CSI Basel

Die Weltnummer 1 Martin Fuchs im Interview: «Ich habe zehn Minuten lang geweint»

Für etwas Futter aus der Hand von Martin Fuchs posiert auch der Schimmel Silver Shine gerne fürs Foto.

Für etwas Futter aus der Hand von Martin Fuchs posiert auch der Schimmel Silver Shine gerne fürs Foto.

Martin Fuchs, die neue Nummer 1 der Welt, spricht am Heimturnier in Basel über sein Erfolgspferd und einen emotionalen Moment.

Martin Fuchs, Sie sind ohne Ihr Weltklassepferd Clooney in Basel am Start. Wo ist er?

Martin Fuchs: Daheim. Aber er wird nur am Samstag herkommen, wo er zum Springpferd des Jahres gekürt wird. Clooney hatte ein strenges Jahr hinter sich. Mit Hinblick auf die Olympischen Spiele in Tokio bekommt er jetzt eine zweimonatige Wettkampfpause.

Wie merken Sie, dass ein Pferd eine Pause braucht?

Ich merke es nicht, weil Clooney eigentlich gar keine Pause braucht. Ich habe Clooney seit sieben Jahren und er hat noch nie einen Tag gelahmt. Holz anfassen. Das liegt vielleicht daran, dass wir ihm jedes Jahr eine Pause gönnen.

Machen Sie sich in Basel, wo Sie in den letzten beiden Jahren jeweils die Hauptprüfung mit Clooney gewannen, das Leben extra schwer?

Nein. Es liegt allein an der Saisonplanung mit Olympia. Durch die Pause ist er hoffentlich im Sommer in Topform. Ich würde natürlich am liebsten immer mit Clooney reiten, weil mit ihm die Siegchancen am grössten sind, aber das geht nicht. Ausserdem ist es wichtig, ein Reservepferd für Tokio zu haben. Da ist Silver Shine, mit dem ich hier in Basel im Weltcup starte, ein Kandidat.

Sie starten in Basel erstmals in Ihrer Karriere als Weltnummer 1.

Ich habe mich ziemlich gepusht, um die Nummer 1 zu werden. Jetzt mache ich mir nicht mehr so viel Druck. Natürlich will ich vorne bleiben, aber jetzt bin ich die Eins zumindest einmal gewesen. Das ist ein spezielles Gefühl.

Sie sind ein guter Rechner. Seit wann wussten Sie, dass Sie die Nummer 1 werden?

Das will ich eigentlich nicht sagen, weil ich meinem Freund Steve Guerdat nicht öffentlich ärgern will… Ok, als er in London den Abwurf hatte, wusste ich, dass es für mich reicht.

Waren Sie trotzdem überrascht, als Anfang Januar das bestätigende Telefonat vom Weltverband kam?

Im Auto kamen dann die Emotionen hoch. Es kam ein schönes Lied im Radio. Ich musste am Waldrand, zwei Minuten vor daheim, anhalten und habe zehn Minuten lang vor Freude geweint.

Was war das für ein Lied?

Memories von Maroon 5. Dann habe ich noch das Lied angemacht, das für meinen Grossvater an dessen Beerdigung gespielt wurde. Diese Emotionen, für die Leute die das leider nicht mehr miterleben können. Das war schon ein sehr schöner Moment. Die Nummer 1 ist etwas vom Grössten, was du als Reiter erreichen kannst. Die ganze Saison muss gut gewesen sein, viele Pferde haben ihren Anteil daran.

Vor allem Clooney. Was macht ihn zu so einem Ausnahmepferd?

Er ist intelligenter als die meisten anderen Pferde und will einfach keine Fehler machen. Und vor allem merkt er in den wichtigen Springen irgendwie, dass er noch etwas mehr bringen muss.

Welchen Anteil haben Ihre Pferde an Ihrem Erfolg? Ist das vergleichbar mit der Formel 1, wo der Fahrer im besten Auto im Normalfall gewinnt?

Nein, so nicht. Aber meine Pferde haben an der Nummer 1 einen Riesenanteil. Ein Clooney reicht da nicht. Du brauchst vier bis sechs siegfähige Pferde.

Trotzdem trainieren Sie die Pferde. Wo haben Sie Clooney entdeckt?

Einer meiner besten Kollegen, dessen Freundin Clooney geritten hat, hat mir von ihm erzählt. Dann haben wir ihn Probe geritten und gekauft.

Wer kauft dann das Pferd?

In diesem Fall ein Pferdebesitzer, der ihn später weiterverkauft hat. Mittlerweile gehört Clooney Luigi Baleri. Er stellt mir seine Pferde zur Verfügung. Luigi ist seit 14 Jahren mein Pferdebesitzer, hat mich als Junior von der Schule abgeholt und zu Turnieren gefahren. Er ist ein zweiter Vater für mich.

Ist es schwierig, ein Weltklassepferd wie Clooney zu behalten?

Ja, sehr. Es gibt viele Anfragen. Bei Clooney ist aber mittlerweile klar, dass er nicht zu verkaufen ist. Aber trotzdem gab es im letzten September ein grosses Angebot im zweistelligen Millionenbereich, das Luigi ausgeschlagen hat.

Wie viel haben Sie vor sechseinhalb Jahren für Clooney gezahlt?

Sagen wir: Einen vernünftigen Preis im Vergleich zu dem, was er heute wert ist.

