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Was macht Tranquillo Barnetta am Zürcher Philosophiefestival neben einer ziemlich bekannten Prostituierten und einer Ethikprofessorin? Eine gute Figur!

Philosophiestunde mit Barnetta. Wie die Kultfigur des FC St.Gallen über seine Karriere sinniert und was das alles mit zwei Frauen und dem Thema «käufliche Körper» zu tun hat. Und mit Immanuel Kant.

Christian Brägger
Christian Brägger
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Tranquillo Barnetta war Gast am 5. Zürcher Philosophiefestival.

Tranquillo Barnetta war Gast am 5. Zürcher Philosophiefestival.

Ralph Ribi

Auf den ersten Klischeeblick passen Fussballer und die Philosophie nicht unbedingt zusammen. Dass das auch anders geht, offenbarte Tranquillo Barnetta am 5. Zürcher Philosophie Festival, Themenschwerpunkt «Kauf mich!». Der ehemalige Ballkünstler aus St.Gallen war am Samstagabend in der Mühle Tiefenbrunnen zu Gast an einem Podium und diskutierte mit Nikola Biller-Andorno (Ethikprofessorin) und der nicht ganz unbekannten Salomé Balthus (Philosophin, Publizistin und Prostituierte) über «käufliche Körper», wobei neben Fussball wie Sexarbeit auch Leihmutterschaft und Organspenden verhandelt wurden.

Eingebettet zwischen der renommierten Wissenschafterin und einer etwas nervösen Balthus, die mit der weiblichen Lust kokettierte und die Bühne auch als Schauspiel verstand und vielleicht ein bisschen als Werbung in eigener Sache, schlug sich Barnetta wacker.

Einerseits in der Rolle des (angestrengten) Zuhörers, der wie ein Zuschauer im Tennis den Ballwechseln mit dem Kopf abwechselnd links der einen und rechts der anderen Frau folgte. Balthus unterliess es sogar nicht, mit Publikum, Moderator und dem 75-fachen Schweizer Nationalspieler zu flirten, was dieser souverän wegsteckte wie einst die zahlreichen Fouls seiner Gegenspieler, nachdem er mal wieder zu schnell für sie gewesen war.

Barnetta ist für die Praxis da

Andererseits überzeugte Barnetta, wohl ein bisschen rundlicher geworden und mit nicht unähnlicher Gel-Frisur wie Balthus, vor allem in der Rolle des Gesprächspartners vor den etwa 250 Gästen. Mit wachem Geist schaffte es der inzwischen 37-Jährige, einer für Aussenstehende bisweilen doch schwer verständlichen philosophischen Themenannäherung (Philosophie kann ja durchaus theoretisch-abstrakt wirken) mit Erzählungen aus dem Leben einen nahrhaften Boden zu geben; es ist doch stets die Praxis, die Zugang verschafft.

Barnetta, vor kurzem zum dritten Mal Vater geworden, gewährte denn auch einen Einblick in sein Ich. Der Körper sei sein Kapital gewesen und er habe einen Verschleisspreis bezahlt für die frühen wie vielen Jahre im Sport. So verunmöglicht ihm heute ein Knorpelschaden das Knien. «Also setzte ich mich beim Spielen mit den Kindern halt auf den Po.» Trotz allem würde der jetzt als Hausmann tätige Barnetta den Nachwuchs unterstützen, sollte jener einen ähnlichen Weg einschlagen wollen wie der Papa: «Weil es letztlich nicht so schlimm gekommen ist und die positiven Erlebnisse überwiegen.»

Die Gedanken zur Freiheit

Hinsichtlich Leihmutterschaft/Organspenden sagte Barnetta: «Sobald Geld ins Spiel kommt, wird es problematisch.» Ohnehin ist für den ehemaligen Fussballer von Bayer Leverkusen, Schalke oder Philadelphia die persönliche Freiheit ein hohes Gut.

So sei der Druck von den Vereinen durchaus gross, nach Verletzungen schnell fit zu werden. «Fraglich, ob es im Nachhinein für den Körper immer das Beste war.» Zur Freiheit gehört für Barnetta auch die Klubwahl: «In Europa war ich nie fremdbestimmt. Es kann aber Probleme geben, wenn man wie in den USA nicht selbst den Klub wählen und ohne Unterschrift wegtransferiert werden kann – weil dort die Verträge mit der Liga gemacht werden.»

Auch müsse man Eltern in die Pflicht nehmen, damit sie Kinder nicht zu etwas zwingen, bloss um den eigenen Traum zu leben. «Mein Vater hat nie Druck gemacht – ich wollte Fussball spielen.» Deshalb landete Barnetta in der Champions League im Bernabéu gegen Real. Und in Zürich in dieser Philosophierunde. Wenngleich er nicht als Erstes an Immanuel Kant denkt, der über die Freiheit des Einzelnen bücherweise philosophierte.