EISHOCKEY
Das Playoff-Out ganz nah – Der HC Lugano hat ein Goalie- und ein Trainer-Problem

Die Rapperswil-Jona Lakers besiegen Lugano 3:1 und brauchen noch einen Sieg für den ersten Halbfinal seit 2006.

Klaus Zaugg
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HC-Lugano-Torhüter Niklas Schlegel ist statistisch der schwächste Torhüter in den bisherigen Playoffs.

HC-Lugano-Torhüter Niklas Schlegel ist statistisch der schwächste Torhüter in den bisherigen Playoffs.

Bild: Patrick Kraemer / Keystone (Rapperswil, 19. April 2021)

Wenn der Verstand und die Leidenschaft über mehr Geld und Talent siegen: So lässt sich die heraufziehende Morgenröte einer grossen Überraschung etwas polemisch auf einen Nenner bringen. Noch sind die Lakers nicht im Halbfinal. Noch brauchen sie einen Sieg für den ersten Halbfinal seit 2006. Damals unter Cheftrainer Bill Gilligan. Der Amerikaner verliess dann die Lakers ebenso wie jetzt Jeff Tomlinson. Noch kann Lugano mit drei Siegen in Serie die grösste Schmach seit dem Viertelfinal-Scheitern im Frühjahr 1992 gegen den ZSC abwenden. Der Titan taumelt. Aber er ist noch nicht gestürzt. Zum Verstand: Seit das Hockey erfunden worden ist, gibt es eine goldene Regel: Ein grosser Torhüter ist nicht alles. Aber ohne grossen Torhüter ist alles nichts. Nun sagen uns alle, Eishockey sei ein Mannschaftssport. Aber die Torhüter sind die Einzelsportler in einem Teamsport.

Die letzten Männer schreiben die Heldengeschichten. Nicht umsonst pflegte der legendäre Dave King seine Coaching Lehrgänge mit dem Satz zu beenden: «Meine Herren, wenn Sie keinen guten Torhüter zur Verfügung haben, dann vergessen Sie alles, was Sie in den letzten Stunden gehört haben.» So war es, so ist es und so wird es immerdar sein.

Unentschlossen und energielos

Statistisch ist Niklas Schlegel der schwächste Goalie der bisherigen Playoffs. Was nicht ganz überraschend kommt: Er ist schon bei den ZSC Lions und in Bern gewogen und als zu leicht für die Nummer 1 befunden worden. Wäre diese Serie bisher mit ausgetauschten Goalies – Melvin Nyffeler bei Lugano, Schlegel bei den Lakers im Kasten – also anders gelaufen? Wahrscheinlich schon. Obwohl Schlegel gestern zwar kein grosser, aber immerhin ein guter Goalie und an der Niederlage unschuldig war. Das Problem: Dieses Lugano kann eben nur mit einem grossen Goalie gewinnen. Womit wir bei der Leidenschaft wären: die Vordermänner von Schlegel wirken bis weit ins Schlussdrittel hinein zu passiv. Sie treten zu wenig entschlossen auf. Als wären die Energietanks auf Reserve. Sie wirken viel zu lange nicht so, als wären sie auf einer Mission. Fast so wie auf der Auslaufrunde am Ende einer anstrengenden Saison. Am Schluss gibt es noch ein wenig Drama. Aber der Ausgleich fällt nicht.

Es fehlt nicht nur am Goalie. Es fehlt hinten und vorne. Es braucht offenbar auch jemand, der Lugano Beine macht. Der freundliche Serge Pelletier kann die Spieler nicht aus der Komfortzone scheuchen und ist deshalb sehr beliebt. Freundliche Trainer, die bei den Spielern beliebt sind, kommen in den Playoffs in der Regel nicht sehr weit. Kann es sein, dass Lugano noch den Trainer feuert, um am Mittwoch das Ausscheiden zu verhindern? Weil es die einzige Massnahme ist, die noch bleibt? Serge Pelletiers Vertrag läuft sowieso aus und Sportchef Hnat Domenichelli könnte kurzfristig übernehmen. Domenichelli sass gestern auf der Tribüne und machte in seinem Notizbuch Notizen. Entweder überbringt er seine zu Papier gebrachten Erkenntnisse seinem Trainer als nützliche Tipps für die Vorbereitung des Mittwoch-Spiels. Oder er feuert ihn. «Nein, das werde ich nicht tun», sagt Luganos Sportchef. Auch nicht, wenn ihn Präsidentin Vicky Mantegazza dazu auffordert? «Niemand fordert mich auf, den Trainer zu entlassen. Wir werden am Mittwoch ein grosses Spiel sehen.» Sein Wunsch in Gottes Ohr.

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