Fussball EM
Forza Ragazzi! Italien ist wieder eine Fussballmacht

Gespalten in Nord und Süd. Gezeichnet von Corona. Zum Glück gibt’s Fussball. Denn nirgends entwickelt das Nationalteam so viel Kraft wie in Italien. Zu bestaunen bereits am Freitag, wenn Italien gegen die Türkei das EM-Eröffnungsspiel (21 Uhr) bestreitet.

François Schmid-Bechtel
Merken
Drucken
Teilen
Momente der grossen Emotionen: Die Squadra Azzurra singt die Nationalhymne.

Momente der grossen Emotionen: Die Squadra Azzurra singt die Nationalhymne.

Foto: Marco Iacobucci / Ipa / imago

Trainer Roberto Mancini und sein Assistent Daniele De Rossi spielen Tennis – mit Bratpfannen. Die Offensivspieler Lorenzo Insigne und Ciro Immobile performen mit Rapper Clementino. Torhüter Salvatore Sirigu liest Sigmund Freud. Das vor laufenden TV-Kameras. Zur besten Sendezeit. Auf Rai 1. Zum Schluss der dreistündigen Sendung gibt Mancini sein EM-Kader bekannt.

Italien ist im Fieber. Denn man ist wieder wer im Fussball. Was traditionell wichtig ist, weil Fussball in Italien mehr ist als nur ein profanes Spiel. Fussball ist mehr als die Entschädigung für den Rest der Woche. Fussball ist Lebenselixier. Und nichts anderes kann den Graben zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden besser kaschieren als die Fussball-Nationalmannschaft. Da sitzen sie für einmal alle im selben Boot, die Neapolitaner, die Sizilianer, die Lombarden, die Römer und die Piemontesen – Fratelli d’Italia.

Auch wenn man es ob der überhöhten Bedeutung kaum für möglich hält: Dieses Jahr ist die Squadra noch wichtiger als sonst. Denn kein anderes Land in Europa hat unter Corona stärker gelitten als Italien. Das Leid können die Kicker zwar nicht lindern. Aber sie können es wegzaubern. Zumindest für ein paar Tage und Wochen.

Roberto Mancini: Ein Trainer wie aus dem Modekatalog und erfolgreich ist er überdies auch.

Roberto Mancini: Ein Trainer wie aus dem Modekatalog und erfolgreich ist er überdies auch.

Foto: EPA/ANGELO CARCONI

Noch vor drei Jahren wurde Italien verhöhnt, weil unter Operetten-Trainer Gian Piero Ventura («Gian Zero») die WM in Russland verpasst wurde. Dann kam Mancini. Und mit ihm die sanfte Revolution. In 30 Spielen setzte er 75 Spieler ein, davon waren 34 Debütanten. Mit Erfolg: Italien verlor nur zweimal, zuletzt im September 2018.

Catenaccio war mal ein italienischer Markenartikel

Mancinis unmissverständliches Signal an die italienischen Klubs: Schaut her! 60 Prozent eurer Spieler haben einen ausländischen Pass. Und die jungen italienischen Spieler sitzen bei euch nur auf der Bank. Aber man kann mit ihnen erfolgreich sein. Mancini könnte auch sagen: erfolgreich und sexy. Denn es sind die jungen, die dabei sind zu vergessen, dass Catenaccio einst wie Fiat, Barilla und Gucci ein italienischer Markenartikel ist.

Einer dieser Spieler, der sich durch Mancinis offene Tür gedrückt hat, ist Vincenzo Grifo, Offensivspieler beim SC Freiburg. Und es ist seine Geschichte, die erklärt, wie gross die Liebe der Italiener zu ihrer Nationalmannschaft ist. Auch – oder erst recht? - wenn man wie Grifo nie in Italien gelebt hat.

Grifos Geschichte ist wie Tausende anderer Geschichten von Kindern italienischer Migranten. Die Eltern verlassen Ende der Achtziger den Süden, fahren mit «einem Stuhl, einem Tisch uns sonst nichts» nach Norden, in der Hoffnung auf einen Job und genug Geld, um eine Familie ernähren zu können. Die Grifos landen in Pforzheim.

Sie passen sich an, lernen Deutsch. Aber hinter der Wohnungstür ist Bella Italia. Mit den drei Söhnen sprechen sie ausschliesslich Italienisch. Sie essen italienisch, sie gucken italienisches Fernsehen. Und der italienische Fussball ist allgegenwärtig.

Croissant, Strand, Pasta, Strand, Kirmes - das Leben ist schön

Natürlich fahren sie jeden Sommer Richtung Süden. Entweder 20 Stunden nach Lecce, der Heimat der Mutter. Oder 24 Stunden nach Sizilien, woher der Vater stammt. «Oh wie herrlich», schwelgt Grifo. «Zu fünft in einem Kleinwagen. Wir drei Jungs auf der Rückbank. Mamma macht vorne Brötchen, Papa fährt. Und an der ersten Raststätte auf italienischem Boden gibt’s was Süsses. Sowieso, was haben wir gegessen. Zum Frühstück ein Croissant mit Vanillepudding, danach runter zum Strand, wieder hoch, Pasta essen, dann Mittagsruhe, wieder Strand und dann Kirmes in der Stadt mit Eis, Mandeln, Autoscooter und Trampolin. Das war wohl die schönste Zeit meines Lebens.»

