Gipfeltreffen
Eishockey-Boss René Fasel geht vor der WM mit Weissrusslands Diktator Lukaschenko auf Schmusekurs

Im Frühling sollen die Eishockey-Weltmeisterschaften der Männer in Weissrussland und Lettland stattfinden. Trotz Corona-Pandemie und politischen Unruhen. Nun traf sich René Fasel vom Weltverband mit dem weissrussischen Machthaber Alexander Lukaschenko.

Simon Häring
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René Fasel begrüsst Alexander Lukaschenko mit einer Umarmung.

René Fasel begrüsst Alexander Lukaschenko mit einer Umarmung.

zVg

Bilder von herzlichen Umarmungen lösen in Zeiten von Corona schon an sich Unbehagen aus. Besonders befremdlich ist aber, wie René Fasel am Montag in Minsk Weissrusslands Machthaber Aleksander Lukaschenko in die Arme fiel.

Im Frühling sollen in Weissrussland die Eishockey-Weltmeisterschaften stattfinden - trotz Corona-Pandemie. Und vor allem trotz der Unruhen, die das Land seit den Wahlen im letzten August erschüttern. René Fasel will es so. Und der Eishockeyweltverband will es so, den Fasel seit 26 Jahren präsidiert. Man müsse Sport und Politik trennen, sagt Fasel. Lukaschenko vertritt einen fundamental anderen Standpunkt. «Sport ist grosse Politik, besonders Eishockey», sagte er einst dem britischen TV-Sender «BBC». Nicht zufällig steht der Mann, der seit 1994 an der Spitze des Landes steht, und den Politbeobachter als «letzten Diktator Europas» bezeichnen, auch dem Nationalen Olympischen Komitee Weissrusslands steht er vor.

Die Expertenkommission des Weltverbands sieht die Austragung der Weltmeisterschaften skeptisch – offiziell wegen der Corona-Lage im Land. Die Wirklichkeit zeigt sich in den seit der Wahlfälschung Lukaschenkos anhaltenden Protesten und deren brutalen Niederschlagung. Die Bilder der Demonstranten, der Verhafteten, der Gefolterten und der Getöteten sind ein beklemmendes Zeugnis. Anfang Dezember wurde die Weissrussisch-schweizerische Doppelbürgerin Natalie Hersche aus St. Gallen zu über zwei Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem sie an friedlichen Protesten teilgenommen hatte. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat Lukaschenko suspendiert. Diese Woche sagte Fasel, dass die IIHF nach Ersatz suche, man spreche mit «Vertretern anderer Verbände». Nun traf er Lukaschenko in Minsk. Ende Monat soll eine Entscheidung fallen.

Lukaschenko und Fasel trafen sich in der Hauptstadt Minsk.

Lukaschenko und Fasel trafen sich in der Hauptstadt Minsk.

Nikolai Petrov / AP

Dänemark droht mit Boykott, Schweiz wartet ab

Doch die Frage sei erlaubt: Wer sollte Interesse daran haben, kurzfristig als Organisator einzuspringen? Wer weiss, ob im Mai überhaupt Fans in die Hallen dürfen. Und, wenn ja, wie viele? Aufgedrängt hat sich bisher nur Russland mit St. Petersburg. Aber wegen des Staatsdopings dürfen dort bis 2022 keine internationalen Sportveranstaltungen ausgerichtet werden. Inzwischen scheint eine Absage - wie schon im Frühling 2020, als die WM in der Bern und Lausanne hätte stattfinden sollen - wahrscheinlicher als eine Verlegung. Das dürfte zu Diskussionen mit Vermarkter Infront führen. Der Vertrag wurde erst vor zwei Jahren verlängert, von 2024 bis 2033 erhält der Eishockey-Weltverband dafür 500 Millionen Franken.

