French Open
Naomi Osaka ist zum Sprachrohr des Frauen-Tennis geworden, nun verpasst sie sich einen Maulkorb und will schweigen

Sie erhebt ihre Stimme gegen Polizeigewalt und soziale Ungleichheit. Auf die Medientermine bei den French Open verzichtet Naomi Osaka. Sie taucht damit in die Echokammer der sozialen Medien ab.

Simon Häring
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Naomi Osaka verzichtet in Paris auf Medientermine.

Naomi Osaka verzichtet in Paris auf Medientermine.

Foto: Keystone

Sie ist die Nummer 2 der Welt, vierfache Grand-Slam-Siegerin, das Gesicht der Gegenwart, und mit ihren erst 23 Jahren auch das der Zukunft: Naomi Osaka. Sie kam in Japan zur Welt, wuchs in den Vereinigten Staaten auf, der Vater stammt aus Haiti. Sie ist die erste Asiatin an der Spitze des Tennis und verkörpert damit auch die Ambitionen und Sehnsüchte eines ganzen Kontinents. Dazu ist Osaka weiblich und nicht weiss. Mit anderen Worten: Mit ihrem multiethnischen Hintergrund verkörpert sie Diversität wie kaum eine Athletin zuvor. Ein Potenzial, das globale Unternehmen längst für sich entdeckt haben. Nicht weniger als 15 Sponsoren werben mit ihrem Gesicht, darunter Nike, Yonex, Nissan Motor und Shiseido. Mehr als 40 Millionen Dollar verdiente Osaka im letzten Jahr. Mehr als jede andere Sportlerin.

Das hat nicht nur mit ihrer Herkunft und ihren Erfolgen zu tun. Sondern auch damit, dass Naomi Osaka seit ihrem ersten Grand-Slam-Titel 2018 bei den US Open auch als Persönlichkeit erstaunlich gereift ist, die sich nicht scheut, sich politisch zu äussern. Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd war sie nach Minneapolis geflogen und hatte sich an den Protesten gegen Polizeigewalt beteiligt. Als letzten Herbst Jacob Blake von Polizisten in den Rücken geschossen wurde, brachte Naomi Osaka mit einer Boykottdrohung die gesamte Tour für einen Tag zum Stillstand. Bei den US Open trug sie vor jedem ihrer sieben Matches eine Maske, die den Namen eines Opfers von Polizeigewalt trug. Und gewann das Turnier.

Bei den US Open erinnerte die in den USA aufgewachsene Japanerin an die Opfer von Polizeigewalt.

Bei den US Open erinnerte die in den USA aufgewachsene Japanerin an die Opfer von Polizeigewalt.

Osaka und die Angst vor dem, was sie auslöst

Durch die Black-Lives-Matter-Bewegung entdeckte sie die Möglichkeiten, vielleicht auch die Verantwortung, die auf ihrer Bekanntheit fussen. In der Welt der Unverfänglichkeiten, geschliffenen Worte und der Konformität tat sie etwas, das Sportler heute kaum mehr tun: sich an gesellschaftlichen Debatten beteiligen. Damals sagte sie: «Ich hasse es, wenn die Menschen sagen, Sportlern sollten sich nicht in Politik einmischen und unterhalten. Erstens geht es um Menschenrechte, und zweitens: Wer hat mehr Recht, sich zu äussern als ich?» Wer zur Ungerechtigkeit schweige, werde zum Verräter. Osaka erhob ihre Stimme, und wurde so zum Sprachrohr. Bis heute ist nicht klar, ob diese Rolle Bürde oder Herzensangelegenheit ist.

Nachdem Osaka Anfang Jahr die Australian Open gewonnen hatte, sagte sie: «Was ich in New York ausgelöst habe, hat mich verängstigt. Ich musste auf einmal zu Themen Stellung ­nehmen, von denen ich keine Ahnung hatte. Deshalb war ich diesmal einzig und allein aufs Tennis fokussiert.»

