Eishockey

Die Coronakrise als Chance zur Besinnung: Jetzt müssen die Spielerlöhne runter!

Wann kann wieder Eishockey vor vollen Zuschauerrägen gespielt werden?

Wann kann wieder Eishockey vor vollen Zuschauerrägen gespielt werden?

Am Montag entscheiden die Eishockeyklubs der National und der Swiss League unter anderem über den Modus der kommenden Meisterschaftssaison. Die Verantwortlichen sollten die aktuelle Krise, deren Ende noch nicht in Sicht ist, aber dazu nutzen, tiefgreifendere Reformen in Angriff zu nehmen.

Keine Frage: Der Profisport – insbesondere der Fussball und das Eishockey – steht in der Schweiz angesichts der Coronakrise vor teilweise existenziellen Fragestellungen, die Antworten harren. Ein Optimist ist beispielsweise, der davon ausgeht, dass noch in diesem Jahr wieder Spiele der höchsten Spielklasse vor vollen Zuschauertribünen stattfinden werden. Die realistische Variante ist, dass vor dem Jahreswechsel kaum an «normale» Zustände zu denken ist. Und die pessimistische Prognose ist, dass bis im kommenden Sommer und der Freigabe einer Impfung gegen das Coronavirus kaum mit einer Rückkehr zur Normalität zu rechnen ist.

Angesichts dieser kritischen Perspektiven ist es logisch und nachvollziehbar, dass diese Sportorganisationen mit ihren Millionenbudgets bei der kurz-, mittel- und langfristigen Planung kreativ sein müssen. Zum Beispiel auch die Eishockeyklubs der National und der Swiss League, die am Montag unter anderem über die Änderung des Modus für die kommende Saison abstimmen werden. Dass der geplante «Nichtabstiegspakt» (kein Absteiger aus der National League) und das «Zückerlein» (Automatischer Aufstieg des Swiss-League-Meisters) durchgewunken werden, ist wahrscheinlich. Kurzfristig sind das – unter den herrschenden Rahmenbedingungen – nachvollziehbare Massnahmen.

Entwicklung läuft in eine falsche Richtung

Es sind aber auch Massnahmen, die zu denken geben. Und die zeigen, dass die Entwicklung im Schweizer Klubeishockey in eine falsche Richtung läuft – und das schon seit Jahren. Dass die Kluft zwischen National und Swiss League derart aufgegangen ist, hat verschiedene Gründe. Die mangelhafte Durchlässigkeit mit dem Nadelöhr Liga-Qualifikation ist nur ein Aspekt. Ein anderer die Einführung der Farmteams (was auch zu politischen Ungerechtigkeiten führt) und die Verteilung der TV-Gelder. Unter den gegebenen Umständen wird ein Aufstieg zum Kraftakt. Was wiederum dazu führt, dass die notorisch abstiegsgefährdeten Klubs der höchsten Spielklasse die Relegation fürchten wie der Teufel das Weihwasser.

Dabei haben in den letzten Jahren die SCL Tigers, die Rapperswil-Jona Lakers und der (noch nicht wieder aufgestiegene) EHC Kloten bewiesen, dass ein Abstieg alles andere als das Ende aller Tage bedeutet. Im Gegenteil: Nach Jahren des sportlichen und finanziellen Existenzkampfs in der höchsten Spielklasse, der die Klubs an den Rand des Ruins manövriert hat, konnte man sich in der so verteufelten Swiss League wieder regenerieren, zurück zu den Wurzeln finden, verärgerte Fans zurück ins Boot holen.

Eigentlich müsste deshalb das langfristige Ziel sein, eine so starke Swiss League zu kreieren, dass die Klubs in einem attraktiven Umfeld und mit den Perspektiven eines gut möglichen Aufstiegs agieren können. Es kann nicht sein, dass zum Beispiel ein solider Klub wie der EHC Olten beim verzweifelten Versuch, den Sprung ins Oberhaus zu schaffen, finanziell fast vor die Hunde geht. Eigentlich ist es generell ein Armutszeugnis, wenn von den aktuellen Klubs der zweithöchsten Liga nur der EHC Kloten überhaupt die wirtschaftlichen Voraussetzungen für einen Aufstieg erfüllt (zumindest auf dem Papier).

Eine geschlossene Liga hilft nicht

Wenn man nun temporär die NL schliesst und so in der kommenden Saison einen Abstieg verhindert, dann ist das nur simple Symptombekämpfung, ignoriert aber die Wurzel des Übels. Es ändert nichts daran, dass eine geschlossene Liga, mit welcher einige NL-Klubs schon lange liebäugeln, nicht funktioniert. Eine Liga zu schliessen, nur damit Teams auf Trainerentlassungen und die Verpflichtung teurer Ausländer verzichten, ist ein Witz. Diese sportüblichen Mechanismen werden auch dann greifen, wenn kein Abstieg droht. Niederlagen lassen sich gegenüber den zahlenden Zuschauern und den Sponsoren nie verkaufen. Dafür ist das Sportbusiness viel zu kurzlebig und emotional.

Viel wichtiger und zielführender wäre, wenn die Klubs endlich daran denken würden, die heilige Kuh «Spielerlöhne» zu schlachten. Genau in diesem Bereich ist dieser Stresstest im Rahmen der Coronakrise eine grosse Chance. Man wünscht keinem Arbeitgeber, dass er im Zuge dieser Notlage zugrunde geht. Und schon gar keinem Arbeitnehmer, dass er auf der Strasse steht. Aber solche ausserordentlichen Situationen zeigen eben auch die ungeschminkte Wahrheit: Viele Sportorganisationen bewegen sich finanziell auf ganz dünnem Eis. Im Schweizer Eishockey vor allem wegen der teilweise haarsträubenden Lohnpolitik. Der Löwenanteil der Budgets fliesst in die Vergütungen des spielenden Personals. Die Spitzenteams können sich in der Regel nur finanzieren, wenn sie a) Mäzene im Rücken oder b) einen starken Gastronomie-Sektor haben. Ohne diese externen Faktoren wären die Budgets im zweistelligen Millionenbereich nicht zu stemmen.

Kehrt in der Krise endlich die Vernunft ein?

Genau deshalb ist die Aussicht eben auch verlockend, dass diese noch nie da gewesene Krise dafür sorgt, dass der Spitzensport mit seinen finanziellen Auswüchsen endlich wieder zur Besinnung kommt, dass es einen reinigenden Effekt gibt. Gerade im Eishockey sollten sich alle Beteiligten hinterfragen, ob das verzweifelte Festklammern am Status quo und vor allem die wenig visionäre Wahrung von eigenen Interessen wirklich der richtige Weg ist. Sind die Spieler mit grosszügig dotierten Verträgen bereit, signifikante Abstriche in Kauf zu nehmen? Sind die Klubs und ihre Sportchefs bereit, die oft sinnlose Preistreiberei nicht mehr mitzumachen? Immer wieder wurde in der Vergangenheit an die Vernunft der Verantwortlichen appelliert. Jetzt wäre der Zeitpunkt, um endlich Taten folgen zu lassen. Vor allem, wenn der Staat Subventionen leisten soll.

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