Eigentlich gehört die Bühne dem Nationaltrainer. Doch Vladimir Petkovic sitzt an diesem Dienstag im Teamhotel in Feusisberg nicht alleine am Tisch. Der Nati-Delegierte Claudio Sulser ergreift das Wort. «Wir möchten das Kapitel ‹WM in Russland› und alles, was passiert ist, gerne abschliessen und ein neues starten. Doch wir haben realisiert, dass wir dafür zuerst über das Geschehene reden müssen.»

Sulser sagt es. Dann geht die Tür des Sitzungszimmers auf. Auftritt des kompletten Nationalteams. Alle Spieler betreten den Raum, auch der ganze Staff. Der Spielerrat – also Lichtsteiner, Xhaka, Sommer, Shaqiri und Djourou – nimmt neben Petkovic und Sulser Platz. Alle anderen verteilen sich im Raum und hören aufmerksam zu.

Dann beginnt die Diskussion. Es werden 60 Minuten, in denen sich Spieler und Trainer öffnen. Egal, um welches Thema es geht, ob um Doppeladler-Debatte, Doppelbürger-Affäre oder Neuausrichtung inklusive Rücktritt von Valon Behrami – niemand verwehrt sich den Fragen. Jeder ist bemüht, Einblick ins eigene Seelenleben zu geben. Und in jenes des Teams.

Lichtsteiner: «Es tut uns Leid»

Der Captain spricht als Erster. Und bald einmal sagt er: «Es war eine hoch emotionale Partie gegen Serbien, die Gesten beim Jubeln waren rein diesen Emotionen geschuldet. Wir wollten niemandem auf die Füsse treten. Und wir wussten nicht, welch grosse Wellen das alles auslöst. Nun ist es passiert und dafür möchten wir uns entschuldigen.»

Stephan Lichtsteiner.

  

Auch Lichtsteiner selbst hat mit dem Doppeladler gejubelt. Es war sein Zeichen dafür, wie sehr er alle Mitspieler unterstützt. «Schauen wir doch, was all die jungen Spieler für die Nati stets leisten, wie sie sich aufopfern, auch an dieser WM wieder!» Der Captain hat trotz der Enttäuschung gegen Schweden im Achtelfinal viele positive Rückmeldungen erhalten. Darum schliesst er: «Ich bin überzeugt, dass dieses Team grosse Popularität hat im Volk.»

Xhaka: «Nichts verheimlichen»

Niemand wurde in den letzten Wochen mehr angegriffen als Granit Xhaka. Am Anfang stand sein Torjubel mit dem Doppeladler im Spiel gegen Serbien. Bald einmal interessierte kaum mehr, wie aufgeheizt die Stimmung rund um dieses Spiel war. Auch, weil es zu wenig gelang, die Öffentlichkeit davor zu sensibilisieren.

Xhaka sagt nun: «Ich wäre blöd, wenn ich den Doppeladler noch einmal zeigen würde. Wir haben das besprochen. Es wird in Zukunft nicht mehr vorkommen. Punkt.» Eines wird aber genauso deutlich: Wie sehr es ihn verletzt, wenn ihm vorgeworfen wird, sich zu wenig mit der Schweiz zu identifizieren. «Wenn man über Doppelbürger spricht, so werfe ich ein: Ich habe nur einen Pass – jenen der Schweiz.»

Danach erzählt Xhaka eine kleine Episode aus seinen Ferien im Kosovo. Immer wieder werde er dort angesprochen, um Fotos gebeten. «Und jeder sagt: Mach doch bitte den Doppeladler!» Muss er solche Wünsche verwehren, nur weil er für die Schweizer Nationalmannschaft spielt? Nein. Und natürlich schmeichelt ihm, wie sehr er im Kosovo verehrt wird. Also sagt er: «Ich werde auch in Zukunft nicht verheimlichen, dass ich zwei Herkünfte habe.»

Sommer: «Das ist schade»

Er war der Schweizer Gewinner dieser WM. Yann Sommer zeigte herausragende Leistungen. Er gilt als besonnene Stimme. Sommer stellt klar, wie wichtig es ist, an diesem Tisch zu sitzen. «Denn es ist schade, wie sich die Geschichte seit der WM entwickelt hat.»

Auch ihm ist eines wichtig: «Ich kenne Granit und Xherdan, seit ich 15 Jahre alt bin. Ich weiss, was die beiden für die Schweiz geleistet und investiert haben. Und was sie auch heute tun. Wir alle sind stolz und happy, Doppelbürger im Team zu haben. Sie tun uns gut. Das sollte kein Thema mehr sein, sondern selbstverständlich. Punkt.»

Yann Sommer.

  

Shaqiri: «Nicht ablenken lassen»

Natürlich betrifft die Diskussion um den Doppeladler ebenso ihn, Xherdan Shaqiri. Weil er die Geste nach seinem Siegtor gegen Serbien ebenfalls zeigte. War der Jubel ein Fehler? «Das wäre zu hart formuliert. Ich habe ein entscheidendes Tor geschossen, in einem wichtigen Spiel. Aber wenn sich Leute dadurch angegriffen fühlten, entschuldige ich mich.»

Der Nachgang der WM führte dazu, dass Shaqiri selbst Opfer öffentlicher Angriffe wurde. Besonders die bisweilen heftigen Kritiken der ehemaligen Nationalspieler Kubilay Türkyilmaz und Stéphane Henchoz, die auch auf ihn zielen, missfallen Shaqiri. «Repräsentiere ich die Schweiz zu wenig? Das ist respektlos, wir alle repräsentieren die Schweiz. Das alles kommt von alten Spielern, die irgendwelche Kommentare rauslassen. Vielleicht sind beide ja eifersüchtig auf uns. Weil sie selbst weniger Erfolg hatten.» Letztlich dürfe man sich von solchen Dingen einfach nicht ablenken lassen.

Xherdan Shaqiri.

  

Petkovic: «Alles wird interpretiert»

Schliesslich kommt der Nationaltrainer zu Wort bei den Themen, «die von der Mücke zum Elefanten wurden». Aber hätte nicht gerade Vladimir Petkovic mit seinem Migrationshintergrund in der Schweiz viele Diskussionen verhindern oder zumindest eindämmen können? Der Coach verneint. Weil er vielleicht ein bisschen besser verstehe, was wirklich passiert sei im Balkan. Er habe sich zu Kriegszeiten schon nicht geäussert, weil es immer um zwei Kulturen, Nationen und Religionen gehe. «Und jedes Mal, wenn man eine Antwort gibt, kann es ins Positive oder Negative kippen. Alles wird interpretiert.»

Vladimir Petkovic.

  

Am gestrigen Nachmittag ist Petkovic locker wie selten und bedauert, «dass wir Unruhe in die Öffentlichkeit gebracht haben». Den Adlergruss nennt er ein Symbol des Friedens, und es gebe nun einmal Spieler mit zwei schlagenden Herzen in der Brust. Dann sagt er: «Dieses Nationalteam gehört der Schweiz, das ist unser Motto.» Es ist sein erneutes Versprechen, künftig den Dialog ein bisschen ausgeprägter zu gewichten.