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Für Fabio Celestini geht es beim FC Luzern um Respekt - und darum in der Deutschschweiz Fuss zu fassen

Fabio Celestini strahlt als neuer Trainer des FC Luzern.

Fabio Celestini strahlt als neuer Trainer des FC Luzern.

Fabio Celestini trifft beim FC Luzern auf jene Kultur, mit der er sich als Spieler nicht anfreunden konnte.

Als Fabio Celestini Anfang Januar erstmals als Trainer des FC Luzern vor die Medien tritt, stellt er sich vor. «Ich war Schweizer Nationalspieler. Ich habe in Spanien und Frankreich gespielt, war Trainer in Spanien, Italien, der Romandie und dem Tessin. Und ich spreche zwei Landessprachen fliessend.» Er sagt es auf Französisch.

Einen guten Monat später will er das lange Gespräch lieber auf Deutsch führen. Er will lernen. Mit französischen Wörtern gespickt, kommt er ins Plaudern. Das Gespräch dauert doppelt so lange wie vereinbart. Wenn Fabio Celestini über seine Spielerkarriere in Lausanne, Troyes, Marseille, Levante und Getafe spricht, glänzen seine Augen. Nach seiner Spielerkarriere startet er seine zweite Laufbahn als Assistent von Bernd Schuster in Malaga.

Heute setzt er als Cheftrainer auf konstruktives Spiel, den Ball möchte er in den eigenen Reihen wissen. Und wenn möglich, soll er einfach gespielt werden. Spanischer Fussball eben. «Doch ich will kein Tiki-Taka: Ich will nicht 50 Pässe warten, bis es zum Torabschluss kommt.» Mit schönem und erfolgreichem Fussball möchte er in Luzern für Ruhe sorgen. Zum Start siegt sein Team in Zürich und gegen YB.

In Luzern gibt es seit Jahren Unruhen. Knatsch im Verwaltungsrat, viele Wechsel auf dem Trainerposten. Doch für Fabio Celestini ist das noch nichts. Er sagt:

Anders ist es in seinen Anfängen als Cheftrainer. Nach seiner Zeit als Assistent erhält er im Sommer 2014 ein Angebot von Terracina Calcio in der italienischen Serie D. Erstmals Cheftrainer, ein Traum geht in Erfüllung. Schnell ist es ein Albtraum. «Alles war eine Katastrophe», sagt Celestini heute. Seine Spieler erhalten keine Löhne, hausen zu zwölft in einer Drei-Zimmer Wohnung ohne Küche, auf dem Trainingsplatz fehlt es an Rasen. Nach fünf Monaten geht der Verein in Konkurs.

Celestini kehrt in die Schweiz zurück, zum dritten Mal nach Lausanne. Als junger Spieler hat er seine Karriere dort lanciert, später beendet er sie dort. Bei seinem dritten Halt ist das Geld knapp, die Spieler jung und unbekannt. Gemeinsam mit Präsident Alain Joseph ist Celestini für alles zuständig, ein Sportchef fehlt. Das Team schafft den Aufstieg in die Super League, im Jahr darauf den Ligaerhalt. Im Winter 2018 steigt Ineos als Investor ein. Die Ziele sind gross, die Veränderungen auch. «Es ging wohl alles etwas zu schnell», sagt Celestini. Fünf neue Spieler kommen, darunter für viel Geld Enzo Zidane und Simone Rapp. Sie bringen das Lohngefüge durcheinander, der Teamgeist leidet. Vier Monate später muss Celestini gehen.

Eine Rückkehr zu seinem Stammverein kann sich Celestini heute nicht vorstellen. In seiner Heimat sei es für ihn deutlich emotionaler als anderswo. Der Italo-Schweizer, aufgewachsen im Lausanner Vorort Renens, ist heute längst ein Weltbürger. Jahrelang lebte er im Ausland, seine Familie wohnt in Panama, der Heimat seiner Frau. «Es macht wenig Sinn, wenn die Familie immer wieder umziehen muss.» In eineinhalb Jahren wohnt er in der Romandie, im Tessin und nun in der Innerschweiz. Die Unterschiede gehen für Celestini weit über das Sprachliche hinaus. Die Tessiner und Romands seien lockerer und kreativer, die Deutschschweizer ehrgeiziger. «Mit Lausanne wussten wir immer: Wenn wir kämpferisch so dagegenhalten wie die Clubs aus der Deutschschweiz, gewinnen wir.» In Luzern geht es für Celestini darum, auch in diesem Landesteil Fuss zu fassen. In jenem Landesteil, in dem er als Spieler zu wenig Respekt spürte.

34-mal spielt Celestini in der Nationalmannschaft. Es ist eine Zeit, in der die Gräben im Team zwischen den Deutschweizern und den Romands gross sind. Es gibt Grüppchen. Mit Spielmacher Hakan Yakin wechselt Celestini in all den Jahren nur ein paar Worte. Celestini ist maximal der Stellvertreter von Johann Vogel im defensiven Mittelfeld. Für die Schweiz spielt er nie zwei Spiele in Folge von Beginn an. «Ich habe nie eine realistische Chance erhalten», sagt er – und begründet es mit der Sprachgrenze:

Bei Zusammenzügen des Nationalteams wird Fabio Celestini von Deutschschweizer Journalisten manchmal nicht erkannt und gefragt, wer er sei. Er, der damalige Captain von Olympique Marseille. In Erinnerung bleibt er als Nationalspieler nur wegen seines Siegtores in Irland zum 2:1-Sieg. Später qualifiziert sich die Schweiz für die Europameisterschaft 2004 in Portugal. Für einen kurzen Moment ist er der Held des Landes. «Da war die Region für einmal egal», sagt er.

Der Sieg in Irland mit dem Siegtor von Celestini

An der Endrunde steht Celestini nur in der Partie gegen England in der Startelf, weil Vogel gesperrt fehlt. Die Schweiz verliert 0:3. Auf Kritik reagiert er zu einem Journalisten mit klaren Worten: «Ein Minimum an Respekt dürften wir schon erwarten.» Danach tritt er ein erstes Mal aus dem Nationalteam zurück, 2007 kehrt er für vier Testspiele zurück.

Seither möchte er sich nicht mit der öffentlichen Meinung beschäftigen und liest keine Zeitungen. «Wenn das Resultat stimmt, jubeln mir alle zu. Wenn es nicht passt, werde ich kritisiert. Ich beurteile meine Arbeit anders. Mir geht es nicht nur um das Resultat. Es ist mir genau so wichtig, wie unter der Woche gearbeitet wird und wie mein Team auftritt.» Die Aussage sagt viel darüber aus, wie Celestini als Trainer denkt. Selber agieren ist immer wichtig – ganz egal, wie limitiert das Team ist. Nur auf ein gutes Resultat spielen will er nicht. In Lausanne heisst es, er sei stur und unflexibel, weil er zu mutig agierte. Selber sagt er, den Celestini-Fussball gebe es nicht. «Ich passe mich den Qualitäten meiner Spieler an», so Celestini.

Im Oktober 2019 muss er nach einem Jahr als Trainer in Lugano gehen. Die Resultate stimmen nicht. Mit Präsident Angelo Renzetti hat er noch heute ein gutes Verhältnis. Zwei Monate nach der Entlassung in Lugano unterschreibt Celestini in Luzern. Auch in der Hoffnung, endlich den Respekt der Deutschschweiz erhalten zu können.

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