Eishockey

Der SC Bern ist immer noch das Mass aller Dinge

Der Jubel des verdienten Schweizer Meister: Berns Captain Simon Moser stemmt den Pokal in die Höhe.

Noch vor wenigen Wochen sah es ganz nach einer neuen Stunde für das Schweizer Eishockey aus. Plötzlich kamen andere Mannschaften weiter und altbekannte blieben hängen. Doch am Schluss wurde wieder der SC Bern Meister. Warum das so ist und ob sich das bald ändert analysiert Marcel Kuchta.

Revolution jetzt!» lautete der Titel der Playoff-Vorschau in dieser Zeitung. Die Chancen standen so gut wie lange nicht mehr, dass es nach 20 Jahren der Dominanz derselben vier Mannschaften (Bern, ZSC, Davos, Lugano) endlich mal wieder einen neuen Schweizer Meister geben könnte. Mit einer Ausnahme: Der SC Bern war als Qualifikationssieger selbstverständlich in der Favoritenrolle. Aber die Herausforderer schienen bereit, die erfolgsverwöhnten Bären zu verdrängen.

Nun, ein paar Wochen später wissen wir: Die erfolgsverwöhnten Bären waren immer noch hungrig genug, sich einen weiteren Meistertitel zu erkämpfen. Den dritten in den letzten vier Jahren. Was unterstreicht, wie tief die Erfolgs-DNA im SCB verankert ist. Auch wenn die Berner im Verlauf der Playoffs immer wieder mit grösseren und kleineren Schwierigkeiten zu kämpfen hatten: Sie hatten im entscheidenden Moment immer die richtige Problemlösung parat. So, wie es eben nur Teams können, die wissen, wie man gewinnt.

Die fetten SCB-Jahre sind vorbei – oder doch noch nicht?

So erdrückend die Dominanz des SC Bern in den vergangenen Jahren war – neben den Titelgewinnen stehen auch drei Qualifikationssiege in Serie zu Buche – so gross sind aber die Herausforderungen, die sich dem frischgebackenen Meister stellen. Etwas polemisch könnte man sogar sagen: Die fetten Jahre sind vorbei.

Rein oberflächlich betrachtet gibt es gute Argumente, einen Berner Rückschlag zu prognostizieren. An erster Stelle steht natürlich der Abgang von Meistergoalie Leonardo Genoni, der sich ab der kommenden Saison mit dem EV Zug auf Titeljagd begibt. Ihn zu ersetzen, ist eigentlich unmöglich. Sein Nachfolger Niklas Schlegel tritt ein unheimlich schwieriges Erbe an.

An zweiter Stelle kommt die Tatsache, dass eine jetzt schon vergleichsweise alte Mannschaft noch einmal ein Jahr älter wird. Das könnte punkto Tempofestigkeit und vor allem punkto Verletzungen ein Problem werden.

Und an dritter Stelle kommt der psychologische Effekt: Wie satt ist die Mannschaft nach diesem hart erkämpften Titelgewinn, der vor allem auf mentaler Ebene sehr herausfordernd war? Wie wirkt sich die Tatsache aus, dass Trainer Kari Jalonen vor seinem mit grösster Wahrscheinlichkeit letzten Amtsjahr steht? Wird er zur Lame Duck oder ist er einmal mehr in der Lage, die richtigen Reize zu setzen?

Die Konkurrenz braucht einen Schritt nach vorne

Das tönt jetzt alles sehr negativ und auch ein wenig nach dem Prinzip Hoffnung für die Konkurrenz. An der liegt es letztlich in allererster Linie, ob die Dominatoren der letzten Jahre tatsächlich aus der Reserve gelockt werden können und die Revolution doch noch über die Bühne geht.

Die Herausforderer müssen jetzt einen Schritt nach vorne machen. Die Zuger, die in der Finalserie nach gutem Beginn letztlich erstaunlich chancenlos blieben, dürften der Widersacher Nummer eins werden. Leonardo Genoni ist ein Erfolgsgarant. Nationalstürmer Grégory Hofmann wird in der Offensive noch mehr Feuerkraft bringen. Ist der EVZ bei der Wahl seiner Söldner clever, dann könnte der erste Titelgewinn nach 1998 Tatsache werden.

Auch der EHC Biel, der im Halbfinal denkbar knapp am späteren Meister gescheitert war, hat ein Jahr (bittere) Playoff-Erfahrung mehr im Rucksack. Die Berner haben den Bielern gezeigt, was es braucht, um im entscheidenden Moment und unter grösstmöglichem Druck bereit zu sein.

Die reichen Emporkömmlinge aus Lausanne zogen heuer gegen den EV Zug ebenfalls in der Vorschlussrunde den Kürzeren. Die Waadtländer werden sich im Hinblick auf die neue Saison weiter verstärken und ziehen zudem in ihre brandneue Arena ein. Die Voraussetzungen sind gut, dass sich in der Westschweiz eine starke, revolutionäre Zelle bildet.

Der Meistermix

In dieser Gleichung nicht vergessen sollte man die ZSC Lions, die sich nach dieser völlig missglückten Saison aber erst einmal neu sortieren müssen. Es ist und bleibt aber eine Tatsache, dass in der Mannschaft der Zürcher sehr viel Talent vorhanden ist. Doch der SC Bern hat auf seinem Weg zum Meistertitel gezeigt, dass Talent bei weitem nicht das wichtigste Kriterium ist.

Durchhaltewillen, Kampfkraft, Zusammenhalt, Erfahrung und Selbstvertrauen sind Ingredienzen im Meistermix, welcher einem Grossteil der Mannschaften fehlt. Beim SCB hat die Mischung dagegen einmal mehr – und allen Untergangsszenarien zum Trotz – perfekt gestimmt, als es um alles oder nichts ging. Die Berner blieben auch in Zeiten des revolutionären Aufbegehrens das Mass aller Dinge. Und sind deshalb der verdiente Meister. Ohne Wenn und Aber.

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