Fussball
China will die WM 2026 und den WM-Pokal

Die Regierung investiert Millionen, 20000 Fussballinternate sollen helfen – erhält China die WM 2026?

Felix Lee, Peking
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Weltmeister China? Das wird dauern. Bis dahin müssen sich die Kinder mit einem selbstgebastelten Pokal vergnügen.

Weltmeister China? Das wird dauern. Bis dahin müssen sich die Kinder mit einem selbstgebastelten Pokal vergnügen.

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Der Fussball wurde in China erfunden. Das zumindest behauptete Chinas Ministerpräsident Li Keqiang, als er der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Peking-Besuch vor einem Jahr ein Bild von Chinas angeblich ersten Fussballspielen schenkte. Das Geschenk wirkte extrem kurios: Bislang ist die Volksrepublik nicht gerade als Fussballnation bekannt.

Das Land hat zwar fast 1,4 Milliarden Einwohner, aber Mannschaften, die es in Europa derzeit nicht einmal in die Regionalliga schaffen würden. Erst einmal – im Jahr 2002 – hatte sich Chinas Männer-Auswahl mithilfe des serbischen Trainers Bora Milutinović für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Die Nationalmannschaft schied in der Vorrunde aus: null Tore, null Punkte.

Geht es nach dem Willen des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping, soll sich das nun ändern. Für den bekennenden Fussball-Fan ist der Aufbau einer Profiliga, die diesen Namen auch verdient, eine nationale Prestigefrage. «Ein Aufleben des Fussballs ist entscheidend auf Chinas Weg zu einer Sportnation», kündigte seine Regierung im März an.

Fussball in China? Nie im Leben!

Das Problem: Fussball ist im Reich der Mitte zwar äusserst beliebt – aber bislang vor allem vor den Bildschirmen. Und angeschaut werden überwiegend Spiele der Bundesliga, der Premier League oder Spaniens La Liga. In China selbst gibt es zu wenig Vereine, es fehlt an Nachwuchsförderung und Fussballplätzen. Heute belegt Chinas Nationalmannschaft im weltweiten Fifa-Ranking nur noch Platz 79 hinter Togo, Haiti und Uganda.

Die existierenden Vereine in der Super-Liga werden regelmässig von schweren Korruptionsskandalen erschüttert. «Ich würde eher mehrere Tausend Euro für ein Spiel in Barcelona ausgeben, als mir auch nur einmal ein Spiel des Pekinger Clubs Guo’an anzuschauen», sagt Gao Qiwen, ein begeisterter Fussball-Fan in der chinesischen Hauptstadt. «Der ist mir zu korrupt.»

Dabei war China durchaus schon mal weiter. In den neunziger Jahren hatte es schon einmal eine Fussballoffensive in der Volksrepublik gegeben. Im Schulunterricht wurde der Ballsport gefördert. Und auch Vereine entstanden im ganzen Land. Gab es zur Jahrtausendwende nach Angaben des nationalen Fussballverbands im ganzen Land noch über 600 000 Jugendspieler, sind es heute unter 100 000. Der Grund: Der Bewegungsdrang der Schüler hat drastisch nachgelassen. Schuld soll unter anderem die Nutzung von mobilen Elektrogeräten und der zunehmende Leistungsdruck in der Gesellschaft sein.

Fussball als Schulfach

Genau an diesem Punkt will China ansetzen. Das chinesische Erziehungsministerium hat verfügt, dass an den Grund- und Mittelschulen Fussball ab sofort zum Unterricht gehört. Ab 2016 soll der Sport sogar Teil der Hochschulzulassungsprüfung werden, dem von allen chinesischen Schülern so gefürchteten Gaokao. Mit dem «China-School-Football-Programm» (CSF) will die Regierung bis 2020 die Zahl der Fussball-Internate auf 20 000 mehr als vervierfachen. Die Umsetzung dieser Pläne hapert momentan jedoch – es fehlt im ganzen Land an geeigneten Trainern.

Zugleich setzt die chinesische Führung auf Vorbilder aus dem Ausland. Auch dafür nimmt die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt sehr viel Geld in die Hand. Nach Angaben des Fifa-Transferabgleichungssystems hat das Land allein in den ersten drei Monaten des Jahres umgerechnet mehr als 83 Millionen Franken für den Kauf ausländischer Spieler ausgegeben.

Das sind sechs Millionen Franken mehr als im gesamten Jahr 2014 und fünf Mal so viel wie 2013. Nur Deutschland (mit knapp 116 Millionen Franken) und England mit rund 170 Millionen geben noch mehr aus. Das aktuellste Beispiel stammt von gestern. Demba Ba (Ex-Chelsea) wechselt von Besiktas Istanbul zu Shanghai Greenland Shenhua – für angeblich 13,5 Millionen Franken. «Sollte China dieses Tempo beibehalten, wird das Reich der Mitte bereits im nächsten Jahr der grösste Investor in ausländische Spieler sein», sagt ein Fifa-Sprecher.

Nur: Schon in den vergangenen Jahren versuchten Chinas Fussball-Funktionäre über den Kauf internationaler Profispieler dem chinesischen Fussball zu Ruhm zu verhelfen. Doch die meisten ertrugen den chinesischen Fussball vielleicht ein, zwei Jahre. Danach kehrten sie der Volksrepublik den Rücken. Die meisten wollten die kostbare Zeit ihrer Fussballkarriere nicht mit korrupten Vereinen und vergleichsweise stümperhaften chinesischen Spielern verschwenden.

Auch chinesische Unternehmer unterstützen den Kurs. Der Internetkonzern Alibaba hat vergangenes Jahr für rund 145 Millionen Franken einen 50-Prozent-Anteil des südchinesischen Fussballvereins Guangzhou Evergrande gekauft. Jetzt steht das Fussballteam auf Platz 16 der weltweit wertvollsten Fussballclubs – noch vor Atlético Madrid.

Bereits 2011 hatte Wang Jianlin, der mit seinem Unterhaltungskonzerns Dalian Wanda zu einer der reichsten Chinesen aufgestiegen ist, Chinas nationalem Fussballverband rund 60 Millionen Franken überwiesen, um bessere Spieler auszubilden. So hat Wang 90 chinesische Jugendliche zum Training nach Spanien geschickt, unter anderem bei Atlético Madrid.

Das eigentliche Ziel: China will auch mal eine WM im Reich der Mitte abhalten. Das derzeit anvisierte Ziel: 2026. Und die Erfahrung zeigt: Finanzspritzen sowohl von Unternehmen als auch der Regierung könnten gehörig zu diesem Ziel beitragen – selbst im Fall des fussballschwachen Chinas.

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