Vierschanzentournee
«Es ist doch fantastisch, dass sich Simon Ammann dieser Herausforderung stellt»

Simon Ammann ist zurück in Bischofshofen, wo er vor einem Jahr so schwer stürzte. Sein Sportpsychologe Hanspeter Gubelmann sagt, warum man Ammann auch nach dessen wackliger Landung in Innsbruck nicht abschreiben sollte.

Simon Steiner
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Simon Ammann fliegt durch die bedrohlich anmutenden Wolken Insbrucks.

Simon Ammann fliegt durch die bedrohlich anmutenden Wolken Insbrucks.

Keystone

Hanspeter Gubelmann, Simon Ammann kehrt in Bischofshofen auf die Schanze zurück, auf der er vor einem Jahr schwer gestürzt ist. Was erwartet ihn dort?

Hanspeter Gubelmann: Er hat seine Hausaufgaben gemacht in der Vorbereitung auf diese Rückkehr. Ich weiss, dass er sich die Bilder vom Sturz angeschaut hat und ich weiss, dass er im Sommer extra nach Bischofshofen gefahren ist, um auf der Schanze zu trainieren. Er ist aktiv an die Sache herangegangen, um wieder eine Kontrollüberzeugung zu entwickeln. Ich erwarte deshalb nicht, dass bei ihm nun der grosse Stress entstehen wird.

Im Sommer war er dort allein mit seinem Coach. Diesmal steht er vor einem vollen Stadion mit Schnee im Schanzenauslauf. Ist das nicht eine andere Situation?

Natürlich, aber man muss auch sehen, dass Simon auf dieser Schanze rund 20 Jahre lang ohne Probleme gesprungen ist. Zudem ist es eine Schanze, die auf seine Fähigkeiten zugeschnitten ist. Er wird routiniert und clever genug sein, diesen positiven Erfahrungen mehr Gewicht zu geben als dem einmaligen Ereignis aus dem letzten Jahr.

Trotzdem hat der Sturz bei Ammann seine Spuren hinterlassen. In einem Interview hat er kürzlich gesagt, er empfinde immer noch Angst, wenn er nach einer längeren Sprungpause wieder auf einer Schanze stehe.

Wenn er wirklich Angst hätte, würde er nicht mehr springen. Ich glaube schon, dass er mehr Respekt hat als früher. Aber das mehr damit zu tun, dass er nach der Umstellung des Automatismus bei seiner Landung noch nicht die gleiche Sicherheit gefunden hat wie früher. Das ist nicht damit zu vergleichen, was wir als Angst empfinden. Dieser Begriff bezeichnet sehr starke und negative Gefühle.

Zuletzt hatte Ammann in Innsbruck grosse Schwierigkeiten bei der Landung. Kann ihn das zurückwerfen?

Solche Landungen sind aus Sicht der Sportpsychologie sicher nicht geeignet, ihm zusätzliche Sicherheit zu verleihen. Insofern bleibt es für ihn ein heisser Lauf. Ich bin aber überzeugt, dass dank seiner Routine nach wie vor die Zuversicht überwiegt, und dass er andernfalls die Konsequenzen ziehen würde. Es liegt aber nicht an mir, irgendwelche Prognosen zu stellen. Diese Frage wird er mit seinen Trainern diskutieren.

Ist die Verarbeitung eines Sturzes die grösste psychologische Herausforderung für einen Skispringer?

Unser Erleben ist sehr individuell, deshalb würde ich nicht a priori sagen, dass ein Sturzereignis notwendigerweise ein grosses Problem ist. Im Gegenteil: Ein Sturz kann einem auch einmal seine Limiten aufzeigen. Ich kenne keinen Skispringer, der noch nie ein Sturzerlebnis hatte. Es kommt darauf an, was zu einem Sturz geführt hat und welche Spuren er hinterlässt. Es kann einem Sportler auch abseits der Schanze etwas passieren, was ihn daran hindert, das Limit im Wettkampf suchen zu können.

Fällt es einem 34-jährigen Athleten wie Ammann schwerer als einem 18-Jährigen, einen schweren Sturz zu verarbeiten?

Auch diese Frage lässt sich nicht generell beantworten. Ein älterer Athlet verknüpft ein Sturzerlebnis unter Umständen stärker mit anderen negativen Erfahrungen, die er schon gemacht hat als ein junger, verwegener Springer. Andererseits kann die Erfahrung auch helfen, besser damit umzugehen.

Sie arbeiten seit 1998 mit Simon Ammann zusammen, in den letzten Jahren weniger intensiv als früher. Hat sich diese Zusammenarbeit seit dem Sturz wieder verstärkt?

Nein, nicht unmittelbar. Wir sind immer in Kontakt geblieben und haben die Themen, die ihn bewegen, auch immer wieder angesprochen. Ich finde es aber ganz wichtig, dass ein Athlet mit so viel Erfahrung den Punkt erreicht, an dem er selbstständig handeln kann. Wenn Simon etwas braucht, dann meldet er sich. Wir haben nach wie vor ein Vertrauensverhältnis, aber eine enge sportpsychologische Betreuung braucht er nicht mehr. Gerade bei der Verarbeitung eines Sturzes muss ein grosser Teil zwischen Trainern und Athlet passieren.

Als Konsequenz aus dem Sturz hat Ammann im Sommer damit begonnen, seine Telemark-Landung umzustellen. Nach 17 Jahren mit dem linken setzt er nun mit dem rechten Bein vorne auf. Lässt sich ein solcher Automatismus nach einer so langen Zeit noch ändern?

Bei Simon ist die Situation insofern speziell, als er in seiner Jugend schon mit dem rechten Bein vorne landete. Es geht deshalb nicht darum, einen neuen Automatismus zu suchen, sondern einen alten wieder neu zu nutzen und zu festigen. Das geht nicht einfach von heute auf morgen. Wie lange es braucht und wie weit es reicht, lässt sich dabei nicht voraussagen. Aber ich bin überzeugt, dass sich Simon und seine Trainer mit ihrer Vorgehensweise eine Chance auf Erfolg erarbeiten. Die Frage ist höchstens, ob er während der Wettkampfsaison die nötige Ruhe für diese Arbeit hat. Er braucht sicher auch gute Trainingssprünge.

Es gibt zahlreiche Skisprung-Experten, die Ammanns Vorhaben skeptisch beurteilen.

Ich würde Simon Ammann nicht unterschätzen. Man hat ihn schon mehrfach totgesagt, und er kam immer zurück. Ich war drei Jahre lang sein Manager und kann Ihnen sagen: In seiner Karriere hat er schon massenweise Anwürfe über sich ergehen lassen müssen. Er wird sich durch kritische Stimmen nicht mehr aus der Bahn werfen lassen. Simon wird die Antwort auf der Schanze geben, und ich bin gespannt, was die Skeptiker dann sagen werden. Und lassen Sie mich noch etwas anfügen...

Bitte.

Aus meiner Sicht lohnt sich die Diskussion darüber überhaupt nicht, ob er es wohl schaffen wird oder nicht. Die negativen Schlagzeilen zeigen mir, wie sehr uns Simon in den letzten Jahren mit seinen Leistungen verwöhnt hat. Es ist doch fantastisch, dass sich ein vierfacher Olympiasieger wie Ammann, der sich nichts mehr beweisen muss, einer solchen Herausforderung noch stellt.

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