Analyse
Coronakrise: Weshalb eine Lex Fussball ein Eigentor wäre

Die Swiss Football League will so bald wie möglich die Saison fortsetzen und hat dazu dem Bundesamt für Sport ein detailliertes Konzept vorgelegt. Aber ist das wirklich der richtige Ansatz? Eine Analyse.

François Schmid-Bechtel
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François Schmid-Bechtel.

François Schmid-Bechtel.

Trainings in Kleingruppen ab kommenden Montag. Teamtraining ab dem 4. Mai. Und am 20. Mai – spätestens am 30. Mai – sollte die Super- und Challenge-League-Saison fortgesetzt werden. So steht es in einem geheimen Papier mit dem Titel «Konzept Covid-19 zur Wiederaufnahme des Trainings- und Spielbetriebs mit Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit», welches die Swiss Football League dem Bundesamt für Sport (Baspo) vorgelegt hat. Quasi ein Sonderzug für den Profifussball. Schliesslich gilt bis 8. Juni: Treffen von mehr als fünf Personen sind nicht gestattet.

Beim Baspo sickert durch, dass man einer Lex-Fussball keine Anschubhilfe leisten will. Was gleichermassen logisch und richtig ist. Allein schon die riesige Menge der limitierten Corona-Tests zugunsten der Fussballer, wenn sie denn wieder trainieren und spielen…wie soll man das begründen?

Der Schweizer Fussball reklamiert für sich, zumindest gesellschaftlich eine systemrelevante Position. Eine gewagte These. Sie gilt vielleicht für Deutschland, wo die Bundesliga in wenigen Wochen wieder Fahrt aufnehmen wird. Aber hier? Wird nicht spätestens jetzt offensichtlich, dass dem Fussball Bedeutung und Lobby fehlen? Selbst in Belgien und Holland, wo der Fussball einen höheren Stellenwert hat, wird der Saisonabbruch beschlossen. Warum dann diese Schweizer Zwängerei?

Sie ist Ausdruck von Verzweiflung. Schliesslich steigen schon im Normal-Modus die meisten Fussballklubs mit einem strukturellen Defizit in die Saison. Und ohne jährliche Finanzspritzen ihrer Aktionäre drohte gar der Ruin. Nun, wo keine Einnahmen generiert werden, spitzt sich die Situation weiter zu. Wie viele Klubs die Coronakrise überhaupt überstehen, ist offen. Ein Klubpräsident rechnet, dass dem Schweizer Fussball bis Ende Jahr 250 Millionen Franken an Einnahmen fehlen werden. Ob all die Mäzene und Aktionäre, von denen etliche ebenfalls unter den wirtschaftlichen Folgen leiden, dann noch die Löcher stopfen können, ist unwahrscheinlich.

Wann gibt es wieder Torszenen wie diese in Schweizer Stadien zu sehen? Die Antwort ist ungewiss.

Wann gibt es wieder Torszenen wie diese in Schweizer Stadien zu sehen? Die Antwort ist ungewiss.

Bild: Keystone

Eine starke Lobby wäre hilfreich bei der Mittelbeschaffung. Aber diese hat der Fussball nicht mal bei langjährigen Partnern. Anders lässt sich die jüngste, bislang unveröffentlichte Geschichte um den TV-Vertrag nicht interpretieren. Dieser läuft zum Ende der Saison 20/21 aus. Das Ziel war stets, mehr als die 30 Millionen auszuhandeln, die heute jährlich ausbezahlt werden. Aber dann kam Corona. Um Zeit zu gewinnen, wurde die Liga bei der Teleclub-Betreiberin Swisscom mit dem Angebot vorstellig, den Kontrakt um ein Jahr zu den alten Konditionen zu verlängern. Die Swisscom aber lehnte ab. Und deshalb musste der Modus-Entscheid (alles bleibt wie es war) übers Knie gebrochen werden.

Noch vor Wochen galt das Szenario Geisterspiele als No-go. Heute proklamiert der Fussball genau das. Mit einem detaillierten Konzept. Darin ist zum Beispiel festgehalten, dass die sanitären Anlagen des Kabinenbereichs vor Spielbeginn, während der 1. Halbzeit, nach Pause und nach der 2. Halbzeit mit desinfizierenden Mittel gereinigt werden sollen. Aber würden sich Geisterspiele überhaupt lohnen? Wahrscheinlich fehlt die Berechtigung für Kurzarbeit, wenn nur schon das Training wieder aufgenommen wird. Ausserdem wiegen die TV-Prämien – der Meister kassiert 3,2 Millionen Franken – kaum so schwer wie die Kosten für die verbleibenden Partien.

Eine Lex Fussball würde das verzerrte Bild von verwöhnten Millionären in kurzen Hosen schärfen. Weshalb sich ein Klubpräsident ernsthaft überlegt, die Spielersaläre zu veröffentlichen. Das wäre eine Möglichkeit zur Imagekorrektur. Denn wichtiger, als möglichst bald wieder zu spielen, wären nachhaltige Konzepte, die das Ansehen unseres Fussballs aufpolieren. Dabei geht es weniger um Stars, Titel und Millionen. Sondern um Transparenz, Bodenständigkeit und Kundenpflege. Wir brauchen eigene Ansätze. Das kann strengere Auflagen bei der Nachwuchsförderung beinhalten. Abgeschwächte Auflagen punkto Infrastruktur und Mitarbeiterstab. Oder eine Gehaltsobergrenze. Weiter den europäischen Hochglanzklubs hinterher zu hecheln, kann nicht der richtige Weg sein.

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