Europameisterschaft
Mit dem Herzen in der Hand die Herzen erobert: Vier EM-Wahrheiten über unsere Schweizer Nati

Das Nationalteam hätte an dieser Europameisterschaft ein schöneres Ende verdient als das Out im Penaltyschiessen gegen Spanien. Trotzdem überwiegen Stolz und Bewunderung. Was überdauert nun die Euphorie rund um die Nati? Lesen Sie unsere vier Wahrheiten über das Team von Vladimir Petkovic.

François Schmid-Bechtel, Christian Brägger und Etienne Wuillemin
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Granit Xhaka ist in diesem Nationalteam unersetzlich

Zwei Stapel mit Autogrammkarten für Granit Xhaka liegen bereit.

Zwei Stapel mit Autogrammkarten für Granit Xhaka liegen bereit.

Bild: Freshfocus

Wir hätten es eigentlich wissen können, ja wissen müssen. Spätestens seit März 2019. Die Schweiz spielt in der EM-Quali gegen Dänemark. Vladimir Petkovic nimmt in der 79. Minute seinen leicht angeschlagenen Captain Granit Xhaka vom Platz. Er könnte, wenn er müsste, vielleicht noch etwas länger durchhalten. Aber die Schweiz liegt zu diesem Zeitpunkt 3:0 vorne. Was soll da noch schief gehen? Nun, seit damals wissen wir: Alles kann schief gehen, wenn Xhaka nicht auf dem Platz steht. Die Dänen jedenfalls gleichen zum 3:3 aus.

Trotzdem haben wir gezweifelt. Tattoo- und Frisurengeschichte, sowie der unerklärlich schwache Auftritt gegen Italien haben uns irritiert. Und Fragen aufgeworfen. Hat Xhaka diese grosse Bedeutung, die er für sich selbst beansprucht? Ist er überhaupt der richtige Captain für dieses Team?

Die Frage, ob sich die Schweiz mit Xhaka (er war gesperrt) gegen Spanien durchgesetzt hätte, ist hypothetisch. Sicher hätte die Nati mehr Struktur in ihrem Spiel gehabt. Sehr wahrscheinlich hätten wir auch ein paar gefährliche Schnittstellen-Pässe mehr gesehen. Und garantiert hat im Spiel der Schweizer eine fast permanente Anspielstation gefehlt, ein Taktgeber und Vorkämpfer. Kurz: Für jede Position hat Trainer Petkovic eine Alternative. Aber einen zweiten Strategen wie Xhaka einer ist, hat er nicht in der Hinterhand.

Xhaka auf dem Platz ist das eine. Xhaka daneben das andere. Und da bewies er nach dem jämmerlichen Auftritt von Rom Führungsqualitäten, wie wir sie selten bei einem Nati-Captain je gesehen haben. Sicher, er polarisiert mit seiner Art und seinen Auftritten, die zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz pendeln. Aber er tut das nicht seinem Ego zuliebe. Er steht bewusst in den Sturm, um den Mitspielern in seinem Windschatten Entfaltungsmöglichkeit zu offerieren. So funktionieren grosse Captains. Leider wird auch Xhaka nicht jünger - im September 29. Aber auf zwei Endrunden mit ihm als Captain können wir uns sicher noch freuen.

Diese Nationalmannschaft begeistert

Die Fans stehen an für die Autogramme ihrer Schweizer Helden.

Die Fans stehen an für die Autogramme ihrer Schweizer Helden.

Ennio Leanza / Keystone

Die Lieblinge sind schnell ausgemacht. «Xhaka!» rufen vor allem Buben. «Sommer!» Mädchen. Einen Empfang für die Schweizer Nationalmannschaft hat es lange nicht mehr gegeben, doch was sich nach ihrer Ankunft in Flughafennähe in Opfikon am frühen Samstagnachmittag abspielt, lässt Herzen höher schlagen. Jene der Fans, weil sie ihren Idolen so nahe sind. Jene der Spieler, weil sie Wertschätzung erfahren und etwas Trost gegen den Seelenschmerz. Es ist dann Captain Xhaka, der vor der Autogrammjagd von etwa 1500 Fans zuerst ins Megafon spricht: «Es ist schön, wenn wir euch etwas Freude bereiten durften.» Jubel.

Szenenwechsel. Zweimal treffen die Schweizer als Aussenseiter auf Favoriten, zweimal schwenkt im Stadion das Publikum um, nur schon deshalb entstehen Gänsehautabende. Stehen Neutrale in Bukarest anfänglich auf der Seite der Franzosen, wechseln sie ins Lager der Schweizer – weil die Mannschaft begeistert. In St. Petersburg ist es gegen die Spanier noch extremer – weil die Mannschaft so leidet, und weil die Schweizer alles aus sich rausholen, was der Körper hergibt. Ja, die Schweizer gewinnen mit dem Herzen in der Hand die Herzen des neutralen Zuschauers, sogar eine Fussballlegende wie Gary Lineker ist entzückt.

Auch in der Schweiz wechselt die Stimmung. Die Spieler und ihr Trainer kommen in der Mitte an, entfachen eine Euphorie, die kaum Grenzen kennt und in der man ihnen alles zutraut. Es hat lange gedauert. Für Petkovic muss das Erlebte wunderbare Genugtuung sein, gerade für ihn, der oft nicht verstanden worden ist. Hier ein Foto mit einem Fan, da eines, und jedes Mal diese Worte: «Wir möchten Ihnen so sehr Danke sagen.» Später kommt von Petkovic das Schlusswort: «Wir haben den Status der Schweiz in der Welt sehr verbessert. Viele sehen uns heute sympathischer und fussballerisch besser, das ist ein grosser Lohn und Schritt nach vorne.»

