Marcel Koller legt grossen Wert auf Pünktlichkeit. Dass ein Training mit 45-minütiger Verspätung beginnt, gibt es unter seiner Regentschaft eigentlich nicht. Doch gestern ist alles anders. Beim FC Basel herrscht nach den Geschehnissen der letzten Tage Redebedarf. Das Donnerstagstraining wurde kurzfristig nach hinten verschoben.

Nach der 1:3-Heimpleite gegen YB, die dem FCB schonungslos die Grenzen aufgezeigt hatte, kam es zur Revolte. Wie der «Blick» berichtet, beklagten sich gleich mehrere Spieler bei FCB-Sportchef Marco Streller über den Trainer. Einige wurden anschliessend noch direkt bei FCB-Präsident Bernhard Burgener vorstellig.

Die Erfolge bleiben aus

Wie Recherchen dieser Zeitung ergaben, hat Koller mit zahlreichen Massnahmen für Missstimmung in der Mannschaft gesorgt. Die Spieler monieren die mangelnde interne Kommunikation, die defensive Spielweise und die strenge Hand, mit welcher der 58-Jährige sein Team führt. Weniger Freizeit, mehr Nächte im Hotel als noch unter Wicky – oftmals auch vor Heimspielen – und das Handyverbot beim gemeinsamen Essen und am Spieltag ab zwei Stunden vor Matchbeginn sollen nur die Spitze des Eisbergs sein.

Weil die Resultate ausbleiben, haben die Spieler angefangen, Kollers Regeln zu hinterfragen. Wäre der FCB erfolgreicher, würde sich wohl kaum ein FCB-Star daran stören, dass er bei offiziellen Anlässen nicht mehr mit seiner privaten Marken-Tasche auflaufen darf, sondern stattdessen die Tasche des eigenen Ausrüsters verwenden muss. Jetzt ist aber auch diese eigentlich lächerliche Lappalie ein Grund, gegen den Trainer zu stänkern.

Koller lächelt die Sorgen weg

Der in der Kritik stehende Koller macht gestern noch gute Miene zum bösen Spiel. Betont fröhlich radelt er auf das Trainingsgelände. Ein Lächeln gefolgt von einem kräftigen «guten Morgen». Mehr gibt es von Koller nicht zu hören.

Auch Burgener und Streller äussern sich auf Anfrage nicht. So lautet das einzige Statement zur Spieler-Revolte von der FCB-Medienstelle: «Nach dem Spiel gegen YB und in der momentanen Situation ist klar, dass intensive interne Gespräche zwischen allen Beteiligten stattfinden. Dies immer mit dem Ziel, schnellstmöglich wieder auf die Erfolgsspur zurückzufinden. Der Fokus des FCB gilt dem nächsten Spiel.»

Es brodelt mehr denn je

Bei all der Kritik an Marcel Koller geht schnell vergessen, dass er mit sechs Siegen beim FCB gestartet ist. Doch es folgten das peinliche Aus in der Europa-League-Qualifikation gegen Limassol, die 1:7-Klatsche gegen YB und zuletzt wieder drei Spiele mit nur einem Punktgewinn. Der Koller-Effekt ist längst verpufft. «Der neue Trainer muss Ruhe in den Kessel und den Verein bringen», forderte Streller unmittelbar vor der Verpflichtung von Koller. Vier Monate später brodelt es im Kessel mehr denn je.

Klar ist Koller nicht der Alleinschuldige, aber er hat grossen Anteil an dieser Entwicklung. Eine klare Handschrift des Trainers wird in Basel nach wie vor gesucht. Stattdessen wundern sich die Fans, wie planlos der FCB auftritt und wie leicht er sich während des Spiels aus dem Konzept bringen lässt. Eine Fehlentscheidung wie in Thun, eine Auswechslung wie gegen YB oder ein Gegentor zum falschen Zeitpunkt: Momentan reicht sogar ein kleiner Schubser, um den angeknacksten FCB aus der Bahn zu kegeln.

Die Revolte der Spieler

Vergangenen Sonntag kritisierte Koller zum wiederholten Mal öffentlich seine Spieler. Nachdem er zuvor das richtige Defensivverhalten und die Cleverness in gewissen Momenten vermisst hatte, bemängelte der Trainer nach der YB-Pleite plötzlich auch die mangelnde Fitness des Teams. Ein Eigentor Kollers, denn vier Monate und drei Länderspielpausen sollten eigentlich genug Zeit sein, an der Fitness zu arbeiten und konditionelle Defizite aufzuholen.

Der Unmut wird zunehmend grösser und gipfelt jetzt in der Revolte der Spieler. Eine Weiterbeschäftigung Kollers als FCB-Trainer ist unter diesen Voraussetzungen nur schwer vorstellbar und auch Strellers Zukunft als Sportchef ist mehr als ungewiss. Für ihn war Koller «eine Patrone, die sitzen muss». Momentan sieht es so aus, als ob die Patrone zum Fehlschuss wird.

Der Punkteschnitt der drei letzten FCB-Trainer in der Super League: