Mit Ajax Amsterdam ist es gerade wie mit einer Aktie, die durch die Decke schiesst. Man staunt und geniesst - und fragt sich, wann der richtige Zeitpunkt ist, um auszusteigen. Dass der Kurs wieder sinken wird, steht ausser Frage.

Der erfolgreichste Klub der frühen 1970er-Jahre und Champions-League-Sieger von 1995 erlebt eine märchenhafte Renaissance. Er verzückt das Publikum mit begeisterndem Hochgeschwindigkeitsfussball, mit Toren und Spektakel. Mit Talenten, um die sich Europas Schwergewichte ein Wettbieten liefern. Und mit grossen Siegen wie jenem im Achtelfinal gegen Real Madrid. Ajax zelebriert wieder den "Voetbal totaal" und erinnert damit an die Ära mit Johan Cruyff vor einem halben Jahrhundert. Es ist fast zu schön, um wahr zu sein. Und könnte schon bald wieder vorbei sein.

Nach der Saison kommt es zur Zerreissprobe. Frenkie de Jong, der für seine 21 Jahre verblüffend abgeklärte Mittelfeldmann, hat schon beim FC Barcelona unterschrieben (für die Ablösesumme von 75 Millionen Euro). Der 19-jährige Innenverteidiger Mathijs de Ligt könnte ihm demnächst folgen. Auch Danny van de Beek (21) und David Neres (22) sind von grossen Klubs umworben, ebenso die ausgereiften Offensivspieler Dusan Tadic (30) und Hakim Ziyech (26). Trainer Erik ten Hag gibt sich keinen Illusionen hin. Die Frage, ob diese Generation auseinanderbrechen werde, beantwortete er mit einem klaren "Ja".

Bis dahin aber ist für dieses Ajax vieles möglich. Selbst der Auswärtssieg oder das Remis mit mehr als einem erzielten Tor, das Ajax beim italienischen Serienmeister Juventus Turin am Dienstag benötigt, wird den jungen Wilden zugetraut. Gegen Real Madrid haben sie schon bestanden, in der Gruppenphase auch zweimal gegen Bayern München. Und Juventus war mit dem 1:1 im Hinspiel gut bedient. "Natürlich sind wir die neuen Kids im Block", sagte Frenkie de Jong. "Aber wir haben gezeigt, dass wir auf dem gleichen Level spielen wie die anderen Teams." De Jongs Einsatz soll übrigens trotz Muskelblessur nicht in Gefahr sein.

Juventus wohl ohne Chiellini

Wie nervös macht das die ungleich erfahrenere Mannschaft von Juventus Turin? Wohl weniger als die wichtigste Personalie in den eigenen Reihen. Es geht nicht um K.o.-Spezialist Cristiano Ronaldo - um den gibt es keine Fragezeichen -, sondern um Giorgio Chiellini. Der Captain wird nämlich, so schrieb die für gewöhnlich gut unterrichtete "Gazzetta dello Sport" am Tag vor dem Rückspiel, erneut fehlen. Chiellini leidet noch an den Folgen der Wadenverletzung, die er sich Anfang Monat zugezogen hat.

Wie wertvoll der 34-Jährige für Juventus ist, offenbart sich mitunter dann, wenn er fehlt. Vier der sechs Niederlagen in dieser Saison bezog die Alte Dame in Abwesenheit seines Leitwolfs. Ohne Chiellini verlor Juventus in dieser Saison in der Champions League gegen die Young Boys (1:2), in der Meisterschaft gegen Genoa (0:2) und SPAL Ferrara (1:2) sowie im Cup gegen Atalanta Bergamo (0:3), nachdem sich der Abwehrchef früh verletzungsbedingt hatte auswechseln lassen müssen. Ob Trainer Massimiliano Allegri darum die Offensive stärkt und im Sturmzentrum erstmals auch in der Champions League von Beginn weg auf den torgefährlichen Youngster Moise Kean setzt? Zwei Drittel der Italiener wünschen es sich einer Umfrage der Gazzetta zufolge.

Manchester United macht sich Mut

Manchester United redete sich derweil stark für den schweren Gang ins Camp Nou zum FC Barcelona. Die Engländer wollten ihre Hoffnungen nach dem 0:1 im Old Trafford selbstredend nicht schon vor dem Gastspiel beim spanischen Meister begraben. Trainer Ole Gunnar Solskjaer, der Manchester United im Camp Nou vor 20 Jahren gegen Bayern München in der denkwürdigen Nachspielzeit zum Titel schoss, sagte auch, wie die Wende gelingen kann: "Wir erzielten im Camp Nou auch schon Tore nach Cornern und Kontern."

Dass sich Messi und Co. ähnlich siegesgewiss ins Verderben stürzen wie vor einem Jahr im Rückspiel bei der AS Roma, als sie das 4:1 aus dem Hinspiel aus der Hand gaben, ist indes nicht zu erwarten. Eine verblüffende Statistik macht Manchester aber Mut: Messi hat in seinen letzten zwölf Viertelfinals nicht getroffen.