Eishockey
Nashville, Nino Niederreiter und eine Hockey-Sternstunde in Prag

Ein grosser Abend für unser Hockey: Beim NHL-Saisonstart sind die Schweizer in Prag zahlreicher, wichtiger und erfolgreicher als die Tschechen. Nashville besiegt San José 4:1.

Klaus Zaugg, Prag
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Den Nashville Predators (gelbe Trikots) gelang ein deutlicher Sieg in Prag.

Den Nashville Predators (gelbe Trikots) gelang ein deutlicher Sieg in Prag.

Keystone

Wie gut ist unser Hockey? Wir können unsere globale Bedeutung an verschiedenen Faktoren ablesen. Am einfachsten ist es, die Weltrangliste des Internationalen Verbandes (IIHF) zu befragen. Dort stehen wir hinter Finnland, Kanada, Russland, USA, Schweden und Tschechen auf Position 7. Vor der Slowakei und Deutschland.

Auch die Anzahl Spieler in der NHL sagt etwas aus. Bei diesem Ranking stehen wir hinter Kanada, den USA, Schweden, Russland, Finnland und Tschechien ebenfalls auf Rang 7.

Und dann sind wir an einem wunderbaren Freitagabend die gefühlte Nummer 1. So wie am 7. Oktober 2022 in Prag. Nashville besiegt zur NHL-Saisoneröffnung im ersten von zwei aufeinanderfolgenden Spielen San José 4:1.

Es ist nur ein Abend. Eine Momentaufnahme also. Lediglich die erste von mindestens 82 Partien für Nashville und San José. Aber es ist ein unvergessliches Hockeyfest. Eine längere Betrachtung lohnt sich. Schliesslich pflegte schon der grosse Kaspar Stockalper selbst über unwichtige Notizen den Titel zu setzen: Annotationes futuri saeculi necessarissimae (für künftige Jahrhunderte äusserst nützliche Anmerkungen). Na also. Kaspar Stockalper war im 17. Jahrhundert im Wallis ungefähr das, was heute Christian Constantin ist. Aber reicher, mächtiger und gebildeter.

Mehr Schweizer als Tschechen

Der «Wanderzirkus NHL» gastiert in Prag. In der Hauptstadt einer der ganz grossen Hockeynationen. Aber die Schweizer haben die wichtigeren Stars in der Manege: Roman Josi und Nino Niederreiter bei Nashville, Timo Meier bei San José. Die Tschechen haben nur zwei bei San José. Die Schweizer sind beim Auftaktspiel der besten Liga der Welt in Prag also zahlreicher, wichtiger und besser als die Tschechen. So etwas war vor 20 Jahren völlig, aber völlig undenkbar.

Der Chronist erinnert sich noch lebhaft an die 1980er Jahre. Keine Schweizer in der NHL. Die Vorstellung, dass nach dem Spiel in der Kabine ein Schweizer steht, um den sich die nordamerikanischen Chronistinnen und Chronisten scharen, um ihn zu befragen: absurd.

Es ist dann eine Sensation, als Mark Streit im Herbst 2005 bei Montréal einen Platz im Team erkämpft und als erster Schweizer Feldspieler in der NHL ankommt. Es ist ein historisches Ereignis. Sogar die «Schweizer Illustrierte» wird eine Delegation nach Montréal entsenden, um diesen neuen helvetischen Sporthelden abzubilden und zu beschreiben. Ein Star ist er in seiner ersten Saison noch nicht. In aller Ruhe kann der Chronist nach einem Spiel mit ihm plaudern. Weil sich sonst noch niemand für den Exoten aus der Schweiz interessiert. In dieser Zeit spotten die General Manager noch «Swiss Miss» wenn von Schweizern die Rede ist: Weil sie als Weichlinge gelten.

Und nun sind die Schweizer längst Titanen. Zu sehen und zu hören, wie sich bei Nashville vieles, manchmal alles um die Schweizer dreht, um Roman Josi und Nino Niederreiter, so wie sich einst in Edmonton alles um Wayne Gretzky und Paul Coffey oder in Calgary um Hakan Loob oder Al MacInnis drehte: Das ist erlebte Geschichte.

Die Fortschritte unseres Eishockeys entsprechen in dieser Beziehung etwa der 250 Jahre dauernden industriellen Entwicklung von der Dampfmaschine zum Computer. Im Hockey brauchten wir für den gleichen Fortschritt bloss 25 Jahren.

Nino Niederreiter überzeugt

Doch kehren wir nach Prag zurück. Nino Niederreiter trifft gleich im ersten Spiel (zum 3:1). Und auch beim 1:0 ist er mit auf dem Eis. Er wühlt, er jagt den Puck, zwischendurch blitzt immer wieder sein Spielwitz auf und er wird sich eine 2:0-Bilanz notieren lassen.

