Und dann tauchte in der 109. Minute plötzlich dieser Mario Mandzukic auf - und traf. Englands Keeper Jordan Pickford konnte den Ball nicht festhalten, Ivan Perisic spedierte ihn in die Mitte des Strafraums, wo Mandzukic schneller reagierte als die englischen Verteidiger.

Das Tor sorgte für die Entscheidung in jenem umkämpften und ausgeglichenen Halbfinalspiel zwischen England und Kroatien. Damit schaffte das Team von Trainer Zlatko Dalic historisches: Kroatien steht erstmals in seiner Geschichte im Final der Weltmeisterschaft. Das bisher beste Turnier hatte die Nation  in den rot-weiss-karierten Trikots 1998 gespielt, als die Generation um Stürmer Davor Šuker das Turnier als WM-Dritter beendete. Kein Wunder kannte direkt nach Spielende bei den mitgereisten kroatischen Fans der Jubel keine Grenzen. Die goldene Generation rund um Mittelfeldregisseur Luka Modric von Real Madrid hat geschafft, was ihr die wenigsten zugetraut haben: Sie steht im Final der Weltmeisterschaft.

England geht in Führung.

Englands Warten geht weiter

Die Finalqualifikation verdienten sich die Kroaten durch eine deutliche Leistungssteigerung gegen Ende des Spiels. Doch das Spiel war umstritten, es wurde auf beiden Seiten um jeden Zentimeter gekämpft. Und wie hätte es auch anders kommen können, brauchte es  mehr als neunzig Minuten, um  in diesem Duell einen Sieger zu ermitteln. Beide Mannschaften hatten schon zuvor Erfahrungen mit Überstunden gemacht.

Die Kroaten mussten zweimal «nachsitzen», siegten gegen Dänemark (Achtelfinal) und gegen Russland (Viertelfinal) zweimal nach Penaltys. Die Engländer hatten gegen Kolumbien im Achtelfinal das erste Mal in ihrer Geschichte überhaupt  ein Penaltyschiessen an einer Weltmeisterschaft für sich entschieden. Vielleicht hätten sie gestern sogar bestätigt, dass sie den Penaltyfluch endgültig abgelegt haben. Dazu kam es gestern Abend aber nicht, weil Mandzukic mit seinem Tor in der Verlängerung die Kroaten zum Jubeln brachte.

Der perfekte Freistoss

Zu Beginn des Spiels hatte wenig auf dieses Endresultat hingedeutet. Schon in der fünften Minute hatten die Engländer das Spiel in die von ihnen gewünschten Bahnen gelenkt. Nach einem Foul an Dele Alli verwandelte Kieran Trippier den Freistoss perfekt über die kroatische Mauer hinweg ins Netz. Danijel Subasic im kroatischen Tor blieb machtlos. Auch in der Folge wirkten die Engländer rund um die schnellen Offensivspieler Raheem Sterling, Jesse Lingard und Dele Alli agiler und frischer. Insbesondere der flinke Sterling hatte mehrfach für Gefahr gesorgt. Auf der anderen Seite wirkten die Kroaten müde und ideenlos. Das zeigte sich nicht nur in Laufduellen, sondern auch immer wieder in ungenauen Zuspielen.

Der Ausgleichstreffer

Aber dann, als die meisten der 78011 Zuschauer im Luschniki-Stadion dachten, dieses Halbfinal-Duell wäre entschieden, änderte sich alles. Sime Vrsaljko flankte, Ivan Persic brachte mit seinem Fuss den Ball direkt vor Englands Kyle Walker irgendwie zum Ausgleich über die Linie. In der Folge war das, im Sport oft zitierte, Momentum gekehrt. Kroatien hatte den Glauben zurückgewonnen und England plötzlich wieder Zweifel, ob diese junge Mannschaft tatsächlich für eine Änderung der Geschichte sorgen kann.

Damit bleibt England die grosse Fussballnation, die immer wieder scheitert. Dabei war die Sehnsucht nach einem Titel im Mutterland des Fussballs grenzenlos. Seit 1966, als man im eigenen Land den WM-Titel holte, wartet man vergeblich auf einen Erfolg. Die Briten brachten zwar in den folgenden Jahrzehnten immer wieder grosse Fussballer hervor.  Paul Gascoigne, Gary Lineker, David Beckham, Wayne Rooney. Die Erwartungen waren oft hoch, sie wurden aber nie erfüllt. Auch gestern Abend nicht, die englischen Träume platzten.

Anders sieht die Gefühlslage bei Kroatien aus. Die stolze Nation träumt nun vom WM-Titel. Am Sonntag trifft sie im Final auf Frankreich.

Der Siegestreffer

WM: Kroatien-Fans feiern Finaleinzug

WM: Kroatien-Fans feiern Finaleinzug

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