Wir warten nicht nochmals 67 Jahre

Der Sieg gegen Frankreich, der alles verändert. Es kann so weitergehen.

Der Sieg gegen Frankreich, der alles verändert. Es kann so weitergehen.

Bild: Claudio De Capitani/Freshfocus

In neun Monaten Geborene sind nach alter Zeitrechnung pensioniert, wenn die Schweiz an einer WM oder EM das nächste Mal im Viertelfinal steht. Nein, wir wollen nicht wieder 67 Jahre warten, nicht so lange von dieser süssen Erinnerung zehren. Oder ist 2021 einfach ein aussergewöhnliches, rein zufälliges Ertragsjahr? Wenn Vladimir Petkovic seine Akteure Ende August das erste Mal wiedersieht für die WM-Qualifikation, dann fordert der Nationaltrainer genau dies: Es muss exakt auf jenem Niveau weitergehen, auf welchem sich alle Beteiligten in den Sommer verabschiedet haben. Das soll quasi die Referenz sein, der Nullpunkt, darunter darf es nicht gehen, aus Zeitgründen und weil das Team ja bereits eine funktionierende Einheit ist.

Das sind hohe Ansprüche vom «Mister», doch nur wer hoch denkt, fliegt auch hoch – den Beweis lieferte das Turnier. So muss 2021 dereinst bei Lichte betrachtet nicht als der einzige helle Schein daherkommen. Im Wissen, dass eine Endrunde auch Glück und kein Verletzungspech benötigt. Ebenso kann eine starke Generation eine glückhafte Fügung sein.

Ebendiese Fügung kann man steuern, der Schweizer Verband hat mit der EM fast 15 Millionen Euro eingenommen, sie gilt es nun zu reinvestieren in die Professionalisierung der Strukturen und: In den Nachwuchs, weil es nur über ihn geht. Und damit in Projekte wie den Bau einer Trainingsanlage wie Clairefontaine für die Franzosen eine ist. Ein nationaler, zentral gelegener Stützpunkt schwebt dem SFV länger vor, zuletzt ist er davon weggekommen, auch wegen coronabedingter Einbussen.

Doch die Hausse könnte er gerade jetzt nützen, um auf Bundesebene oder bei Sporttoto vorstellig zu werden. Dabei vereint der SFV bereits diese Punkte auf allen Stufen, einfach nicht gebündelt an einem Ort: Stringente Nachwuchsförderung, moderne, attraktive Spielidee, einhergehend mit der nötigen Winnermentalität.

Vladimir Petkovic ist der richtige Trainer für dieses Team

Bleibt ruhig im Orkan: Vladimir Petkovic.

Bleibt ruhig im Orkan: Vladimir Petkovic.

Urs Lindt / freshfocus

Es ist wie im richtigen Leben: Was eine Beziehung wirklich wert ist, weiss man erst, wenn die erste grosse Krise überstanden ist.

Nun ist es nicht so, dass immer alles in Minne war vor diesem 0:3 der Schweiz in der Gruppenphase gegen Italien. Aber die Stürme, die Vladimir Petkovic über all die Jahre entgegenbliesen, ­waren häufig auch den Umständen neben dem Platz geschuldet. Wie nach dem 0:1 gegen Schweden im WM-­Achtelfinal, wo das Team nach den ­Wirren um den Doppeladler blutleer war. Oder nach den späten Gegentoren in Irland und Dänemark im Spätsommer 2019, als die Schweiz über Shaqiris Motivationsprobleme diskutierte und Petkovic die eine oder andere unglückliche Äusserung machte.

Schon damals aber haben sich mehrere Führungsspieler, an vorderster Front Stephan Lichtsteiner und Granit Xhaka, vehement für Petkovic eingesetzt. Die Vertragsverlängerung im ­Februar 2020 war der logische und auch verdiente Schritt. Doch es hat diese EM gebraucht, um die Qualitäten von Petkovic endgültig zu begreifen. Im Orkan dieses 0:3-Debakels von Rom ist er ruhig geblieben, hat auf seine Qualitäten und jene der Spieler vertraut – und Recht behalten. Und so mit der Nati die Herzen der Schweiz erobert.

Im Zuge der EM-Euphorie ist fast ein wenig untergegangen, dass Petkovic seit dem Frankreich-Spiel der Rekordnationaltrainer der Schweiz ist. Sieben Jahre nach seiner Amtsübernahme ist klar: Es ist eine besondere Verbindung. Eine, die hoffentlich weiter anhält. Weil es Petkovic zuzutrauen ist, dass er dieses Team noch einmal weiterentwickeln kann. Weil er trotz dieses Coups nach weiteren Erfolgen dürstet. Und, das vor allem, weil ihm die Schweizer Nationalspieler bedingungslos folgen.

Wie geht es weiter mit der Nati?

Der Weg an die WM 2022 in Katar

Am 5. September empfängt die Nati in Basel Italien zum Topspiel in der WM-Qualifikation (der Ticketverkauf hat noch nicht begonnen). Drei Tage später spielt die Schweiz in Nordirland. Bei aller ­Euphorie rund um die Nati: Der Weg an die WM 2022 ist kompliziert. Nur der Gruppenerste ist direkt qualifiziert. ­Dafür müsste die Schweiz also Italien hinter sich lassen. Der Zweite spielt eine Barrage, der Modus ist neu. Um an die WM zu kommen, muss man Halbfinal und Final gewinnen – ohne Rückspiel. WM-Qualifikation, Gruppe C: 1. Italien 3 Spiele./9 Punkte. 2. Schweiz 2/6. 3. Nordirland 2/1. 4. Bulgarien 3/1. 5. Litauen 2/0.

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