Dann gehen wir davon aus, dass auch die Wertsteigerung im zweistelligen Millionenbereich liegt.

Ja. Aber wir haben auch andere Pferde für mehr Geld gekauft, die heute lange nicht so viel wert sind. Es braucht immer auch Glück. So ein Pferd wie Clooney zu finden, ist beinahe unmöglich. Wir hatten zuletzt ein gutes Händchen.

Wer reitet alle Ihre Pferde im Alltag?

Ich habe vier Bereiter plus meine Eltern. Dazu kommen Pfleger. Wir probieren, dass unsere Pferde möglichst viel Zeit ausserhalb der Box verbringen.

Bald gehen Sie wieder mit zehn Ihrer Pferde nach Florida. Wie funktioniert das Reisen?

Es gibt spezielle Cargo-Frachter. Da gibt es Firmen, die Transport und Einreise organisieren. Das ist teilweise etwas kompliziert. Um mit Pferden nach Amerika einzureisen, musst du nachweisen, wo sie sich in den letzten 60 Tagen aufgehalten haben. In Basel gibts dafür vom Tierarzt einen Stempel.

Wie verkraften die Pferde das Reisen?

Ich weiss nicht, wann ich zuletzt ein Pferd hatte, das nach einem Flug müde war. Ausserdem sind die Pferde so gute Sportler, dass sie sich nichts anmerken lassen. Sie könnten theoretisch auch drei Turniere nacheinander springen.

Geraten Sie als Reiter manchmal mit Tierschützern aneinander?

Manchmal gibt es Protest an Turnieren, da werden dann Tafeln hochgehalten oder so. Aber zu mir ist noch nie direkt einer gekommen, um zu diskutieren.

Was würden Sie entgegnen?

Ich würde zeigen, dass uns Reitern das Wohl unserer Pferde am wichtigsten ist. Allein finanziell sind sie so wertvoll, dass wir ihnen nichts Schlechtes wünschen. Wenn wir nicht zu 100 Prozent für sie schauen, können sie auch nicht 100 Prozent Leistung bringen. Dazu sind wir Reiter Fanatiker und in das Tier verliebt.

Denken sie manchmal, dass Clooney und Co lieber ein ganz normales Pferdeleben auf einer Weide führen würden?

Wenn sie es nicht gerne machen würden, wären sie nicht so gut. An Turnieren merken wir Reiter auch, dass unsere Pferde oft etwas fitter und motivierter sind als im Stall. Da merkst du schon, dass sie den Sport auch gerne machen.

In Basel sind Sie mit Ihren Pferden in letzter Zeit besonders gut. Was macht das Turnier so besonders?

Es ist sehr gut organisiert. Nicht nur für das Publikum sondern auch für Pferde, Reiter, Pfleger und Besitzer. Das schätzen nicht nur wir Schweizer sondern auch die internationalen Weltklassereiter. Deswegen kommen fast alle nach Basel. Auch die Bodenverhältnisse und das hilfsbereite Personal zeichnen das Turnier in Basel aus.

Spüren Sie, dass ein Turnier wie Basel nicht nur für die elitäre Reitszene sondern auch für die breite Masse interessant sein möchte?

Schwierig zu sagen. Ich glaube, dieses Ziel haben andere Turniere auch. Aber man merkt schon, dass Basel probiert, auch für den Laien etwas anzubieten.

Ist diese Reiter-Bubble ein Problem?

Viele sagen, dass es unmöglich ist, Profi zu werden, wenn du nicht aus einer Reiterfamilie stammst. Aber das stimmt nicht. Mit Fleiss kannst du es schaffen.

Ohne Geld?

Ja. Du kannst dich nach vorne arbeiten. Es gibt viele Spitzenreiter, die nicht aus reichen Familien stammen.

Sie haben 2019 2,4 Millionen Franken Preisgeld gewonnen. Wie viel konnten Sie auf die Seite legen?

Zwischen 8 und 35 Prozent bleiben als Steuer im Land der Turniere. Dann habe ich den Deal mit meinem Pferdebesitzer, dass wir Halbe-Halbe machen. Dazu haben wir viele Angestellte und wollen für unsere Pferde immer das Beste. Futter, Heu, Streu: Da schauen wir auf Qualität. Aber ich habe auch ein paar Sponsoren und wir nehmen auch Geld mit dem Pferdehandel ein. Ich kann schon etwas auf die Seite legen.

Anderes Thema: Freut es Sie, dass Equipenchef Andy Kistler neuer Präsident des CSI Basel wird?

Ja, sehr. Willy Bürgin hat hier einen super Job gemacht, den CSI Basel von Null zu einen Fünfsterneturnier gemacht. Jetzt kommt Andy, der sehr nah an den Reitern ist, mit ein paar neuen Ideen. Ich habe ihm schon ein paar Tipps gegeben. Ich will jetzt aber nicht verraten was. Sonst steht Andy blöd da, wenn er es nicht umsetzt (lacht).

Wäre so ein Präsidiumsamt auch etwas für Sie?

Das ist noch viel zu weit weg. Aber wieso nicht. Ich bringe mich gerne ein und werde mein Leben lang etwas mit Pferden machen. Jedoch wäre mein Turnier wohl viel zu teuer, weil ich noch das und das und das machen will. Da bräuchten wir einen grossen Sponsor (lacht).

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