Ein Traum wird wahr: Mit 25 Jahren debütiert Vincenzo Grifo (rechts) aus Pforzheim für die italienische Nationalmannschaft.

Ein Traum wird wahr: Mit 25 Jahren debütiert Vincenzo Grifo (rechts) aus Pforzheim für die italienische Nationalmannschaft.

Foto: KEYSTONE/Gian Ehrenzeller

Pforzheim ist zwar Lebensmittelpunkt. Aber Italien bleibt der Sehnsuchtsort der Grifos. Und nichts geht über die Squadra Azzurra. Vincenzo kickt richtig gut. Er trägt zwar die billigsten Schuhe. «Aber ich habe alle aufgefressen.» Wenn er nach Hause kommt, und davon erzählt, dass die anderen Kids ihn wegen der Schuhe ausgelacht aber hinterher für seine Fussballkünste gelobt haben, sagte Mamma: «Siehst du, Vincenzo: Nicht die Schuhe spielen, sondern deine Füsse.»

Davon träumt jeder Italiener und die Grifos feiern Party

Und was das für zauberhafte Füsse sind. In Hoffenheim wird er Profi, später in Freiburg einer der trickreichsten Spieler der Bundesliga. Dann, im Herbst 2018, kriegt er diesen Anruf, von dem er immer träumte. Mancini bietet ihn erstmals für das Nationalteam auf. «Emotionen pur, die Tränen liefen mir runter. Für uns Italiener gibt es nichts Grösseres als die Squadra. Meine Frau meinte: Vince, lass uns das bei einem netten Essen feiern. Ich antwortete: Geht nicht, wir haben morgen ein Spiel. Als sie mich dann doch überredete, hörte ich von draussen ein Hupkonzert. Mamma, Papa, Brüder, Schwager, Schwägerin, Onkel, Tanten, Schwiegereltern und Freunde: Die haben einen Autokorso mit Fahnen und Schals veranstaltet. Dann kamen sie hoch, einer liess die Hymne laufen und wir feierten mit Pizza und Pasta zu Hause.»

Zwei stahlharte Leader: Giorgio Chiellini (links) und Leonardo Bonucci.

Zwei stahlharte Leader: Giorgio Chiellini (links) und Leonardo Bonucci.

Foto: EPA

Küsschen von Chiellini und Bonucci

Herr Grifo, hat man Sie spüren lassen, dass in Italien keiner auf Sie gewartet hat? «Im Gegenteil! Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci nahmen mich gleich in den Arm. Küsschen links, Küsschen rechts. Sie fragten: Wie geht’s dir? Wie ist die Bundesliga? Und übrigens: Coole Klamotten, die du da trägst. Als würden wir uns schon ewig kennen. Bereits nach 20 Minuten spürte ich, dass ich in der Familie angekommen bin.»

EM-Eröffnungsspiel am Freitag (21 Uhr): Italien - Türkei

Das sind die prägnanten Figuren der Italiener

Die Leader: Darüber gibt es keine zwei Meinungen. Giorgio Chiellini, 36, und Leonardo Bonucci, 34, sind die unbestrittenen Anführer. Beide Innenverteidiger, beide bei Juventus Turin, beide im Spätherbst ihrer Karriere, beide mit über 100 Länderspielen.  
Der Star: Einen Fantasista wie einst Andrea Pirlo sucht man ebenso vergeblich wie ein Offensiv-Phänomen à la Alessandro Del Piero. Logisch, dass der Star des Teams, Marco Verratti, ein hart arbeitender Mittelfeldrenner mit strategischem Talent ist. Die Emporkömmlinge: Es kommt selten vor, dass in Italien Spieler unter 25 eine wichtige Rolle haben. Doch es gibt Ausnahmen. Die Inter-Spielern Alessandro Bastoni (Marktwert 60 Millionen) und Nicolo Barella (65 Mio) werden schon an dieser EM wichtigen Rolle besetzen. Auch Juves Offensivspieler Federico Chiesa gehört zu den Aufsteigern.
Der Abwesende: Bevor Nicolo Zaniolo erstmals für die AS Roma auflaufen durfte, debütierte er für das Nationalteam. Der 21-jährige ist DER Hoffnungsträger - fehlt aber verletzt. (fsc)

Italien ist in vielerlei Hinsicht gespalten in Nord und Süd. Gibt es diesen Graben auch im Nationalteam? Grifo sagt: «Nein. Da gibt’s kein Nord und kein Süd. Da gibt’s nur diese eine Truppe, die zusammen lacht und zusammen weint. Wir halten immer zusammen, egal was kommt. Das ist der Kraft des Fussballs, aber auch der Intelligenz von Trainer Mancini geschuldet. Spätestens, wenn vor den Länderspielen die Hymne ertönt, ist die Nation geeint. Da wird in jedem italienischen Wohnzimmer das Volumen hochgedreht und mitgesungen. Dieses Ritual, wenn wir eng zusammenstehen, gibt uns viel Energie, schweisst uns zusammen. Es sind bewegende Momente, für die ich unendlich dankbar bin.»

PS: Vincenzo Grifo wurde im letzten Moment von Mancini aus dem EM-Kader gestrichen. Natürlich ist er enttäuscht. Trotzdem wird er wie jeder andere Italien-Fan «seine Brüder» von zu Hause aus zum Sieg schreien.