Europameisterschaft
Ein O zu viel: Warum Gigio Donnarumma weniger beliebt ist als Vorgänger Gigi Buffon

Gianluigi Donnarumma ist neuer Rekordhalter und italienischer Hoffnungsträger auf den EM-Titel. Doch die Fans verehren ihn nicht.

Raphael Gutzwiller
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Gianluigi Donnarumma überzeugt im Tor Italiens. Geliebt wird er aber nicht.

Gianluigi Donnarumma überzeugt im Tor Italiens. Geliebt wird er aber nicht.

Ben Stansall / AP

Wenn Italien am Freitag ab 21 Uhr im EM-Achtelfinal auf Belgien trifft, können sie sich auf einen sicheren Rückhalt verlassen. Mit Gianluigi Donnarumma verfügen sie nicht nur über das grösste Goalietalent Europas, sondern auch über einen, der vor Selbstvertrauen strotzt. 1168 Minuten lang ist er im Nationalteam ohne Gegentor geblieben, ehe in der Verlängerung des Achtelfinals gegen Österreich Sasa Kalajdzic diese Serie brach. Italien blieb dennoch schon zum 31. Mal in Folge ohne Niederlage. Und Donnarumma steht dank des Rekords schon jetzt vor den italienischen Torhüterlegenden, hat den Uraltrekord von 1974 Dino Zoff mit 1142 Minuten überboten.

Läuft alles nach Plan, wird er noch zwei Jahrzehnte das Tor der Squadra Azzurra hüten. Das Wunderkind ist erst 22 Jahre alt, hat aber schon 30 Länderspiele und über 250 Partien für die AC Milan bestritten. Grosse Italienische Torhüter werden in der Regel alt in ihrem Beruf. Dino Zoff spielte bis 41, Gianluigi Buffon steht auch mit 43 noch zwischen den Pfosten von Parma. Rechnet man die Zahlen hoch, wird Donnarumma dereinst auch den Rekord Buffons von 176 Länderspielen überbieten.

Gianluigi Donnarumma (rechts) begrüsst 2016 im Duell mit Juventus Gianluigi Buffon.

Gianluigi Donnarumma (rechts) begrüsst 2016 im Duell mit Juventus Gianluigi Buffon.

Valerio Andreani/Freshfocus

Eigentlich ist der Wunderknabe aus Castellammare di Stabia der perfekte Nachfolger für Buffon. Gianluigi folgt auf Gianluigi. Weltklassegoalie auf Weltklassegoalie. Der Ältere sorgte für den WM Titel 2006, dem Jüngeren werden ähnliche Triumphe zugetraut. Auch schon jetzt an dieser Europameisterschaft.

Niemand hätte Buffon ausgepfiffen

Und doch: In Italien sind zwischen «Gigio» Donnarumma und «Gigi» Buffon Welten. Sichtbar wird dies im letzten Gruppenspiel gegen Wales im Stadio Olimpico in Rom. Um dem Ersatz Salvatore Sirigu Einsatzminuten zu geben, wird Donnarumma kurz vor Schluss ausgewechselt. Italien führt 1:0, hat mit drei Siegen ohne Gegentor überzeugt.

Salvatore Sirigu wird für Gianluigi Donnarumma eingewechselt. Fans pfeiffen gegen Donnarumma.

Salvatore Sirigu wird für Gianluigi Donnarumma eingewechselt. Fans pfeiffen gegen Donnarumma.

Ryan Pierse / EPA

Als Donnaruma in Richtung Seitenlinie unterwegs ist, mischt sich in die euphorisierte Stimmung aber noch etwas anderes: Pfiffe. Es sind nicht viele, aber genug, damit sie gut hörbar sind. Trotz weisser Weste wird der Nationalgoalie ausgepfiffen. «Nie hätte jemand Buffon ausgepfiffen», schrieb daraufhin die Zeitung «La Gazetta dello Sport». «Gigio» ist noch kein «Gigi».