Widerstand gegen die Weltmeisterschaften in Weissrussland kommt auch aus der Eishockey-Familie. Co-Gastgeber Lettland fordert eine Verlegung. Und Dänemark droht als erstes Land mit Boykott. Der Schweizerische Eishockeyverband schrieb am Montagabend in einer Mitteilung:

«Wir verurteilen jegliche Form von Gewalt und Verstösse gegen Menschenrechte aufs Schärfste. Wir haben der IIHF unsere grosse Besorgnis in Bezug auf die Durchführung der A-WM in Minsk bereits mehrfach mitgeteilt und erwarten, dass der internationale Eishockeyverband baldmöglichst einen Entscheid trifft bzw. eine Erklärung abgibt. Eine sichere und erfolgreiche Durchführung und Teilnahme an der A-Weltmeisterschaft hat für Swiss Ice Hockey höchste Priorität. Wir sind uns unserer grossen Verantwortung bewusst und werden nie eine Delegation fahrlässig einem Sicherheitsrisiko aussetzen.

Der Schweizer Verband fordert eine Entscheidung und verurteilt die Gewalt in Weissrussland.

Der Schweizer Verband fordert eine Entscheidung und verurteilt die Gewalt in Weissrussland.

Andy Mueller/Freshfocus / freshfocus

Fasel steht Russland nahe. Und Russland wiederum Weissrussland. 1981 reiste er als Schiedsrichter in die Sowjetunion, «und ich fühlte mich sofort wohl», wie er der «NZZ» einst erzählte. 1986 brachte er die sowjetische Auswahl für ein Freundschaftsspiel in die Schweiz und dankte auf einem Bankett mit einer Rede auf Russisch. Er lehnt auch die Sanktion wegen Staatsdoping ab, und folgt der russischen Erzählung vom politischen Urteil. Das hat auch pragmatische Gründe: Die Eishockeywelt ist immer noch in Ost und West geteilt. Die NHL, wo die besten Spieler unter Vertrag stehen, stellte ihre Spieler für die Olympischen Spiele 2018 nicht mehr frei - Fasels grösste Niederlage. Er braucht die Europäer, und deren wichtigste Liga ist die russische KHL. Zahlreiche WM-Sponsoren kommen aus Russland.

Grund genug, um mit einem Diktator auf Schmusekurs zu gehen?

Wohl nicht. Möglicherweise hindert eine hohe Vertragsstrafe Fasel daran, Weissrussland die WM aus politischen Gründen zu entziehen, mutmasst die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Lukaschenko beharrt darauf, sein Land könne Weltmeisterschaften durchführen. Dem Eishockeyverband bliebe nur, einen Entzug mit der Corona-Pandemie zu rechtfertigen, wie es ihre Expertenkommission anregt. Diese bezeichnete Lukaschenko aber als «Psychose». Auf dem Eis gebe es keine Viren. Sport, vor allem Eishockey, sei die beste «Anti-Viren-Medizin». Oder Wodka. Der töte Viren ab.

Alexander Lukaschenko zu Beginn der Corona-Pandemie bei seiner Lieblingssportart: «Auf dem Eis gibt es keine Viren.»

Alexander Lukaschenko zu Beginn der Corona-Pandemie bei seiner Lieblingssportart: «Auf dem Eis gibt es keine Viren.»

© Andrei Pokumeiko / AP

Fasel wird möglicherweise versuchen, Lukaschenko zum Einlenken zu bewegen, um sein Gesicht zu wahren. Jüngst forderte er Regierung und Opposition auf, einen «Prozess der Versöhnung» einzuleiten.

Fasel wollte bereits im September des letzten Jahres das Präsidium des Eishockey-Weltverbands abgeben, nach den Weltmeisterschaften in der Schweiz. Doch wegen der Pandemie wurde das Turnier abgesagt und die Wahl des Nachfolgers verschoben. Stattdessen muss sich Fasel nun mit der Frage auseinandersetzen, ob sich Sport und Politik wirklich voneinander trennen lassen, wie er das propagiert. Auf Anfrage dieser Zeitung meldet er sich am Montagabend per SMS. Die Gespräche würden andauern, zur Zeit könne er keine Kommentare machen, nur so viel: «Es ist nicht einfach.» Beisse nicht die Hand, die dich füttert. Auch Fasel kennt dieses Sprichwort.