag übrigens war ein ruhiger Tag für die Videoschiedsrichter. Sie prüften zwar, aber griffen weder in Bern noch in Zürich ein.