Grosse Befragung
Dieses Thema ist für Schweizer Spitzensportlerinnen ein grosses Tabu

Die grösste Umfrage aller Zeiten bei 406 Athletinnen aus dem Schweizer Elitesport hinterlässt deutliche Alarmzeichen und zeigt Handlungsbedarf in mehreren Bereichen auf.

Rainer Sommerhalder
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Es gibt Themen, über die Schweizer Sportlerinnen bisher lieber nicht sprachen.

Es gibt Themen, über die Schweizer Sportlerinnen bisher lieber nicht sprachen.

Die Spitzensportlerin, das unentdeckte Wesen. Der Nachholbedarf im Bereich der Trainingslehre und des Umgangs mit frauenspezifischen Themen ist quer durch den europäischen Sport nach wie vor gross.

Während an der renommierten Sporthochschule in der norwegischen Hauptstadt Oslo ein Langzeitprojekt im Gebiet «Menstruation im Leistungssport» läuft, hat Swiss Olympic im Frühjahr 2021 die grösste spezifische Umfrage aller Zeiten unter Spitzenathletinnen durchgeführt. Nun liegen die Ergebnisse vor.

408 Besitzerinnen einer Swiss Olympic Card aus 92 Sportarten haben die 55 Fragen zu typisch weiblichen, oft sehr persönlichen bis hin zu intimen Bereichen ihres Sportlerinnenlebens ausgefüllt. Obwohl ein Grossteil der Athletinnen angibt, Bezugspersonen zu haben, mit denen sie über diese Themen diskutieren können, deckt die Umfrage diesbezüglich doch ein grosses Tabu auf: die Belastungsinkontinenz.

Über Inkontinenz im Sport spricht man nicht

Die Befragung zeigt auf, dass es bei 20 Prozent der Sportlerinnen bei körperlicher Belastung wie Training oder Wettkampf mehr oder weniger regelmässig zu unfreiwilligem Urinverlust kommt. Besonders gefährdet sind Sportarten, bei denen Schläge auf den Körper entstehen oder gesprungen wird – etwa beim Laufen.

Ein Drittel der Betroffenen hat darüber noch nie mit einem anderen Menschen gesprochen. «Für eine Spitzensportlerin, die praktisch jeden Muskel ihres Körpers ansteuern kann, ist es eine unbekannte Hilflosigkeit, dass die Beckenbodenmuskulatur nicht mitspielt.

Obwohl das Problem kaum leistungsrelevant ist, ist es höchste Zeit, es zu enttabuisieren. Die Athletinnen sollen wissen, dass sie nicht allein sind», sagt Maja Neuenschwander, die Abteilungsleiterin «Frau und Spitzensport» bei Swiss Olympic, welche die Studie durchgeführt hat.

Zwei weitere Rückmeldungen der Athletinnen geben besonders zu reden. Dies deshalb, weil es starke Indizien sind, dass etwas mit dem Wohlbefinden nicht in Ordnung ist. 6 Prozent der Befragten gaben an, dass sie seit mindestens drei Monaten keine Menstruation mehr gehabt hätten, weitere 15 Prozent sagten aus, dass ihre Regelblutung unregelmässig erfolge. Dies sind Anzeichen für das Krankheitsbild des RED-S – eines relativen Energiemangels.

Wer im Spitzensport durch Leistung wiederholt mehr Energie verbraucht als dass er durch die Ernährung aufnimmt – betroffen sind Frauen und Männer -, kann schnell in ein chronisches Krankheitsbild abdriften. Hormonelle Störungen, massive Leistungseinbussen und Minderung der Knochendichte sind Folgen und im schlimmsten Fall entwickelt sich eine chronische Essstörung wie Magersucht.

Chronisches Energiedefizit kann dramatisch enden

Gerade in Norwegen machten in den vergangenen Monaten Fälle von jungen Langläuferinnen Schlagzeilen, die aus gesundheitsgründen Gründen sogar gegen ihren Willen vorübergehend vom Wettkampfsport ausgeschlossen werden mussten. Deshalb hat der Olympische Verband der Skandinavier zum Schutze der Betroffenen ein klares Handlungsprotokoll bis hin zur Schutzsperre entwickelt.

Eine weitere Rückmeldung der Befragung kann analog interpretiert werden. 40 Prozent aller Athletinnen gaben an, im Jahr 2020 mindestens einmal verletzt gewesen zu sein. Gut ein Drittel davon musste deshalb zwei Monate oder länger kürzertreten. Gerade bei chronischen Beschwerden wie Entzündungen oder Ermüdungsbrüche besteht ebenfalls eine mögliche Verbindung zu RED-S.

Maja Neuenschwander sagt, dass es in beiden Bereichen um Sensibilisierung geht, beim Thema der Menstruation auch darum, die Auswirkungen des Zyklus selber besser zu kennen und zu verstehen. «Die Athletinnen sollen wissen, dass Schmerzen nicht normal sind und man früh dagegen angehen muss. Und die Menstruation dient als zentraler Gesundheitsindikator.» Man wolle auch mit dem sich hartnäckig haltenden Mythos aufräumen, wonach eine ausbleibende Monatsblutung ein Zeichen für den guten Formstand sei.

Weitere Themen der Befragung waren Verhütung, Schwangerschaft, Ernährung und die Kommunikation. Die Rückmeldungen geben Swiss Olympic ein Bild, wo Handlungsbedarf besteht und Prioritäten gesetzt werden müssen. Etwa bei der 2022 geplanten Webinar-Serie für Athletinnen. Die Auswertung zeigt auch, dass der Ausbau eines Netzwerks mit Anlaufstellen vorangetrieben werden muss. Sportlerinnen sollen wissen, wohin sie sich mit welchem Thema wenden können.

Hohe Priorität geniesst bei Maja Neuenschwander der Aufbau einer Vertrauensbasis zwischen Athletin und Betreuungsperson, um solche Bereiche offen anzusprechen. Und letztlich dient die Studie dazu, die leistungsrelevanten Faktoren im Spitzensport individueller auf die weibliche Physiologie anzupassen.