In Paris taucht Osaka nun selber in die Echokammer der sozialen Medien ab, über die sie sagt, sie würden das Bild eines Menschen verfälschen.

In Paris taucht Osaka nun selber in die Echokammer der sozialen Medien ab, über die sie sagt, sie würden das Bild eines Menschen verfälschen.

Foto: Keystone

Denn nun will Osaka schweigen. Bei den French Open, wo sie bisher noch nie weiter als in die dritte Runde kam, bleibt sie den Medienterminen, die verpflichtet sind, fern. Sie begründete das damit, dass keine Rücksicht auf den psychischen Zustand der Spielerinnen genommen werde. Sie habe gemerkt, dass die Leute keine Rücksicht auf die psychische Verfassung der Athleten nehmen, «und das wird mir auf Pressekonferenzen bewusst», begründete sie. Ihre Entscheidung sei nichts Persönliches gegen das Turnier oder bestimmte Journalisten. Sie beklagte, dass oft die gleichen Fragen gestellt würden. «Fragen, die Zweifel in mir auslösen. Und ich bin nicht bereit, mich Leuten zu unterwerfen, die an mir zweifeln.» Sie wolle, dass der psychischen Gesundheit mehr Aufmerksamkeit geschenkt werde.

20'000 Dollar Busse schrecken Osaka nicht ab

Wer den Medienterminen fern bleibt, wird mit drakonischen Geldstrafen von bis zu 20'000 Dollar belegt. Osaka sagt, das spiele für sie keine Rolle. Sie hoffe, dass die Summe einer Einrichtung für psychische Gesundheit gespendet werde. Diesmal will sie die Welt mit Schweigen verändern.

Ihr Schritt hat heftige Reaktionen ausgelöst. Gilles Moretton, der Präsident des französischen Tennisverbands, der die French Open ausrichtet, sagte gegenüber der Sportzeitung «L'Equipe»: «Sie schadet damit dem Spiel, dem Sport und vielleicht auch sich selber.» Die Profi-Organisation der Frauen, die Women's Tennis Association WTA, schrieb in einer Mitteilung, sie wolle den Dialog mit Osaka suchen und wies darauf hin, wie wichtig die psychische Gesundheit sei. Im Gegensatz zur Männer-Tour betreibt die WTA auch eine Anlaufstelle mit einer Psychologin. Man wies aber auch auf die Verantwortung der Sportlerinnen gegenüber dem Publikum hin. Denn Medien erzählen die Geschichten der Sportlerinnen, die sie gross machen.

Osaka will schweigen. Und damit die Welt verändern.

Osaka will schweigen. Und damit die Welt verändern.

Foto: Keystone

Osaka, auch das darf man sagen, braucht diese Bühne längst nicht mehr, die Bussen sind für sie verschmerzbar. Im April lancierte sie mit Kinlò eine eigene Hautpflegelinie für Menschen mit dunklerem Hautton. Sie wirbt für Sportartikel, für Kopfhörer, für Jeans, für Nudeln, für Schweizer Uhren, für Handtaschen, für Kreditkarten, sogar für Bikinis. Aber nur für Marken, von denen Osaka sagt, sie würden die «gleichen Werte» wie sie teilen. Die Jeans-Marke Levi's sagt: «Naomi ist mehr als eine Tennisspielerin. Sie ist eine Stimme, die andere ermutigt, über soziale Ungleichheit zu sprechen.»

Doch die Frage sei erlaubt: Was ist ein Sprachrohr wert, das sich selber kritischer Betrachtung entzieht und den Monolog dem Dialog vorzieht?

Über die sozialen Medien sagte Osaka Anfang Jahr: «Du kennst Menschen nicht, wenn du nur ihre Profile betrachtest. Sie erlauben dir nur einen flüchtigen Blick in ihre Leben, was irreführend ist und sich falsch anfühlt.» Nun taucht Osaka selber in diese Echokammer ab. Und damit in eine Welt, in der auch ihre Worte geschliffen von Managern und Beratern erscheinen.

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