FC Basel

Dimitri Oberlin und der Wunsch, die Koffer stehen zu lassen

Sein Vertrag in Basel läuft noch bis 2022, Gespräche mit Sportchef Zbinden habe Dimitri Oberlin noch keine geführt.

Sein Vertrag in Basel läuft noch bis 2022, Gespräche mit Sportchef Zbinden habe Dimitri Oberlin noch keine geführt.

Der vielgewanderte Dimitri Oberlin ist nach seinen beiden Ausleihen zurück beim FC Basel. Er hat persönliche Stabilität gefunden - jetzt sucht er diese Ruhe auch fussballerisch. Und überrascht mit seinen Ansichten und klaren Worten.

Es gibt sie, diese Momente im Leben eines Fussballprofis, die unweigerlich für die Ewigkeit mit ihm verbunden werden. Da ist die Hand Gottes von Diego Maradona oder der Kung-Fu-Tritt von Eric Cantona. Da ist das Last-Second-Tor von Ole Gunnar Solskjaer oder der ganz persönliche Kriegsepos von Bastian Schweinsteiger im WM-Final 2014. Da ist der verschossene Elfmeter von Massimo Ceccaroni - oder dieses eine Tor von Dimitri Oberlin.

Es ist der 27. September 2017. Dimitri Oberlin feiert an just jenem Tag seinen erst 20. Geburtstag. Es ist der Tag, an dem der FC Basel Benfica Lissabon in der Gruppenphase der Champions League zu Hause empfängt, es geschichtsträchtig mit 5:0 aus dem Joggeli schiesst - und Oberlin eben jenes Tor schiesst. Dieses so typische Oberlin Tor, wie es immer genannt und als das es immer und immer wieder gezeigt wird. Im eigenen Strafraum klärt Oberlin mit dem Kopf in die Füsse von Renato Steffen, sprintet los, über das ganze Feld, erhält den Ball von Steffen zurück und trifft zum 2:0.

Eine Aktion von 12 Sekunden, aber eine Aktion für die Ewigkeit. Denn wer an Oberlin denkt, denn an dieses eine Tor. «Dabei war das gar kein typisches Oberlin-Tor. Das war kein Tor, das von meinem Fussballgedanken geprägt ist, das war einfach nur Instinkt. Mein zweiter Treffer an diesem Abend entsprach viel mehr meiner Art, Fussball zu spielen», sagt Dimitri Oberlin. Es ist ein Tor geprägt von Pressing, Balleroberung und anschliessendem Raum und Freiheit im Abschluss. Der Kombination also, die Oberlin als charakteristisch für sein Spiel sieht.

Die Leere nach der Lobhudelei

Wie er da sitzt, in der Loge des FC Basel, versammelt vor vier Journalisten, das wirkt dieser auf dem Platz zuweilen hektisch agierende 22-jährige Mann ganz in sich ruhend. Seine Gedanken sind klar sortiert. Er spricht leise, aber mit solchen Wortbildern und kräftigen Aussagen, dass man ihm gerne zuhört. Oberlin ist keiner, der häufig Interviews gibt, und dennoch war ihm bewusst, dass dieser Abend vor mittlerweile fast drei Jahren Thema werden würde.

«Es nervt mich nicht, immer darauf angesprochen zu werden. Es ist ja etwas Schönes und etwas, das meinen Namen in die Fussballgeschichte eingetragen hat.» Er lächelt fast etwas stolz, als er dies sagt. Aber Oberlin ist demütig, schiebt sogleich nach: «Ich verstehe auch, dass die Leute mich immer wieder darauf ansprechen. Messi und Ronaldo beispielsweise liefern jede Woche Dinge, über die man reden muss. Wenn man aber meine Karriere und Situation anschaut, dann ist es schwieriger. Nach dem Benfica-Spiel ist von mir nicht mehr viel gekommen.»

