Fussball-WM
Polen, Senegal, Kolumbien, Japan: Das müssen Sie über die Gruppe H wissen

Polen, Senegal, Kolumbien oder Japan – wer qualifiziert sich für die Achtelfinals? Wer ist der Cheftrainer? Und welche Spieler ragen aus dem Kollektiv heraus? Das müssen Sie vor dem Auftaktspiel der Gruppe H wissen.

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Gruppe H: Polen, Senegal, Kolumbien, Japan

Gruppe H: Polen, Senegal, Kolumbien, Japan

Keystone

Polen: Warten auf den grossen Wurf

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Polen stellt kein grosses Nationalteam. Hierfür hätte es irgendeinmal im Final einer WM oder EM stehen müssen. Dennoch erlebte Polens Fussball mit den 3. Plätzen an den WM 1974 und 1982 eine Hochblüte. Unvergesslich ist die Wasserschlacht von Frankfurt vom Juli 1974. In diesem WM-Halbfinal, in dem der Ball immer nach wenigen Metern in den Lachen stecken blieb, verloren die Osteuropäer gegen die BRD 0:1. Polen verfügte damals über hervorragende Individualisten. Zuerst über Jerzy Gorgon, Kazimierz Deyna und Grzegorz Lato, den besten glatzköpfigen Fussballer seiner Zeit, später über Andrzej Szarmach und Zbigniew Boniek.

Was Boniek damals war, ist Robert Lewandowski heute längst: Symbolfigur, Goalgetter und Hoffnungsträger einer Fussballnation, die ihr Potential nie ausgeschöpft hat. An den letzten sieben WM-Endrunden fehlte Polen fünfmal; 2002 und 2006 kam das Team nicht über die Vorrunde hinaus. Diesmal soll es besser werden. Polen qualifizierte sich als souveräner Gruppensieger vor Dänemark.

Polen in Zahlen

- Gründung Verband: 1919

- Fifa-Ranking (Juni 2018): 8

- WM-Teilnahmen (7): 1938, 1974, 1978, 1982, 1986, 2002, 2006

- Bestes WM-Resultat: 3. Plätze 1974 und 1982

- Qualifikation: Gruppensieg in der Europa-Zone

- Bester Torschütze der Qualifikation: Robert Lewandowski (16 Tore)

- Bilanz gegen die Schweiz: 11 Spiele, 5 Siege, 5 Unentschieden, 1 Niederlage

Der Trainer: Adam Nawalka – smart und erfolgreich

Als Adam Nawalka im Herbst 2013 die Verantwortung für die polnische Nationalmannschaft übertragen wurde, begegneten ihm die Medien mit Skepsis, war doch der WM-Dritte von 1978 als Trainer nur immer in Polen tätig. Und nach den Enttäuschungen mit Franciszek Smuda an der Heim-EM 2012 und Waldemar Fornalik spekulierten die Medien auf einen grossen, ausländischen Namen als Trainer. Viele trauten Nawalka nicht zu, mit den Stars wie Robert Lewandowski umzugehen. Doch Nawalka überraschte alle. Der 60-Jährige schaffte es, das Team auf und neben dem Platz zu einer Einheit zu formen. Die Mentalität der Spieler habe sich verändert, sagen Experten. Die Zeiten der Partys, der Alkohol- und Frauengeschichten seien vorbei.

Der Erfolg stellte sich schnell ein. Im Herbst 2014 bezwang Polen erstmals überhaupt Deutschland, was als Startschuss für die Erfolge der letzten Jahre gilt. An der EM 2016 in Frankreich scheiterten die Polen nach ihrem Sieg im Achtelfinal gegen die Schweiz im Viertelfinal gegen den späteren Europameister Portugal erst im Penaltyschiessen. Die Qualifikation für die WM in Russland schaffte Polen souverän – auch dank dem smarten Nawalka.

Adam Nawalka (POL), Polen. – Geboren am 23. Oktober 1957 in Krakau. – Grösste Erfolge als Trainer: EM-Viertelfinalist 2016 mit Polen, WM-Qualifikation 2018 mit Polen.

Senegal: Was kann Mané ausrichten?

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Der heutige Nationaltrainer Aliou Cissé war Senegals Captain, als die «Löwen von Teranga» 2002 als WM-Neuling in Japan und Südkorea bis in die Viertelfinals vorstiessen. Besser schnitt an einer WM nie ein afrikanisches Team ab. Doch die Erfolge wiederholten sich nicht. Der Senegal verpasste die WM-Endrunde drei Mal in Folge und kam auch am Afrika-Cup kaum je über die Vorrunde hinaus.

