Eishockey
Nach Ausraster: Ist HCD-Coach Christian Wohlwend Lausbub oder Märtyrer?

Davos-Trainer Christian Wohlwend ist ausgerastet. Aber er könnte aus der Sache als heimlicher Sieger hervorgehen.

Klaus Zaugg
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Die Partie steht 1:1. Nach 58.08 Minuten schickt Schiedsrichter Daniel Stricker HCD-Verteidiger Jesse Zgraggen wegen eines Stockschlages auf die Strafbank. Die Zuger nützen den Ausschluss 15 Sekunden vor Schluss zum Siegestreffer. HCD-Trainer Christian Wohlwend rastet aus und schmeisst mehrere Trinkflaschen Richtung Schiedsrichter. Die stehen allerdings weit ausser Wurfweite.

Der Schiedsrichterentscheid versetzt Davos-Trainer Christian Wohlwend in Rage.

Der Schiedsrichterentscheid versetzt Davos-Trainer Christian Wohlwend in Rage.

Bild: Martin Meienberger/freshfocus

Es ist kein Fehlentscheid. Regeltechnisch ist diese Strafe hundertprozentig korrekt. Sie basiert auf dem Regelbuch. Regel 183, Absatz IV, sagt nämlich unmissverständlich: «Einem angreifenden Feldspieler ist es nicht erlaubt, mit dem Stock nach dem Handschuh des Torhüters zu stossen, zu klopfen oder zu schlagen, nachdem der Torhüter den Puck hielt, egal, ob der Handschuh auf dem Eis oder in der Luft ist.»

Temperamentsausbruch von Wohlwend hat Folgen

Für dieses „Nachstochern“ des HCD-Verteidigers KANN also gemäss Regelbuch eine Zweiminutenstrafe ausgesprochen werden. Aber diese Strafe ist nicht zwingend notwendig. Sie MUSS nicht ausgesprochen werden. Ermessensspielraum. Wir haben es hier mit einem korrekten, aber äusserst unglücklichen Schiedsrichterentscheid zu tun. Kein Schiedsrichter, der bei Sinnen ist, spricht eine solche Strafe in den letzten Minuten eines Playoffspiels aus, das 1:1 steht.

Der Temperamentsausbruch von Christian Wohlwend hat Folgen. Die Ligaführung hat als Gralshüterin der guten Sitten beim Einzelrichter ein Verfahren beantragt. Das wäre eigentlich nicht mehr nötig gewesen. Die Integrität der Schiedsrichter ist weder verbal noch auf sonst eine Weise verletzt worden. Die Unparteiischen standen weit ausserhalb des «Gefahrenbereiches». Alles, was es hier zu beanstanden gibt, ist fehlender Anstand. Wohlwend wird eine Busse aufgebrummt bekommen. Und sich dann, wenn er die Banküberweisung tätigt, noch ein zweites Mal ärgern.

Klüger wäre es gewesen, die Sache ruhen zu lassen. Christian Wohlwend ist mit einer Spieldauerdisziplinarstrafe belegt worden. Das hätte gereicht. Aber nun wird mit dem Verfahrensantrag der Liga die Sache erst recht aufgekocht. Wer sich sonst nicht mit Hockey befasst, findet das Verhalten des HCD-Coaches degoutant. In Hockeykreisen aber findet er durchaus Verständnis: Ein Playoffspiel wegen eines solchen unglücklichen Schiedsrichterentscheides verlieren – da haben sehr, sehr viele Verständnis. Sagen es aber nicht.

Wohlwend ist schon mit einigen verbalen Aussetzern in die Kritik geraten. Zuletzt wegen öffentlicher Zusammenfaltung seines Torhüters Sandro Aeschlimann. Das goutieren weder Spieler noch Fans noch Verwaltungsräte. Dafür gibt es kein Verständnis. Schon gar nicht beim HCD, wo auf die Aussenwahrnehmung so viel Wert gelegt wird.

Position des HCD-Coaches in Davos gestärkt

Aber wenn ein unglücklicher Schiedsrichterentscheid, der zur Niederlage führt, der Grund für einen Temperamentsausbruch ist, dann ist die Sache eine andere. Dann ist der Coach nach innen sozusagen der Märtyrer, der sich für seine Jungs «opfert». Und da mit dem Begehr um Untersuchung (Verfahrenseröffnung) von höchster Stelle von der Liga der Sache erst richtig Bedeutung gegeben wird, mutiert Wohlwend vom Lausbuben zum Märtyrer. Denn die Unsinnigkeit der Strafe ist offensichtlich. Dem HCD-Feuerkopf hilft der populistische Reflex: «Wir allein gegen die Schiedsrichter- und Ligamafia aus dem Unterland.» Schiedsrichter Daniel Stricker hat Wohlwend unfreiwillig zum Märtyrer gemacht. Es ist das erste Mal, dass es einen einigermassen verständlichen Grund für einen Gefühlsausbruch des HCD-Coaches gibt.

HCD-Präsident Gaudenz Domenig äussert sich zum Vorfall nicht und resümiert zur Position von Wohlwend, der noch einen Vertrag bis zum Ende der nächsten Saison hat: «Wir werden die Saison in aller Ruhe analysieren. Die sportlichen Ziele haben wir erreicht.» Die ganze Episode hat die wacklige Position von Wohlwend in Davos gestärkt. Er ist intern so etwas wie ein heimlicher Sieger. Zumindest so lange, bis er das nächste Mal in einer weniger passenden Situation ausflippt.