Buffon ist der Inbegriff eines Gentlemans und eines Fussballromantikers. Es ist nostalgisch, dass er seine Karriere bei seinem Jugendklub Parma ausklingen lässt. Es ist romantisch, dass er beim Zwangsabstiegs von Juventus den Verein nicht wechselte. Und selbst den Wechsel nach Paris haben ihm die Fans verziehen, weil er bei Juventus den Stammplatz verloren hatte.

Gianluigi Buffon ist der Inbegriff eines Gentlemans.

Gianluigi Buffon ist der Inbegriff eines Gentlemans.

Elisabetta Baracchi / EPA

Nicht bescheiden, dafür will er viel Geld

Auch Donnarumma wechselt bald nach Paris. Doch seine Geschichte ist eine andere. Sie erzählt von einem Jungen, der mit zehn besser ist als alle anderen. Und vor allem grösser. Früh überragt er seine Mitspieler so sehr, dass sich die Eltern der Gegner beklagen. Seine Mutter muss am Spielfeldrand jeweils die ID ihres Sohnes vorweisen, um zu beweisen, dass «Gigio» in dieser Altersklasse spielen darf. Und weil er nicht nur gross, sondern auch talentiert ist, wird Milan auf ihn aufmerksam. Er durchläuft die Jugendabteilung im Eilzugtempo, mit 16 ist er Stammgoalie. Donnarumma zeichnet sich durch gute Reflexe und beeindruckendes Stellungsspiel aus. Aber auch durch eine Ruhe, wie sie sonst nur bei Routiniers zu sehen ist.

Donnarumma fordert aus Sicht der Fans zu viel Geld.

Donnarumma fordert aus Sicht der Fans zu viel Geld.

Riccardo Antimiani / EPA

Das Problem: Donnarumma weiss über diese Qualitäten Bescheid. Er wirkt im Gegensatz zu Buffon nicht bescheiden. Jahrelang sagt er zwar, dass sein Herz der AC Milan gehört. Die Fans glauben ihm nicht. Im Hintergrund verhandelt der berüchtigte Berater Mino Raiola fast jährlich einen noch besseren Deal aus. 2017 schafft er es, Gianluigis Bruder Antonio bei Milan als dritten Torhüter unterzubringen. Dieser verdient dort eine Million Euro pro Jahr, obwohl er noch nie in der Serie A zum Einsatz kam. «Gigio» selber kassierte seit der letzten Vertragsverlängerung jährlich sechs Millionen Euro. Zwei weitere hätte Milan noch drauflegen wollen, doch Raiola forderte ein Salär von zwölf Millionen und lehnte die Vertragsverlängerung ab.

Seit Donnerstag ist Donnarumma vertragslos und soll nun vor einer Unterschrift bei Paris St. Germain stehen, wo er das bei Milan geforderte Salär erhält. Dabei ist nicht klar, ob sich Donnarumma gegen Keylor Navas durchsetzen wird. Der technische Direktor Milans Paolo Maldini, der selber für Vereinstreue stand, sagt: «Gigio war Anführer und Kapitän. Die Leute verstehen nicht, dass ein Profi auch bereit sein muss, die Trikots zu wechseln. Ich weiss, dass das schwer zu akzeptieren ist.»

Auch wenn er nicht geliebt wird: Die Leistung von Gianluigi Donnarumma überzeugt.

Auch wenn er nicht geliebt wird: Die Leistung von Gianluigi Donnarumma überzeugt.

Claudio De Capitani / Freshfocus

Die Pfiffe von den Fans, sie dürften von enttäuschten Milan-Anhänger stammen. An den Leistungen des Goalies ist nämlich nichts auszusetzen. Wobei anzumerken gilt, dass die grossen Prüfungen an dieser EM noch fehlten für Gianluigi Donnarumma. Möglich, dass sich das heute gegen Belgien ändert.

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