Statt auf Kontinuität setzten die Verbands-Funktionäre wie so oft in Afrika auf den steten Wechsel. Zwischen 2003 und 2015 versuchten sich im Senegal ohne Erfolg neun verschiedene Nationaltrainer. Die Wende kam mit dem ehemaligen PSG-Mittelfeldspieler Cissé, der anders als seine Vorgänger auch wieder auf einen breiteren Stamm von Stars aus europäischen Top-Ligen bauen kann. So wird die Abwehr von Napolis Kalidou Koulibaly geführt, die Offensive lebt von den Ideen von Liverpool-Stürmer Sadio Mané, auf dem viel Hoffnung liegt. Dank der ersten erfolgreichen WM-Qualifikation seit 16 Jahren ist der Senegal auf Platz 28 des FIFA-Rankings vorgerückt. Aus Afrika ist nur Tunesien (14.) besser klassiert.

Senegal in Zahlen

- Gründung Verband: 1960

- Fifa-Ranking (Juni 2018): 27

- WM-Teilnahmen (1): 2002

- Bestes WM-Resultat: Viertelfinal (2002)

- Qualifikation: 1. Platz in der Gruppe D der Afrika-Zone

- Bester Torschütze der Qualifikation: Sadio Mané (3 Tore)

- Bilanz gegen die Schweiz: noch kein Spiel

Der Trainer: Aliou Cissé – einst Captain, heute Trainer

Aliou Cissé ist der Jüngste aller 32 Trainer an der WM in Russland. Der 42-Jährige schaffte gleich bei seiner ersten Station als Trainer Beachtliches. Nachdem er von 2012 bis 2015 Co-Trainer bei Senegal war, übernahm er «Les Lions de la Téranga» als Hauptverantwortlicher, führte sie 2017 in den Viertelfinal am Afrika Cup und schaffte mit ihnen die Qualifikation für die WM souverän und ohne Niederlage in der Finalrunde.

Cissé blickt auf eine passable Karriere als Spieler zurück. Er spielte unter anderen bei Paris Saint-Germain und in der englischen Premier League. Als Captain des Nationalteams führte er Senegal an der WM-Endrunde 2002 in Südkorea und Japan zum Sieg im Eröffnungsspiel gegen Frankreich und später in die Viertelfinals. Im selben Jahr hatte Senegal auch den Final am Afrika-Cup erreicht. Nur wenige Monate nach seinen grössten Erfolgen als Fussballer erlitt Cissé einen persönlichen Schicksalsschlag. Bei einem Schiffsunglück, das mehr als 1000 Todesopfer forderte, verlor er zwölf Verwandte.

Aliou Cissé (SEN), Senegal. – Geboren am 24. März 1976 in Ziguinchor. – Grösste Erfolge als Trainer: Viertelfinalist am Afrika Cup 2017 mit Senegal, WM-Qualifikation 2018 mit Senegal.

Kolumbien: Reichlich Talent, dürftiger Erfolg

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In kaum einem Landesverband stehen Talent und Erfolg in einem derart starken Missverhältnis wie im 50-Millionen-Einwohner-Land Kolumbien. Wie stark die allgegenwärtige, hauptsächlich von Drogen- und Wettspielmafia bestimmte Korruption auf den Fussball und damit auch auf die Leistungen der Nationalmannschaft abfärbt, lässt sich nicht sagen. An der WM 2014 schied Kolumbien in den Viertelfinals gegen Gastgeber Brasilien aus. Aber so weit war die Mannschaft an einem WM-Turnier nie zuvor gekommen.

Im aktuellen Kader stehen zwölf Spieler aus den fünf grossen Ligen Europas. Angeführt werden sie von den Offensivkräften James Rodriguez, Radamel Falcao und Juan Cuadrado.

Seit der WM 1994 liegt ein Schatten über Kolumbiens Fussball. Die Mannschaft schied damals als Gruppenletzte hinter Rumänien, der Schweiz und der USA aus. Nach der Rückkehr wurde Andrés Escobar, der in der Saison 1989/90 als Libero bei YB gespielt hatte, vor einer Bar in Medellin erschossen. Hinter der Tat wurde die Wettspielmafia vermutet.

Kolumbien in Zahlen

- Gründung Verband: 1924

- Fifa-Ranking (Juni 2018): 16

- WM-Teilnahmen (5): 1962, 1990, 1994, 1998, 2014

- Bestes WM-Resultat: Viertelfinal (2014)

- Qualifikation: Vierter der Südamerika-Zone (18 Spiele/27 Punkte)

- Bester Torschütze der Qualifikation: James Rodriguez (6 Tore)

- Bilanz gegen die Schweiz: 4 Spiele, 2 Siege, 1 Unentschieden, 1 Niederlage

Der Trainer: José Pékerman – die Viertelfinals zum dritten?