Ruhe. Die Prägnanz und Einsicht Oberlins in seiner Analyse überrascht. Der immer noch junge Spieler, der einst als «der nächste Salah» (FCB-Präsident Bernhard Burgener) und als «eines der grössten Talente Europas» (Ex-Sportchef Marco Streller) bezeichnet wurde, hat akzeptiert, dass sein einst so steiler Aufstieg ausgebremst wurde. Statt vom FCB aus den nächsten Schritt zu machen, liess er sich ausleihen. «Ich habe damals selbst darum gebeten», sagt er und spricht seine halbjährige Leihe zu Empoli und die einjährige Leihe zu Zulte Waregem an. Er habe etwas Neues gebraucht, wollte mehr Spielpraxis «und mein Level wieder erreichen.»

Er sehnte sich aber auch danach, etwas Altes möglicherweise wiederentdecken zu können. «Wie soll ich das erklären», beginnt Oberlin und sucht nach den richtigen Worten. «Als ich damals zu Basel gekommen bin, kam ich als zweiter Stürmer. Das habe ich in Zürich, Salzburg und Altach gespielt. Das ist meine Lieblingsposition. In der Champions League aber bin ich auf die Seite ausgewichen, habe da meinen Job und gegen Benfica ein super Spiel gemacht. Fortan wurde ich als Seiten-Spieler angesehen.»

Das, so Oberlin, «hat meine fussballerische Entwicklung gebremst», sieht er einen Grund. «Aber, und das ist mir wichtig zu betonen: Dass es so schnell mit der Rückkehr nach Basel geklappt hat, ich eine Spielerlaubnis habe und zu Einsätzen auf dem Flügel komme, das sehe ich als Geschenk.» Er wolle sich nicht beschweren. Und man glaubt ihm, dass er einfach dankbar ist, auf dem Platz zu stehen.

Der Fussball ist plötzlich nicht mehr absolute Priorität

Denn seine beiden Leihen verliefen nicht planmässig. In Italien kostete ihn ein Trainerwechsel Einsatzzeit, in Belgien bremste ihn erst eine kleine Verletzung und dann die Coronakrise. Aber so wenig geradlinig Oberlin ab und an kickt, so stringent sind seine Gedanken. Denn so sagt er auch ganz offen, dass seine Stagnation auch an ihm ganz persönlich gelegen hat. «Der Fussball war nicht mehr meine absolute Priorität.» In der Folge des Benfica-Exploit zerrten von allen Seiten Menschen an ihm. «Da habe ich angefangen, mehr auf Gott und mich zu hören. Ich habe mir viele Gedanken über das Leben gemacht, viel gebetet und viel gelesen.» Die Prioritätenverschiebung war die Konsequenz. «Ich war in dem Moment etwas verloren. Ich wusste nicht mehr, was und wie ich was machen soll.» Heute aber habe er eine Stabilität gefunden.

Die Ruhe in Waregem, einem ähnlich kleinen Dorf wie Moudon, ihn dem Oberlin einst aufwuchs, haben ihm dabei geholfen. «Ich weiss jetzt, dass es eine Zeit gibt für die Welt, eine Zeit für Gott und eine Zeit für Fussball.» Die nächste Zeit in seinem Fussballerleben, das ist sich Oberlin sicher, möchte er in Basel verbringen. Weil er es schätzt, wenn seine Familie und Freunde ihm beim Spielen zuschauen können. Aber auch, weil er vielleicht ein bisschen zur Ruhe kommen möchte.

Zwar sagt Oberlin, dass er nie Probleme bekundete habe, wenn er weiterziehen musste. Schliesslich sei er es sich gewohnt. Mit 8 kam er in die Schweiz, spielte für Moudon, Lausanne und Zürich, bevor es nach Österreich ging. «Ich habe eine Leichtigkeit, Dinge los zu lassen, um zu wachsen.» Aber er sagt eben auch, «dass ich ein bisschen viel geflogen bin. Ich möchte meine Koffer eine Weile auf dem Boden lassen.» Denn er wisse, dass er diese Stabilität, die er im Leben gefunden hat, auch im Fussball noch vollends finden müsse. Diese Geradlinigkeit, diese Klarheit. Dafür brauche er aber noch Zeit. Zeit, damit dieser 12-Sekunden-Sprint nicht auf Lebzeiten der einzige Moment bleibt, den man mit Dimitri Oberlin verbindet.

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