Nino Niederreiter bejubelt seinen Treffer zum 3:1.

Nino Niederreiter bejubelt seinen Treffer zum 3:1.

Keystone

Ein Traumstart. Darüber ist er – natürlich – glücklich und sagt in seiner Art, in der auf sympathische Weise immer ein wenig Schalk durchschimmert: «Ich wollte ja zu Nashville und Nashville wollte mich. Es ist schön, wenn ich nun zeigen konnte, dass der Klub und ich richtig entschieden haben…»

Coach John Hynes hat mit den beiden Flügeln Nino Niederreiter und Kiefer Sherwood, gelenkt von Center Ryan Johansen, gleich einen Traumsturm zusammengestellt. Niederreiter und Sherwood sind auf den Aussenbahnen «Puckjäger» (so nennt sie der Coach). Der Amerikaner ist einer der schnellsten Flügel der NHL, schneller als der Bündner und kontrolliert den Puck selbst in höchstem Tempo. Dafür ist Nino Niederreiter eine Spur rauer, robuster und hartnäckiger und mit dem kräftigen Spielmacher Johansen versteht er sich sowieso.

Auch General Manager David Poile freut sich. Nino Niederreiter hat er auf dem freien Markt eingekauft. Der Churer war nach dem Auslaufen des Vertrages bei Carolina ohne Kompensation an den vorherigen Klub zu haben. Seine Qualitäten waren bekannt. Weshalb er pro Jahr vier Millionen kostet.

Kiefer Sherwood ist hingegen eine Rolex vom NHL-Transferwühltisch. Sein Talent ist laufend übersehen worden. Nie gedraftet, bekommt er bei Anaheim doch eine Chance, aber nach Ablauf des Vertrages keine Offerte und wechselt zu Colorado und wird auch dort bald ins Farmteam verbannt.

Und so ist er nun bei Nashville im Sturm von Nino Niederreiter gelandet. Zum NHL-Minimallohn von 750 000 Dollar. Sein Vertrag läuft im nächsten Frühjahr schon wieder aus. Wenn er dann nicht Millionär wird, wann dann?

Kiefer Sherwood (rechts) feiert seinen Treffer.

Kiefer Sherwood (rechts) feiert seinen Treffer.

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Die erfolgreiche Integration von Nino Niederreiter und Kiefer Sherwood ist ein gutes Zeichen für die Chemie im Team. Chefcoach John Hynes sagt, die Europatournee, die Reise nach Bern und nun nach Prag habe beim Teambuilding geholfen. Und wenn Nino Niederreiter sagt, wie gut er aufgenommen worden ist, wie cool es bei Nashville sei, so sind das mehr als bloss die in Amerika üblichen höflichen Worte.

Nashville ist nun eine andere Mannschaft als beim 4:3 am letzten Montag in Bern. Roman Josi fliegt nicht mehr übers Eis. Auf dem engeren NHL-Eisfeld hat er weniger Platz. Dass er punktlos bleibt, ist bedeutungslos: Er war gegen San José trotzdem der dominanteste Verteidiger auf dem Eis mit gut 24 Minuten Einsatzzeit.

Vom Spektakel- zum strukturierten «Rumpelteam»

In Bern war Nashville phasenweise ein spielstarkes, schnelles Spektakelteam. Nun sehen wir eher ein schnelles, raues, sehr gut strukturiertes «Rumpelteam». Die San José Sharks sind mehr vom Eis gearbeitet als gefegt worden. Timo Meier ist immer und immer wieder hängen geblieben. Und spielt doch eine zentrale Rolle: Er lenkt den Puck zu Tomas Hertl und ermöglichte dem Publikumsliebling das 1:1.

Tomas Hertl ist seit 2013 bei San José, verdient diese Saison 8 Millionen und hat im Frühjahr einen Vertrag bis 2030 unterschrieben, der ihm insgesamt etwas mehr als 65 Millionen einbringen wird.

Er ist in Prag aufgewachsen, die grosse Attraktion im NHL-Wanderzirkus und ein wichtiger Grund, warum die Arena mit etwas mehr als 16 000 Männer, Frauen und Kindern fast ausverkauft ist. Unter 100 Euro gab es nirgendwo ein Ticket und die guten Plätze kosteten mehr als 200 Euro. In einer Stadt in der das Durchschnittseinkommen weniger als 2000 Euro beträgt.

Aber eben: Ohne Schweizer Hilfe, ohne Timo Meier hätte Tomas Hertl kein Tor erzielt. Wenn die Schweizer im Eishockey in Prag in jeder Beziehung besser, wichtiger und erfolgreicher sind als die Tschechen.

Wahrlich eine Sternstunde für unser Hockey.