Bereits zum dritten Mal nimmt José Pekerman als Trainer an einer WM teil. 2006 war er mit seinem Heimatland Argentinien im Viertelfinal an Gastgeber Deutschland im Penaltyschiessen gescheitert und wurde danach arg kritisiert, weil er nach der 1:0-Führung seiner Mannschaft den Vorsprung nur noch verwalten wollte. Anfang 2012 übernahm er Kolumbien und führte das Team mit fünf Siegen in den ersten sechs Qualifikationsspielen in die Spur. Auch die Endrunde in Brasilien wurde zum Erfolg. Kolumbien scheiterte erst im Viertelfinal an Gastgeber Brasilien und stellte mit James Rodriguez den Torschützenkönig des Turniers.

Während Pékerman in Kolumbien sehr erfolgreich und geschätzt ist, wird er in seiner Heimat Argentinien «Ilustre desconocido», der berühmte Unbekannte, genannt. Nach dem frühen Ende seiner Profilaufbahn hatte er sich mit Gelegenheitsjobs und als Taxifahrer in Buenos Aires durchgeschlagen, ehe er ins Trainermetier einstieg. Die grössten Erfolge feierte Pekerman als Nachwuchstrainer im argentinischen Verband. 1995, 1997 und 2001 holte er den Titel bei der U20-WM. Die Turniere fanden in Katar, Malaysia and Argentinien statt, weswegen Pékerman seine Hunde nach diesen Ländernamen taufte.

José Pékerman (Arg). – Geboren am 3. November 1949 in Villa Dominguez. – Grösste Erfolge als Trainer: U20-Weltmeister 1995, 1997, 2001 mit Argentinien, WM-Viertelfinalist 2006 mit Argentinien, WM-Viertelfinalist 2014 mit Kolumbien.

Japan: Stammgast mit starker Europa-Fraktion

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Japan ist zum WM-Stammgast geworden. Seit der erstmaligen Teilnahme 1998 war es an jedem Turnier dabei, schied dreimal in der Gruppenphase aus und erreichte zweimal die Achtelfinals. Der Vorstoss in die K.o.-Runde ist in Russland das Minimalziel der Asiaten, die in der Qualifikation unter anderem Saudi-Arabien und Australien hinter sich liessen. Die Mannschaft besteht aus zahlreichen in Europa engagierten Spielern, etwa Dortmunds Shinji Kagawa, Shinji Okazaki von Leicester, Yuto Nagatomo von Inter Mailand, Makoto Hasebe von Eintracht Frankfurt oder Yoshinori Muto von Mainz. Sie alle bringen über 80 Länderspiele an Erfahrung mit.

Zwei Monate vor WM-Beginn trennte sich der Verband von Nationalcoach Vahid Halilhodzic, der Japan erfolgreich durch die Qualifikation geführt hatte. Begründet wurde die Entlassung der Bosniers mit unbefriedigenden Resultaten in Testspielen sowie mit dessen forschem Auftreten gegenüber den Spielern. Nachfolger ist der 63-jährige Akira Nishino, der bislang ausschliesslich Klubs in Japan trainiert hat.

Japan in Zahlen

- Gründung Verband: 1921

- Fifa-Ranking (Juni 2018): 61

- WM-Teilnahmen (6): 1998, 2002, 2006, 2010, 2014, 2018

- Bestes WM-Resultat: Achtelfinal (2002, 2010)

- Qualifikation: Sieger der Gruppe 2 in der AFC-Zone (10 Spiele/20 Punkte)

- Bester Torschütze der Qualifikation: Keisuke Honda (7 Tore)

- Bilanz gegen die Schweiz: 2 Spiele, 1 Sieg, 1 Unentschieden

Der Trainer: Akira Nishino – die Notlösung

Ganze 70 Tage blieb Akira Nishino Zeit, um sein Team auf das WM-Startspiel gegen Kolumbien vorzubereiten. Der 63-Jährige ist erst seit dem 9. April und der Entlassung von Vahid Halilhodzic im Amt, nachdem er zuvor als Technischer Direktor im japanischen Verband tätig gewesen war. Mangelnde Kommunikation und fehlendes Vertrauen der Spieler hatten laut den Verantwortlichen zu diesem Personalentscheid so kurz vor der WM geführt. Unter Nishino soll das Team, in dem 14 Spieler in Europa unter Vertrag stehen, wieder zu seinen Stärken zurückfinden. «Wir schöpfen unser Potenzial nicht voll aus», so Nishino.

Nishinos Erfolge als Coach liegen etwas länger zurück. 1996 an den Olympischen Spielen in Atlanta führte er Japan zu einem 1:0-Sieg über Brasilien mit Ronaldo, Roberto Carlos, Rivaldo und Bebeto, scheiterte dann aber in den Achtelfinals am späteren Olympiasieger Nigeria. 2005 gewann er mit Gamba Osaka die J-League, drei Jahre später die asiatische Champions League.

Akira Nishino (JPN), Japan. – Geboren am 7. April 1955 in Saitama. – Grösste Erfolge als Trainer: Japanischer Meister 2005 mit Gamba Osaka, Sieger der asiatischen Champions League 2008 mit Gamba Osaka.

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