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Diego Simeone und Atlético: Die Liebesgeschichte ist noch nicht vorbei

Nach dem 3:2-Erfolg gegen Liverpool an der Anfield Road kannte Atléticos Trainer Diego Simeone kein Halten mehr.

Nach dem 3:2-Erfolg gegen Liverpool an der Anfield Road kannte Atléticos Trainer Diego Simeone kein Halten mehr.

Atlético Madrid wehrte sich im Achtelfinal-Rückspiel gegen Liverpool mit allem, was es hat. Der Lohn: Der Einzug in die nächste Runde der Champions League. Für Trainer Diego Simeone ist es ein Befreiungsschlag.

Jürgen Klopp war sauer. Wahrscheinlich am meisten auf sich selbst und sein Team, der Deutsche aber versteckte seinen Ärger hinter einer Kritik am Gegner. Einem englischen TV-Sender sagte er: «Die Art, wie sie spielen – ich kapiere es nicht. Ich verstehe einfach nicht, dass sie mit der Qualität, die sie haben, diesen Fussball spielen.»

Diego Simeone, Klopps Antipoden, dürften diese Worte herzlich egal sein. Wenn, dann hat er sie als Kompliment aufgefasst. Der 49-Jährige hat mit seinem Zerstörer-Fussball genau das erreicht, was er sich vorgenommen hatte: Er hat Atlético in die Viertelfinals der Champions League geführt. Zum ersten Mal seit 2017.

Es war 1994, als die Liaison zwischen dem Madrider Arbeiterklub und dem feurigen Argentinier ihren Anfang nahm. Simeone war der Abräumer im Mittelfeld, er blieb drei Jahre, 2003 kehrte er für ein zweijähriges Gastspiel zurück. Der Name Simeone, er brannte sich ins Gedächtnis der Rojiblancos ein – 2011 verpflichteten sie ihn ein drittes Mal:
Dieses Mal als Trainer.

Diego Simeone hat dem Verein Erfolge geschenkt, von denen die in den Nullerjahren so gebeutelten Colchoneros, die Matratzenmacher, wohl nie zu träumen gewagt hatten. Zweimaliger Europa-League-Gewinner, Spanischer Meister und Pokalsieger, Champions-League-Finalist von 2014 und 2016. Die Spielweise, die Klopp am Mittwochabend so sehr bemängelte, sie wurde zum Erfolgsrezept des Club Atlético de Madrid S.A.D: hart, dreckig, an der Grenze zum Erlaubten, immer leidenschaftlich.

Die Ansprüche von Simeones «Braut» werden grösser

Und so ist dieser Fussball auch ein Abziehbild der Persona Simeone. Er, der sich nach einem Sieg auch mal mit beiden Händen in den Schritt fasst und der Weltöffentlichkeit inbrünstig seine «Cojones» präsentiert. Er, dem jedes Mittel recht ist, um seine Mannschaft zum Erfolg zu führen.

Für diese Hingabe lieben sie ihn im rot-weissen Teil der Hauptstadt. Nicht nur die Fans, auch die Spieler. «Er ist der Trainer, der mir alles gegeben hat», schwärmte Mittelfeldakteur Saul Niguez unlängst in der «NZZ».

Würde für seinen Coach durchs Feuer gehen: Mittelfeld-Maestro Saul Niguez (vorne).

Würde für seinen Coach durchs Feuer gehen: Mittelfeld-Maestro Saul Niguez (vorne).

Die Beziehung der Madrilenen zu ihrem Coach ist stark, sie hat sich über all die vielen Jahre gefestigt. Doch dieses Jahr bekommt sie erstmals Risse. Denn neben all den Jubelarien auf dem europäischen Parkett sollte nicht verschwiegen werden, dass Atlético in der heimischen Liga eine mittelmässige bis unterirdische Saison hinlegt.

Die Mannschaft ist derzeit nur Sechster, in 27 Spielen hat sie erst 31 Tore erzielt, da hilft irgendwann auch die gewohnt starke Defensive (21 Gegentore) nicht weiter. Mehr oder weniger offen haben sie in der Führungsetage darüber diskutiert, ihren Trainer vor die Tür zu stellen. Gewissermassen trägt Simeone selbst Schuld daran: Bei Atlético sind sie vom Erfolg verwöhnt geworden, die Ansprüche seiner «Braut» werden grösser. Für Romantik ist nur noch wenig Platz, im Millionengeschäft Fussball sind Resultate wichtiger.

Mit dem 3:2-Sieg im Achtelfinalrückspiel gegen Liverpool konnte Simeone die Beziehung vorerst vor ihrem Ende bewahren. Die erste Sitzung der Paartherapie hat gefruchtet.

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