Fussball-EM
Der anständige Mister Southgate - zu anständig für England?

Der englische Nationaltrainer ist noch nicht gut genug für einen Titel. Auch, weil er das Penaltyschiessen im Final mit seinen Wechseln vergeigt hat.

François Schmid-Bechtel
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Gareth Southgate nach der Niederlage im EM-Final gegen Italien.

Gareth Southgate nach der Niederlage im EM-Final gegen Italien.

Carl Recine / AP

55 Jahr haben sie auf diesen Final gewartet. Ausgerechnet jetzt, nachdem sie Europa den Mittelfinger gezeigt haben, stehen sie im Endspiel. Aber wahrscheinlich glauben nicht mal die Nationalisten an die Wechselwirkung zwischen Brexit und EM-Finaleinzug. Apropos englischer Mittelfinger: Dieser ist nach dem verlorenen Final gegen Italien wieder in Aktion. Aber dieses Mal richten sie ihn gegen die eigenen Spieler. Insbesondere jene, die im Penaltyschiessen nicht getroffen haben.

Gareth Southgate tut, was ein guter Trainer in einer solchen Situation tun muss. Er lädt die Verantwortung auf sich. Dass mit Marcus Rashford und Jadon Sancho zwei Spieler gescheitert sind, ist wohl kein Zufall. Beide wurden unmittelbar vor dem Penaltyschiessen eingewechselt, hatten kaum einen Ball in den Füssen und spielten auch vorgängig im Turnier bestenfalls eine Statistenrolle. Und ausgerechnet die beiden jungen Spieler sollen Southgate, die Mannschaft, ja ganz England erlösen?

Das konnte nur schiefgehen. Aber welch diabolische Kraft hat Southgate da geritten? Oder war es schlicht ein Rendez-Vous mit den Geistern seiner eigenen Vergangenheit? Denn er war es, der 1996 im EM-Halbfinal gegen Deutschland den entscheidenden Penalty verschoss.

Trost für Jadon Sancho, dessen Penalty von Italiens Torhüter Donnarumma pariert wird.

Trost für Jadon Sancho, dessen Penalty von Italiens Torhüter Donnarumma pariert wird.

Laurence Griffiths / Pool / EPA

Das Ding mit Rashford und Sancho war ein grober Coaching-Fehler. Abgesehen von diesem Malheur hat der englische Trainer während dieses Turniers auch sonst einen ambivalenten Eindruck hinterlassen.

Southgate ist ein Typ, den man sich prima als Mittelschul-Lehrer vorstellen könnte. Jedenfalls entspricht er nicht dem Klischee des Ex-Fussballers, der nach der Karriere nichts mit seiner Zeit anzufangen weiss und intellektuell dort hängen bleibt, wo er als Profi-Fussballer angefangen hat. Und weil der 50-Jährige eben ein reflektierter Mensch ist, sieht er Probleme, bevor sie andere riechen können.

Vor der EM richtete er sich in einem offenen Brief an die Engländerinnen und Engländer. Weil ihm bewusst war, dass da zwei Welten aufeinanderprallen. Hier die aufstrebenden, hochbezahlten, selbstbewussten Kicker, die sich als Weltbürger verstehen. Dort Teile der Bevölkerung, die – wohl beeinflusst durch den Brexit - dem englischen Chauvinismus die Staubschicht von der Schulter wischen. Menschen, die fussballerisch gesprochen, in der Zeit von Kick-and-Rush hängen geblieben sind.

Southgate plädierte dafür, dass die Spieler die Pflicht hätten, in Fragen von Gleichberechtigung, Integration und Rassismus mit den Fans zu interagieren. Darauf gab es Pfiffe von den eigenen Fans, wenn die Spieler vor dem Anspiel niederknieten.

Helden für die einen: Harry Kane, Gareth Southgate und Raheem Sterling auf eine Wand gemalt.

Helden für die einen: Harry Kane, Gareth Southgate und Raheem Sterling auf eine Wand gemalt.

Jacob King / AP

So beeindruckend Southgate die gesellschaftspolitischen Fragen moderierte, so fragwürdig sind seine sportlichen Entscheidungen. Die Behauptung ist kühn: Aber Southgate hat nicht das Optimum aus diesem hochveranlagten Spielerreservoir herausgeholt. Er liess die jungen, wilden kaum je von der Leine, verdonnerte sie mehrheitlich zu langweiligem Beamtenfussball. So auch nach dem sehr frühen 1:0 gegen Italien. Dabei hingen die Azzurri in den Seilen. Doch die Engländer verpassten den Gnadenstoss, weil sie in den Verwaltungsmodus schalteten.

Auf der Insel wird dieser nüchterne, pragmatische Stil nicht goutiert. Trotzdem hoben sie Southgate auf den Olymp. Allein der Resultate wegen. Aber war der Finaleinzug tatsächlich ein Husarenstück? Nein. Denn der Parcours war kein besonders schwieriger. Erst Jogi Löws chaotisch gecoachtes Deutschland. Danach die Ukraine und Dänemark. Schwere Brocken sind etwas anderes.

Southgate ist ein anständiger, intelligenter Mann. Aber er ist ein Trainer, der noch nicht gut genug ist für einen Titel.

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